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Queer in der Kirche: Lisa Reckling und Anne Kersjes aus Goch in ARD-Doku

Zwei Frauen aus Goch outen sich in ARD-Doku : „Ich habe ausgeblendet, dass es eine Lüge war“

In der ARD-Dokumentation „Wie Gott uns schuf“ outen sich 125 nicht-heterosexuelle Menschen, die bei der katholischen Kirche eigentlich gar nicht beschäftigt sein dürften. Lisa Reckling und Anne Kersjes aus Goch gehören dazu.

Man darf nicht lügen. Das weiß jedes Kind, und wer katholisch erzogen wurde, dem ist dieser Satz auch als Gebot seiner Kirche sehr vertraut. Ganz bestimmt hat ihn auch Lisa Reckling, eine junge Sonderpädagogin, ihren Schülern gegenüber schon mal gesagt. Und sich innerlich womöglich ein wenig geschüttelt, denn sie selbst hat schon gelogen in einer Sache, die keine Kleinigkeit, aber bestimmt eine Notlüge war. Lisa, damals noch Elbers, musste die „Missio canonica“ erfüllen, um von der katholischen Kirche die Erlaubnis zu bekommen, Religionsunterricht zu geben. Dazu musste sie versichern, in einer privaten Situation zu leben, die die katholische Kirche akzeptiert. Für eine junge Frau bedeutet das: allein leben oder verheiratet mit einem Mann. Lisa hat allerdings vor kurzem ihre Lebenspartnerin geheiratet. „Indem ich unterschrieben habe, im Einklang mit der Lehre der katholischen Kirche zu leben, habe ich gelogen.“ Warum sie das tat und viele andere ebenso, berichtet die 30-Jährige in einer Dokumentation, die am Montagabend in der ARD ausgestrahlt wird (20.30 Uhr). „Wie Gott uns schuf“ heißt sie und stellt 125 Gläubige im Dienst der katholischen Kirche vor, die sich als „queer“ outen. Lisa, die eine Frau liebt, gehörte dazu.

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Bürgerlicher als die 30-jährige Gocherin kann man kaum aufwachsen. Familie Elbers ist im Ortsteil Kessel und in der Pfarrgemeinde tief verwurzelt. Mama Gabi ist Lehrerin in Goch, Papa Lothar war bei der Stadt und ist im Nebenberuf Diakon, Bruder Felix lebt in Münster als Diözesanvorsitzender des BDKJ. Natürlich war Lisa früh in der Pfarrei Gocher Land aktiv, ist dort Mitglied des Pfarreirats; niemand hat ein Problem mit ihr.

Lisa ist inzwischen mit ihrer langjährigen Partnerin verheiratet, beiden war dieser Schritt wichtig. Yvonne ist seit Jahren als Schwiegertochter akzeptiert, ist von Beginn an bei dörflichen Festen ebenso dabei wie bei Familienfeiern. „Meine ganze Familie, sogar die Omas, als sie noch lebten, haben Yvonne damals mit offenen Armen aufgenommen“, erzählt Lisa. Kennengelernt hatten sich die jungen Frauen im Fußballverein DJK „Ho.-Ha.“ (Hommersum-Hassum), der im Frauenfußball einen guten Namen hat. Industriekauffrau Yvonne ist übrigens keine aktive Kirchgängerin, findet aber klasse, wie sich ihre Frau engagiert und dass sie sich derart mutig für die queere Sache einsetzt.

Für die Missio canonica musste sogar ein Priester über Lisas untadeligen Lebenswandel berichten – er hat es getan, obwohl er natürlich Bescheid wusste. Denn für Lisa stand nie zur Debatte, ihre Partnerin zu verleugnen. Außer vor der Amtskirche. „Für mich stand im Fokus, dass ich unterrichten darf, denn das macht mir unfassbar viel Spaß. Ich habe ausgeblendet, dass es eine Lüge war, die mir den Start in meinen Wunschberuf ermöglichte. Aber jetzt ist es genug, ich will mein Gesicht zeigen, meine Stimme erheben, um zu zeigen, dass wir da sind. Dass ich da bin.“ Im schulischen Alltag spiele ihre sexuelle Orientierung keine Rolle. „Meine Schüler wissen, dass ich eine Frau habe, und finden das völlig normal. Ich will nichts verstecken, und Gott wollte das bestimmt auch nicht.“ Lisa geht ein Wagnis ein, denn die Missio könnte ihr auch entzogen werden. Ihr und vielen anderen, auf die die katholische Kirche kaum verzichten könnte.

So wie auch Anne Kersjes mutig sein musste, um endlich öffentlich zu sagen, dass sie mit einer Frau zusammenlebt. Die 39-Jährige arbeitet seit 2004 in einem Kindergarten katholischer Trägerschaft in Goch, und als sie eingestellt wurde, habe sie das Thema noch ausgeblendet. „Mein Arbeitgeber bekommt das heute bestimmt mit, aber es wird nicht thematisiert“, sagt sie im Fernsehbeitrag. Es ist bekannt, dass Erzieher rar sind, und dass sich Kollegen und Kolleginnen nicht bewerben, weil sie wegen ihrer Sexualität ausgegrenzt werden, mache sie wütend.

„Ich habe gebetet, gebangt, gehofft, dass es nicht so ist. Ich hab‘ mir das nicht ausgesucht“, sagt eine junge Frau in der Doku. Ein Kirchenrechtler erklärt, dass es als „schwerer Loyalitätsverstoß“ angesehen werde, wenn Beschäftigte im Kirchendienst die katholische Glaubens- und Sittenlehre nicht befolgten, und dass eine Kündigung, wenn dies auffalle, rechtens sei. 125 Betroffene hoffen, dass es ihnen nicht so ergehen wird. Sondern dass die Kirche nicht eine ihrer vielleicht letzten Chancen verspielt, für die Gläubigen von Bedeutung zu bleiben.

Ich habe ausgeblendet, dass es eine Lüge war,