Goch: Polsterermeister für die Gocher Prinzenkür

Goch : Polsterermeister für die Gocher Prinzenkür

RP-Serie Der Diamantene Meisterbrief: Der Gocher Gerhard Baumann erhielt die Urkunde vor drei Jahren bei der Altmeisterfeier.

"Eine Kundin wusste einfach alles besser, als wir in ihrem Wohnzimmer neue Gardinen aufhängen wollten. Ich sagte zu meinem Gesellen: 'Pack Deine Sachen ein, wir gehen'. Und es dauerte keine zwei Stunden, bis die Dame zu uns kam und uns bat, doch weiter zu arbeiten", schmunzelt Gerhard Baumann von der Brückenstraße 56 in Goch, wenn er an seine langjährige Tätigkeit als Handwerksmeister zurückblickt.

Am 19. April 1924 wurde der spätere Polsterer- und Dekorateurmeister geboren. 2011 konnte er bei der Altmeisterfeier den Diamantenen Meisterbrief entgegennehmen.

Eigentlich wollte er Bürokaufmann werden, doch die arme Zeit mit wenigen Lehrstellen sorgte dafür, dass er am 1. April 1938 bei Wilhelm Terhoeven in die Lehre kam. Mit ihm fing Heinrich Kronenberg als "Stift" an. Als der Meister zum Militär eingezogen wurde, kam Baumann für die letzten Monate seiner Lehrzeit zum Obermeister Heinrich Broekmann nach Kleve.

Bei einer 55-Stundenwoche war der Verdienst sehr gering. In der Hauptsache lernte er von Hand Polstermöbel herzustellen. "Mein Meister sagte: 'Wenn ich aus dem Urlaub komme, muss die Garnitur fertig sein", blickt er zurück. Dann galt es, die Holzgestelle mit Schaumstoff, Stahlfedern und Stoffen zu polstern und dabei geschickt mit gebogenen und geraden Nadeln, mit Schere, Polsternägeln und Zierkordeln zu arbeiten. Ein Polstererhammer und ein Nagelheber haben dabei die Zeit überlebt (siehe Foto).

Gerhard Baumann besuchte die Berufsschule in Goch, wobei Polsterermeister Peter Johannes den praktischen Teil unterrichtete. Am 2. Mai 1941 bestand Baumann vor der Innung des Sattler-, Tapezierer- und Polstererhandwerks in Kleve die Gesellenprüfung. Als Gesellenstück war ein Sofa zu polstern und ein Fenster mit Gardinen zu dekorieren.

Bis zu seiner Einberufung zum Militär im März 1942 arbeitete er als Geselle bei Heinrich Broekmann in Kleve. In diesem Jahr war die Hauptarbeit, die Fenster der Landesklinik Bedburg-Hau, in der Marinesoldaten untergebracht waren, mit Vorhängen zu verdunkeln.

Nach der Militärzeit in Russland und Italien nahm er, aus der Gefangenschaft entlassen, seine Arbeit im Februar 1946 bei Polsterermeister Peter Johannes wieder auf. 1949 kam er zur Firma Geschwister Abels in St. Tönis bei Krefeld. Zur Vorbereitung der Meisterprüfung, die er am 24. August 1950 vor der Handwerkskammer Düsseldorf bestand, besuchte er einen Meisterkursus in Krefeld.

"Für mein Meisterstück, ein Sofa, beförderte ich mit dem Fahrradanhänger das Gestell und die Zutaten von St. Tönis nach Süchteln", erzählt er. Der junge Meister war zunächst Mitinhaber der Firma Theodor Niemann in der Mühlenstraße in Goch. Danach war er selbstständig bis 1996. Insgesamt beschäftigte er sieben Lehrlinge und drei Gesellen. Er war stellvertretender Obermeister und ist seit Jahrzehnten Kolping-Mitglied. Ihm oblag die Dekoration der Gocher Sporthalle für die Prinzenkür und das dekorative Ausschmücken des Fronleichnamsaltares am Markt und später im Stadtparkpavillon in Goch. Schließlich kannte er sich als Dekorateurmeister, später Raumausstatter genannt, damit aus.

(RP)
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