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Pater Michael fand spät zu Gott.

Gottesweg : Die Liebe zum einfachen Leben

Michael Janmieling stammt aus Herne. Spät schlug er einen neuen Lebensweg ein. Jetzt wirkt der Geistliche in Uedem.

Blühende Bäume, eine große Wiese, Vogelgezwitscher – Ruhe, Zurücklehnen. Michael Janmieling atmet tief durch. „Zeit, nachzudenken, sich zu hinterfragen, ja.“ Aber? „Mir fehlen sie schon, die Maria-Magdalena-Gemeinde in Sonsbeck, die Gäste, die für Einkehrtage zu uns kommen, der Freundeskreis“, sagt Pater Michael, wie er seit seiner Priesterweihe genannt wird. Im Haus der Gemeinschaft der Seligpreisungen mitten in Uedem ist er Zuhause, liebt das einfache Leben, die regelmäßigen gemeinsamen Gebete und Gottesdienste mit den Brüdern, Schwestern und Laien im Haus und die in der katholischen Pfarrgemeinde, auch wenn diese derzeit brachliegt. „Es wird aber wieder“, bekräftigt er und lächelt. Und dann fällt ein einziges Wort: Gottvertrauen. Eins, um das er viele Jahre lang gerungen hat.

Pater Michael, 1969 in Herne geboren, war durch die Familie eigentlich katholisch sozialisiert. Der Vater, Hausmeister in einem katholischen, von Ordensschwestern geleiteten Kinderheim, betete für die Familie gern vor dem Gnadenbild „Unserer liebevollen Frau vom Himmelreich“ im Marienwallfahrtsort Eggerode. Der Ort liegt im Kreis Schöppingen. Die insgesamt 160 Kilometer fuhr der Vater mit dem Fahrrad, sonntags um drei Uhr in der Früh hin, und kehrte um 20 Uhr zurück nach Hause. Der Kirchgang mit Michaels Eltern, seinem Zwillingsbruder und der älteren Schwester war selbstverständlich. „Kommunion, Firmung, Messdiener – keine Frage“, sagt der 50-Jährige. Und dann, so mit 15 Jahren, der Bruch: „Ich wollte dazugehören, am Wochenende wurde getrunken, Kirche war nicht angesagt.“ Nach der mittleren Reife erlernte Janmieling das Maler- und Lackiererhandwerk, konnte sich einen alten schwarzen Ford leisten, war später auch eine Zeitlang als Auslieferungsfahrer tätig. Nach einer ausgiebigen Feier begingen er und sein Freund auch mal eine Fahrerflucht, nachdem sie ein parkendes Auto angefahren hatten.

Das Kreuz aus seinem Zimmer hatte er weggeworfen, das Gotteslob aber behalten. Warum? Pater Michael zuckt nachdenklich die Schulter: „Irgendwie hat mich die Frage nach dem Sinn des Lebens nie losgelassen.“ Bis 1990, mit immerhin schon über 20, da ließ er sich zu einem Kroatienaufenthalt von seiner Schwester überreden: „Fahren wir nach Medjugorje, das musst du erleben.“ „Ein tiefe persönliche Bekehrung“ nennt der Pater das, was in dem Marienwallfahrtsort folgte. Dort, in Bosnien-Herzegowina, knapp hinter der kroatischen Grenze, kommen jährlich gut eine Million, vor allem auch junge Menschen aus der ganzen Welt zusammen. Pater Michael sagt: „Die Erfahrung dort war für mein Leben sehr einschneidend. Niemals hatte ich vorher Kirche so lebendig erlebt.“

Ein Erlebnis, das ihn bis heute prägt. Beim nächsten Jahreswechsel auf einer Busreise zu eben dieser südosteuropäischen „Königin des Friedens“ lernte er eine Begleiterin kennen, die ihm von einer Gemeinschaft von Priestern, Schwestern und Laien im Kloster Haus Aspel in Rees-Haldern erzählte. Einer ersten Begegnung mit der bis 1993 noch „Der Löwe von Juda und das geopferte Lamm“ genannten Gemeinschaft folgten vier Jahre bis zum endgültigen Beschluss: „Ich möchte eintreten.“ Drei Jahre später stand für ihn nach langem Zögern fest: „Ich will Priester werden.“ Sein Vater ermutigte ihn: „An deiner Stelle würde ich es auch machen.“

Es folgte eine wiederum nicht einfache Zeit: Die 1973 in Montpellier gegründete „Gemeinschaft der Seligpreisungen“ lud zum Studium in die wunderschöne Stadt der 100 Glockentürme ein: Caen in der Normandie. Vorteil für Ausländer: Im streng Kirche-Staat-getrennten Land Frankreich benötigt ein Theologie-Student keine Altgriechisch-Kenntnisse. Französisch aber schon. Pater Michael erinnert sich wieder lächelnd: „Ein halbes Jahr lang gab es einen international besetzten Intensivkurs in Französisch.“ Bei der ersten Philosophieklausur im Studium war vor lauter roten Strichen und Anmerkungen das, was ich geschrieben hatte, gar nicht mehr zu erkennen. Das Grundstudium schaffte er dennoch, wechselte zum Hauptstudium für Spätberufene nach Heiligenkreuz in den Wienerwald – und musste erstmal „Latein richtig lernen“. Im Jahr 2006, nach einem Studienjahr in Israel und dem Diakonat in Oberursel, hatte Michael Janmieling es endlich geschafft. Er, der seine Abschlussarbeit über die heiliggesprochene Karmeliterin Theresia geschrieben hatte, wurde in deren Wirkungsstadt Lisieux zum Priester geweiht. Bis 2015 lebte er im Haus der Seligpreisungen in Bad Driburg, war Kurseelsorger und arbeitete im dortigen Pastoralverbund. Dann stand wegen Veränderungen in der Gemeinschaft für Pater Michael ein Umzug an – an den Niederrhein. Leicht gefallen sei ihm die Entscheidung zunächst nicht, gesteht er, aber zum Niederrhein habe er letztendlich doch „ein ganz besonderes Verhältnis“.

Den Wechsel, so Pater Michael, habe er nicht bereut. Drei Priester zählt die Gemeinschaft in Uedem sowie vier Schwestern, die ihre ewige Profess abgelegt haben und unter anderem im seelsorgerischen und caritativen Bereich tätig sind. Außerdem gehören zur Gemeinschaft mehrere Laien, die (teils fest angestellt) als Hausmeister, Koch, im Büro und für den riesigen Garten verantwortlich sind und mit ihren Ehepartnern auch auswärts wohnen.

Dass die derzeitige Lage angesichts der Corona-Krise nicht einfach ist, verkennt der Pater nicht. „Aber wir kommen für die nächste Zeit mit unseren Mitteln über die Runden.“ So müssen etwa Kursangebote abgesagt werden (siehe Info-Kasten). Aber die Gemeinschaft bleibt. Die Tische im Essraum wurden weiter auseinander gerückt, auch Nebenräume werden genutzt. Die Kapelle für die täglichen gemeinsamen Gebete wie Laudes und Vesper, die Messen und die eucharistische Anbetung vor der ausgesetzten Monstranz mit der Hostie, dem Allerheiligsten, bleiben dank der möglichen großzügigen Sitzverteilung erhalten: „Wir sind eben wie eine Familie“, sagt Pater Michael. Er spricht dabei auch von zurückliegenden Feiern, bei denen er gerne als Schauspieler humorvoll mit Blick von außen im „Knebel-Stil“ das tagtägliche Leben in einer Gemeinschaft auf die Schippe nimmt und schwingt sich aufs Rad. Noch ein, zwei Fragen.

Was er vermisst? Kanufahren, die Zeltlager mit Jugendlichen in Bad Driburg, Urlaub zum Beispiel in Ordenshäusern an der Nord- oder Ostsee, ja. Dann fällt sein Blick auf die „Fahrzeugtruppe“ vor dem Eingang: ein VW-Bus mit gut 300.000 Kilometern auf dem Buckel und zwei Pkw. Zu den Anlässen in Sonsbeck, Labbeck und Hamb fährt er mit dem Auto. Nie mit dem Zweirad: „Da komm‘ ich über die Sonsbecker Schweiz nur verschwitzt zu den Messen an, das geht nicht.“ Aber eins will er sich, der liebend gern zum Beispiel nach Xanten oder Kevelaer radelt, auf jeden Fall erhalten: Humor. „Ohne Lachen geht es bei uns im Christentum nicht.“ Spricht’s, lächelt, tritt in die Pedale. Ach ja, und die Zimmer im Haus müssen restauriert werden. Der Pater hält an: „Ich bin doch Maler und Lackierer…, Tschökes, Gottes Segen, bis bald.“