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Ohne echten Abschied verlässt Pfarrer Hürter das Gocher Land

Ein Pfarrer geht : Heinz-Norbert Hürter verlässt seine Dörfer

So hatte er sich seinen Abschied nicht vorgestellt: ohne Gottesdienste und persönliche Segenswünsche in beide Richtungen. Vorerst kann der Geistliche nicht einmal in seine Wahlheimat reisen.

Diese Wochen sollten für Norbert Hürter eigentlich ganz besonders intensive sein. Mit mehreren Gottesdiensten wollte er sich von seiner Gemeinde, die sich über sämtliche Gocher Dörfer erstreckt, verabschieden. Die allerletzte Zusammenkunft war für den 30. April in der Gaesdoncker Klosterkirche geplant. Schöne Begegnungen wären es geworden, gepaart mit der Vorfreude auf den neuen Lebensabschnitt. Denn Dr. Norbert Hürter, Pfarrer der Gemeinde Gocher Land, wird nicht nur seine Ortsteile verlassen, sondern gleich ganz Deutschland. Er hat den Bischof gebeten, seinen Dienst beenden zu dürfen. Hürter zieht’s nach Italien.

Wie berichtet, ist sein Plan, dort kirchliche Bildungsarbeit zu betreiben. Was genau das sein wird, ist jedoch noch unklar – Corona kam dazwischen. Hürter wird erst einmal bei Freunden in der Nähe von Rom leben. Wenn er überhaupt dorthin kommt. Denn derzeit ist Reisen praktisch unmöglich, ins Corona-gebeutelte Italien erst recht. Also hängt der 59-Jährige zunächst in der Schwebe, ist traurig darüber, sich von seinen Wegbegleitern am Niederrhein nicht adäquat verabschieden zu können und erzählt der Rheinischen Post umso lieber von seinen Jahren in Goch. Das waren viele. Viel mehr, als er selbst und wohl auch die meisten seiner Gemeindemitglieder erwartet hätten.

Vor 26 Jahren kam Norbert Hürter, der davor Kaplan in Xanten und davor in Steinfurt gewesen war, nach Kessel. Tatsächlich war der damals gerade mal 33-Jährige Pfarrer nur für Kessel und Hommersum zuständig, die anderen Ortsteile hatten noch ihre eigenen Geistlichen: Leuken in Asperden, Jörges in Pfalzdorf, Perau in Hülm, Jansen in Hommersum. Und nicht nur die geistliche Präsenz war eine andere: „Als ich hier anfing, gab es in Kessel noch einen Metzger, einen Bäcker, eine Poststelle, eine Bankfiliale, einen Blumenladen und sieben Gaststätten.“ Geblieben ist davon wenig.

Hürter hat in seinen frühen Gocher Jahren die Messdiener betreut, mit ihnen und der Frauengemeinschaft Ferienfahrten unternommen, kannte die jungen Leute, die den städtischen Jugendkeller besuchten, weil es oft dieselben waren, die auch in kirchlichen Gruppen aktiv waren. Natürlich war er zudem regelmäßig in Kindergarten und Grundschule zu Gast. Doch bei all dieser Nähe zur Gemeinde blieb Norbert Hürter immer ein wenig der Exot, denn sein Interesse ging immer über die eigene Pfarrei hinaus. „Ich habe an der Katholischen Hochschule in Nimwegen nebenher Philosophische Theologie studiert, was mir bei der Diakonausbildung zugute kam, die ich ab 1998 für den Niederrhein übernommen habe.“ Außerdem reiste der inzwischen promovierte Geistliche immer viel, vor allem nach Rom. Dort intensivierte er auch seine Kenntnisse im Weinbau, die der in Boppard am Rhein Aufgewachsene schon von Kind an hatte. Die Kesseler können sich deshalb seit vielen Jahren am Anblick eines Weinbergs an der St.-Stephanus-Kirche erfreuen. Für dessen weitere Pflege habe Hürter übrigens schon jemanden gefunden, berichtet er.

In Hürters Erinnerungen spielen das Hochwasser 1995, als er nur noch über Stege ins Pfarrhaus kam, eine Rolle, die Jahrtausendwende mit der Lichterprozession auf dem Wasser, das Kaiser-Otto-Jahr 2002 mit seinen Feierlichkeiten, die Pferdesegnungen immer am 2. Weihnachtsfeiertag. Viele Menschen hat er auf ihrem letzten Weg begleitet; nicht zuletzt für seine Beerdigungspastoral wurde der gebildete und feinsinnige Geistliche sehr geschätzt.

Wer neben Kaplan Aba, der erst einmal Pfarrverwalter sein wird, und den Diakonen und Pastoralreferenten für die Menschen in Kessel, Asperden, Pfalzdorf, Hülm, Hassum und Hommersum zuständig sein wird, das ist eine Frage, die noch eine Weile unbeantwortet bleiben dürfte.