Michael Janßen aus Kalkar-Niedermörmter erforschte das Schwarze Loch

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Der 27 Jahre alte Doktorand Michael Janßen ist Mitglied der Forschergruppe, die erstmals ein Schwarze Loch fotografiert hat. Der Wissenschaftler stammt aus Niedermörmter und arbeitet an der Radboud-Universität in Nimwegen.

Eine wissenschaftliche Sensation wurde der Welt in Brüssel präsentiert. Einem internationalen Team gelang es zum ersten Mal in der Geschichte, die Abbildung eines 55 Millionen Lichtjahre entfernten Schwarzen Lochs aus einer anderen Galaxie zu erzeugen. Daran beteiligt war auch der in den Niederlanden in Berg en Dal lebende Wissenschaftler Michael Janßen aus Kalkar-Niedermörmter, der als Doktorand an der Radboud-Universität in Nimwegen arbeitet.

Sobald Janßen von dem Projekt erzählt, ist er in seinem Element. Alles begann, als vor fast 20 Jahren Professor Heino Falcke von der Radboud auf die Idee kam, die von Schwarzen Löchern ausgehenden Wellen zu messen. „Mithilfe der EU-Fördergelder konnte das Projekt anlaufen, und wir können in einem 13-köpfigen Team in Nimwegen arbeiten“, erzählt der in Kalkar aufgewachsene Janßen.

Michael Janßen am Monitor in der Radboud-Universität Nimwegen mit weltweit verknüpften Teleskopstationen. Foto: Evers, Gottfried (eve)

Er selbst ist im Rahmen seines Masterstudiums im Bereich der Astrophysik vor etwa drei Jahren zum Projekt hinzugestoßen, auch in seiner Doktorarbeit setzt er sich damit auseinander. „Wir haben in Nimwegen optimale Voraussetzungen und ein topmotiviertes Team“, schwärmt er. Doch nicht nur an der niederländischen Universität arbeiteten Wissenschaftler an dieser historischen Herausforderung: Insgesamt 60 Institute und 200 Forscher aus aller Welt schlossen sich zusammen. Auch vom Miteinander in dieser riesigen Gemeinschaft zeigt sich Michael Janßen begeistert: „Wir haben einen tollen Zusammenhalt, weil alle auf ein Ziel hinarbeiten und politische und kulturelle Hintergründe keine Rolle spielen. Stattdessen findet ein intensiver Austausch statt.“ So wurden mehrere Videokonferenzen täglich angesetzt. Angesichts der Zeitverschiebung ein nicht immer einfaches Vorhaben. „Es ist nicht ungewöhnlich, dass wir bis in die Nacht arbeiten“, so der 27-Jährige, der auf zahlreichen internationalen Veranstaltungen in Afrika, Europa oder Amerika im Dialog mit seinen Kollegen war. Darüber hinaus zog es ihn 2017 für sechs Monate an das Massachusetts Institute of Technology in der Nähe von Boston, eine der renommiertesten Hochschulen der Welt.

Doch der wohl bahnbrechendste Auslandsaufenthalt sollte vor zwei Jahren in Mexiko stattfinden. Dort ist eines von acht Radioteleskopen rund um den Globus stationiert, die für die Ablichtung des Schwarzen Lochs von größter Wichtigkeit sind. Diese Teleskope wurden zu einem „Superteleskop“ (auch Event Horizon Telescope genannt) zusammengeschlossen, womit die ausgehenden Wellen gemessen und zu einem Bild zusammengefügt werden können. „Das ist notwendig, weil ansonsten das Auflösungsvermögen nicht hoch genug ist, um ein Foto machen zu können“, erklärt Janßen.

Schwarze Löcher gibt es im Zentrum von Galaxien. Sie entstehen bei einer Supernova, sobald ein Stern das Ende seiner Lebenszeit erreicht hat. Dabei konzentriert sich sehr viel Masse auf einem sehr kleinen Raum, wodurch aufgrund der hohen Anziehungskraft nicht einmal Licht entkommen kann – deswegen ist es auch so schwer, sie abzubilden. „Einmal darin gefangen, kommt nichts mehr heraus“, erläutert Janßen: „Sie sind die extremsten Objekte unseres Universums, weswegen das Bild auch so ein Meilenstein für die Wissenschaft ist.“ Vergleichbar sei die Bedeutung mit dem ersten Nachweis von Gravitationswellen, wofür es im Jahr 2016 einen Nobelpreis gab.

Im Jahr 2017 ging es für Janßen und sein Team in die Höhen der mexikanischen Berge, um während einer zehntägigen Reise die entscheidenden Aufnahmen zu machen. „Glücklicherweise hat auch das Wetter mitgespielt, das war eine ganz wichtige Voraussetzung“, so Janßen: „Das war schon nicht ohne. Auf 4600 Metern Höhe mussten wir unter Zeitdruck, mit öfter auftretenden technischen Problemen und bei schwierigen Bedingungen arbeiten, was unser Team aber noch mehr zusammengeschweißt hat.“ Dabei wurden alleine an seiner Station etwa eine halbe Millionen Gigabyte an Daten erzeugt. Im Anschluss wurden diese mit den Resultaten der anderen Forschungsstationen zu einem Datenzentrum in Boston und zum Max-Planck-Institut in Bonn geschickt und über Monate in mühevoller Arbeit zusammengefügt.

Auch Michael Janßen und die Wissenschaftler der Radboud waren daran beteiligt. Sein Part bestand darin, die Werte der Radiowellen zu „filtern“, da diese durch verschiedene Faktoren in der Atmosphäre bis hin zum Schwarzen Loch mit Abweichungen verbunden waren. Letztlich wurden die Werte aus den vielen Messungen zusammengesetzt und ergaben das historische Bild. Mit den Resultaten kann auch Einsteins Vorhersage der Relativitätstheorie in der extremsten aller Umgebungen überprüft werden: „Bisher werden alle seine Annahmen bestätigt“, erklärt Michael Janßen, dessen persönlich größtes Highlight „der Moment war, als wir die Abbildung in den Händen hielten.

„Danach folgten aber noch viele Monate, in denen wir das Ganze überprüft haben.“ Präsentiert wurden die Ergebnisse vor zwei Wochen in Brüssel, wo auch Michael Janßen war: „Im Gebäude daneben waren währenddessen auch noch die für die Brexit-Verhandlungen zuständigen Journalisten. Doch sogar diese sind in großen Teilen für die Präsentation bei uns gewesen. Man begreift schon, dass es monumental ist.“

Als nächstes Ziel haben sich die Wissenschaftler gesetzt, „dass Schwarze Loch in unserer Galaxie abzubilden“, blickt Janßen voraus. Für ihn wird es voraussichtlich im nächsten Jahr wieder zu einer Forschungsreise zu einem Teleskop gehen, dann aber nicht nach Mexiko: „Dort ist es letztes Mal zu einem etwas unangenehmen Vorfall gekommen“, erzählt er. Beim letzten Aufenthalt dort im Jahr 2018 wurden er und seine Mitfahrer auf dem Weg zur Teleskopstation von einer Gruppe schwer bewaffneter Männer angehalten. „Diese haben uns glücklicherweise passieren lassen. Da in der Region dort aber häufiger Konflikte zwischen der Regierung und lokalen Kartellen sind, ist das schon mit einem komischen Gefühl verbunden“, sagt Janßen.

In Erinnerung bleibt das Projekt bei ihm aber mit überwältigenden Eindrücken: „Die Zusammenarbeit und das Gefühlt, ein Puzzleteil dazu beigetragen zu haben, sind großartig. Wie es weltweit bei den Menschen aufgenommen wurde zeigt, dass wir etwas Großes geschafft haben.“

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