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LVR-Rheinlandtaler für Ruth Warrener

Auszeichnung : Rheinlandtaler für Ruth Warrener

Der Landschaftsverband Rheinland (LVR) zeichnet Jahr für Jahr Menschen aus, die sich in der regionalen Kulturpflege besonders engagieren. 2019 gehört Ruth Warrener dazu. Ihr Thema: das jüdische Leben in Goch.

Unter dem Begriff der „Kulturpflege“ lässt sich vieles einsortieren: Archäologie, Denkmalpflege, Mundart – und eben auch das Themengebiet, in dem sich eine Gocherin bestens auskennt: Das jüdische Leben in ihrer Stadt.

Ruth Warrener, Lehrerin an der Gesamtschule Mittelkreis, wollte, wie sie sagt, eigentlich schon immer zumindest eine Gedenktafel für die verfolgten und ermordeten Juden, die einst in ihrer Stadt lebten, haben. „Aber irgendwie kam es nie dazu, das Interesse war lange Zeit eher gering.“ Im Jahr 2003 fing sie mit einem Schulprojekt an, im Frühjahr 2005 wurden die jüdischen Grabsteine in Goch von einer 8. Klasse gereinigt, damit man ihre Inschriften wieder lesen konnte. Die Lehrerin versenkte sich immer tiefer in die Geschichte der Juden, recherchierte zunächst mit Hansi Koepp im Stadtarchiv, nahm Kontakt zu anderen Archiven und Behörden auf, wurde so sehr zur Expertin, dass sie im Jahr 2017 ein Buch schrieb, das der Heimatverein herausgab. Und sie ist einer der Motoren der Initiative „Stolpersteine“, die seit 2013 Erinnerungssteine an die Gocher Juden verlegt. Die Idee dazu hatte der Künstler Gunter Demnig, der mit seinem Projekt überall im Land dafür sorgen will, dass das Schicksal der früheren Mitbewohner niemals in Vergessenheit gerät.

In diesem Jahr werden 29 Männer und Frauen im Rheinland für ihren Einsatz im Bereich der rheinischen Kulturpflege mit dem Rheinlandtaler des Landschaftsverband Rheinland (LVR) ausgezeichnet. Das hat der Kulturausschuss im vergangenen Jahr beschlossen. „Die Damen und Herren leisten vor Ort wichtige Arbeit, die viel zu häufig unbeachtet bleibt. Sie sind als Botschafter für die rheinische Kultur unterwegs. Für den LVR sind sie unverzichtbar, denn sie ergänzen, bereichern und verstetigen unsere kulturellen Aufgaben“, erklärt Jürgen Rolle, Vorsitzender des Kulturausschusses. Mit dem Rheinlandtaler bedanke sich der Landschaftsverband für das Engagement der Ehrenamtler.

Auch Ruth Warrener bedankt sich – bei eben jenem Verband, der sie in einigen Monaten ehren wird. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird die Auszeichnung in Goch vorgenommen, denn es geht ja gerade um den Einsatz vor Ort. „Die ehrenamtlichen Tätigkeitsfelder unserer Preisträger reichen von Alltagskultur über Landes- und Regionalgeschichte bis zum Naturschutz, betrachten jedoch auch multinationales Zusammenleben oder grenzübergreifendes Engagement“, erklärt der Verband.

Bei Ruth Warrener kam mehreres davon zusammen. „Besonders gut gefiel der Jury wohl, dass ich nicht nur ein Buch geschrieben und in Archiven geforscht habe, sondern viele Kontakte knüpfte. Ich bin gereist, habe Briefe oder E-Mails geschrieben, Überlebende oder Verwandte von Opfern gefunden und einige von ihnen hier bei uns in Goch begrüßen können“, berichtet die 60 Jahre alte Lehrerin. Sehr geholfen habe ihr fraglos, dass sie sehr gut Englisch spricht – Ruth Warrener ist schließlich mit einem Briten verheiratet. „Zum Glück ist mein Mann auch historisch interessiert, so dass wir manches Gespräch auch gemeinsam führen konnten“, erzählt sie. Und wenn es ganz kompliziert wurde mit Genealogie- oder Friedhofsprogrammen in Online-Archiven, dann war der Muttersprachler Graham zur Stelle. „Dadurch, dass es mir gelungen ist, zum Beispiel in Israel oder den USA viele Angehörige der Gocher Juden aufzufinden, hat die Arbeit eine sehr persönliche Qualität entwickelt. Und es ist wunderbar zu wissen, dass auch ein wenig Aussöhnung gelungen ist. Es gibt Familien, in denen ,Goch‘ ein Schimpfwort war, da wollten sie nie wieder hin. Und doch bin ich im Laufe der Jahre mit einigen Kindern, Enkeln, Nichten oder Neffen durch Goch spaziert.“

Viele Stolpersteine haben Ruth Warrener und ihre Mitstreiter – dazu gehören unter anderen Pfarrerin Rahel Schaller, Johannes Janssen und Bärbel Neumann – in den Gocher Straßen verlegt. Immer waren Schüler dabei, die vorher im Unterricht gut informiert wurden und die sich nicht zuletzt durch die persönliche Herangehensweise an das Thema packen ließen. Zu wissen, in welchen Häusern, an denen sie heute entlang radeln, jüdische Männer, Frauen und Kinder lebten, die aus ihrer Heimat fliehen mussten und von denen dennoch viele ermordet wurden, lässt wohl kaum einen Schüler kalt. Und Ruth Warrener wird es nie zu viel, immer und wieder daran zu erinnern. Denn das sei ja die einzige Chance, die wir heute hätten, um eine Wiederholung der Geschichte zu vermeiden: das Vergessen nicht zuzulassen.