Goch: Integration auf dem Fahrrad

Goch: Integration auf dem Fahrrad

Auf Anregung der Verkehrswacht des Kreises Kleve gibt es derzeit einen besonderen Integrationskurs in Goch: Mit dem "Verein zur Betreuung Asylsuchender" wird erwachsenen Migrantinnen das Fahrradfahren beigebracht.

Am Niederrhein besitzt jeder Einwohner gefühlt 1,4 Fahrräder. Viele alltägliche Wege werden mit dem Rad erledigt, an den Sommerwochenenden wird so in den Nachbarorten nach dem Rechten gesehen und mancher Gocher lernt das Fahrradfahren noch vor dem Laufen. Die Fiets gehört hier zum Lebensgefühl wie die Zugehörigkeit zu einem der Karnevals- oder Schützenvereine. Umso mehr Verwunderung löst die Vorstellung aus, dass es Erwachsene gibt, die kein Fahrrad fahren können.

Wie zum Beispiel Tülay Gümüs. Seit zwanzig Jahren lebt sie in Deutschland, die letzten siebzehn davon hat sie in Goch verbracht. Sie beherrscht die Sprache mittlerweile so gut, dass sie auf Anregung des Vereins zur Betreuung Asylsuchender unter Vorsitz von Hilde Fielenbach-Hensel seit dem Sommer Gochs ersten Deutschkurs speziell für Frauen mit Migrationshintergrund anbietet. Und seit kurzem ist es so, dass die Schüler ihrer Lehrerin etwas voraus haben.

"Uns ist aufgefallen, dass für Frauen mit Migrationshintergrund im Ortsbereich oft das einzige Fortbewegungsmittel die eigenen Füße sind", sagt Falk Neutzer von der Verkehrswacht des Kreises Kleve und meint damit sowohl seine Beobachtungen als auch die von Monika Riße, die den Gocher GoFair-Laden leitet und für die interkulturelle Öffnung der Stadtbücherei zuständig ist. Neutzer: "Die Frage war also, wie mobilisieren wir diese Zielgruppe?" Nach einer Antwort musste der 45-Jährige nicht lange suchen: "Meine Frau kommt aus Hongkong, lebt seit 18 Jahren hier und kann immer noch nicht wirklich Fahrrad fahren", sagt Neutzer und muss über diesen Skandal am Niederrhein selbst lachen.

Über Riße kam es zum Kontakt mit dem Verein Fielenbachs und wenig später standen vierzehn Frauen aus Pakistan, Kosovo, Marokko und der Türkei auf dem Übungsgelände in Goch. Carlo Lörper vom gleichnamigen Zweiradhändler stellte vier Leihfahrräder zur Verfügung und schon konnte es losgehen. Unter dem wohlwollend strengen Blick von Peter Baumgarten, der als Vorsitzender der Klever Verkehrswacht sonst die Fahrradprüfungen in den Grundschulen abnimmt, wurde zunächst das Führen des Fahrrads gelernt, sowie das Abstellen, Hinlegen und Aufheben. Nach dem kleinen Einmaleins der Zweirad-Mobilität half Stadtbrandinspektor Georg Binn dabei, auf dem Feuerwehrgelände einen Geschicklichkeitsparcours aufzubauen und im angrenzenden Kompetenzzentrum der DLRG durften die Pausen verbracht werden. Hilde Fielenbach-Hensel, die an vielen der samstäglichen Übungsstunden dabei war, berichtete anschließend: "Bislang war es so, dass die Kinder Fahrrad fahren können und die Mütter hinterherlaufen müssen, das wird sich künftig ändern. Die Frauen werden mobiler und dadurch selbstständiger — und vor allem hat der Kurs allen unheimlich viel Spaß gemacht." Neutzer bestätigt: "Es gab auch Stürze, klar", doch das habe der Stimmung nicht geschadet. "Schon sehr früh war es vollkommen egal, wo wer herkommt. Es ging nur noch ums Radfahren."

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Für Mai sei zum Abschluss eine gemeinsame Radtour mit den Frauen, die zwischen Mitte 20 und 50 Jahre alt sind, geplant. Davor muss allerdings in den Wintermonaten jetzt gebüffelt werden, denn in Theoriekursen vermittelt Fahrschulinhaber Peter Görtz aus Goch die notwendigen Kenntnisse für die neuen Verkehrsteilnehmer.

Hier kann dann auch Deutschlehrerin Gümüs wieder punkten. Denn sie hat an den praktischen Übungen nicht teilgenommen. "Ich habe Angst vor dem Fahrradfahren", gab sie zu. Wegen der Geschwindigkeit. Sie fahre zwar Auto, "aber langsam". An ihrer Überzeugung, dass der "Fahrrad-Integrationskurs" wichtig ist, ändert das aber nichts. "Wenn sie lernen Fahrrad zu fahren, gehen sie auch aus dem Haus und haben Kontakte. Die Frauen müssen stark sein und ihre Chancen nutzen."

Und vielleicht sitzt Gümüs bei der nächsten Runde schon mit im Sattel.

(RP)
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