Infoabend in Goch: Alkohol in der Schwangerschaft schädigt Ungeborene

Gesundheitsvorsorge : „Alkoholkranke“ Kinder - Info-Abend im Goli

Wer in der Schwangerschaft Alkohol zu sich nimmt, gefährdet sein Kind stark. Info-Veranstaltung betroffener Pflegeeltern.

Georg Krebbers macht es sich in seinem Leben nicht leicht und erzielt damit einige Anerkennung. Der Mann, der in Goch als „Nils Neugier“ bekannt ist und örtliche Begebenheiten das Jahr über mit der Kamera festhält, hat schon vielen Mitbürgern Freude bereitet, wenn er im örtlichen Goli-Kino die selbst gedrehten Streifen in einer Gala vorstellte. Gocher wissen, dass Krebbers im Kevelaerer Krankenhaus als Pfleger arbeitet – anstrengender Schichtdienst, der vom Tag nicht viel Freizeit übrig lässt. Der Mann hat aber eine weitere Aufgabe, die ihn mindestens ebenso fordert: Gemeinsam mit seiner Frau Silke hat er drei Pflegekinder – und alle drei sind behindert. Zwei leiden unter „Fetalen Alkohol-Spektrum-Störungen“ (FASD, „D“ von englisch disease), einem Syndrom, das Folge von Alkohol in der Schwangerschaft ist. Das Ehepaar Krebbers will über das Thema aufklären und lädt alle Interessierten ein, am Donnerstag, 21. März, um 20 Uhr im Goli-Theater einen Film anzusehen und über das Thema zu sprechen.

Die Dokumentation zeigt, wie junge Menschen von acht Jahren bis zum Berufseinstieg mit ihrer Erkrankung leben. „Unsere große Tochter ist oft zornig, wenn sie an ihre leibliche Mutter denkt“, weiß Silke Krebbers. Denn die trägt mit einiger Sicherheit die Schuld daran, dass es dem 14-jährigen Mädchen oft nicht gut geht. Dass es Verhaltensauffälligkeiten zeigt, dass es extrem vergesslich ist, Erlerntes nicht umsetzen kann, sich nicht an Regeln hält, wenig Mitgefühl zeigt. Dass es vermutlich nie selbstständig wird leben können. Relativ früh erfuhren die Pflegeeltern, was der Grund für das umfassende Krankheitsbild ist: Die Mutter hatte während der Schwangerschaft Alkohol getrunken und zudem illegale Drogen konsumiert. Das weiß die Tochter, und sie ist wütend darüber. Denn ihre Behinderung wäre vermeidbar gewesen.

„Wir konnten selbst keine Kinder bekommen und waren so froh, als wir ein Pflegekind angeboten bekamen“, erinnert sich Silke Krebbers. „Vor lauter Glück erschien uns der Hinweis, dass das kleine Mädchen eine Entwicklungsverzögerung habe, nicht so schlimm. Aber es wurde bald deutlich, wie gravierend die Störung war.“ Besuche bei Ärzten und Therapeuten gehören seit damals fast zum Alltag, zumal das zweite Pflegekind, ebenfalls ein Mädchen, nicht weniger problematisch ist. Gleich mehrere Gendefekte und eine Mehrfachbehinderung haben dazu geführt, dass auch dieses Kind auf die Dietrich-Bonhoefer-Schule für Behinderte kam. „Dort tut man alles für die Kinder, was möglich ist. Deshalb werden die Einnahmen aus dem Kino-Abend - wir bitten um fünf Euro als Spende - auch komplett dem Förderverein der Schule zu Gute kommen“, kündigt Georg Krebbers an.

Einige Jahre nach den beiden Mädchen kam der dritte Neuzugang in die Familie: Der heute dreijährige Junge war damals noch ein Säugling. Er ist der Halbbruder des mittleren Pflegekindes und hat ebenfalls FASD. Es sei häufig nicht leicht, Krankenkassen und Ämter vom Vorliegen der besonderen Behinderung zu überzeugen. Zumal längst nicht alle Ärzte gut informiert seien. „Sehr häufig wird Pflegeeltern gesagt, dass sich die Entwicklungsstörung schon noch auswachsen werde. Aber das ist eher selten der Fall“, meint Silke Krebbers.

Ihr Pflegesohn jedenfalls spricht noch nicht, ist hyperaktiv, hat Schlafstörungen, kommt nicht ohne Medikamente, wie sie auch ADHS-Kinder oft nehmen, aus. Die Erwachsenen, die heute alles für seine bestmögliche Entwicklung tun, haben Bilderbögen hergestellt, mit deren Hilfe der Kleine seine Wünsche zeigen, wenn schon nicht benennen kann: Banane, Ball spielen, Schlafen... „Im integrativen Kindergarten sind die anderen Kleinen lieb zu ihm. Die Probleme werden meist in der Schule größer“, weiß Silke Krebbers. Denn herausforderndes Verhalten, dauernde Regelverstöße und mangelnde Empathie fordern die Umwelt sehr.

Bei etwa 10.000 Kindern jährlich wird in Deutschland FASD diagnostiziert, sagt die erfahrene Pflegemutter. Sie hofft, dass Ärzte mit aller Kraft auf Frauen einwirken, die vielleicht fahrlässig mit dem Alkohol umgehen. Wobei dies keinesfalls nur ein Unterschichtphänomen sei. „Bis heute halten es auch gebildete Frauen für nicht so schlimm, trotz Schwangerschaft mal ein Glas Sekt zu trinken. Aber das ist gefährlich: Manche Mediziner sagen, dass schon ein einziges Glas zu viel sein kann. Der Embryo braucht tagelang, um den Alkohol abzubauen.“

Alison Frieling ist Vorstandsmitglied des FASD Deutschland und wird ebenfalls im Goli sprechen. Einlass ist um 19.30 Uhr.

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