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Hundetanz in Uedem: RP-Autor mit Mops im Selbstversuch

Uedem : Hunde haben Musik im Blut

Birgit Paas betreibt auf einem Bauernhof in Uedem eine Dogdancing-Hundeschule. Mensch und Tier müssen blindes Vertrauen haben. Unser Autor hat einen Selbstversuch gewagt: Kann ein sturer Mops zum Tanzen bewegt werden?

Wenn Birgit Paas Ansagen an ihre Border-Collie-Schnauzer-Mix-Hündin Candy verteilt, dann geht es um die  ungeteilte Aufmerksamkeit. Nichts darf die direkte Verbindung zwischen Tier und Halter stören. Schließlich gilt für die Uedemerin Paas: Laut werden will sie nicht, niemals. Und dennoch sind ihre Ansprüche an die Zehnjährige hoch. Candy soll tanzen – und zwar zum Takt. Dass sie das kann, präsentiert Paas mit größter Freude. Auch im Internet findet man ausdrucksstarke Bewegtbilder: Zu langsamen Piano-Tönen kreuzt Candy in einer eigens für Dogdancing eingerichteten Arena die Beine von Birgit Paas, sie springt auf ihren Rücken, gibt Pfötchen, läuft davon, sprintet herbei, macht Luftsprünge.

„Natürlich reagiert sie auf meine Signale, aber ich mache das völlig ohne Leckerlis oder laute Anweisungen“, sagt Paas. Ihr Erfolgsrezept sei die enge Bindung zu der Hündin. Die Reihenfolge der Kunststückchen ist niemals zufällig, Paas sagt: „Wir erzählen immer eine Geschichte.“ Diese kann von dem Kampf um eine Schatztruhe oder von einer Reise über den Ozean handeln. Auch liebt: der Hund die Rolle als Leckerchen-Dieb, das Herrchen als Hüter des Rechts. „Wenn ich einen Hund habe, will ich etwas mit ihm machen und das Tier herausfordern“, sagt Paas. Kreativ habe sie mit Candy werden, zudem das Vertrauen stärken wollen. So kam Paas im Jahr 2003 zum  Dogdancing, mittlerweile betreibt sie den Hundesport als Übungsleiterin nebenberuflich.

Jahrelang war sie als Trainerin in Sonsbeck aktiv, im Frühjahr zog es Paas zurück in ihre Heimat Uedem. Aktuell betreut sie wöchentlich dutzende Gespanne. An der Steinstraße pachtete sie einen alten Bauernhof, nun betreibt die Rechtsfachwirtin ihren Lehrbetrieb „Rhythm4dogs“ – drinnen wie draußen. „Die Hunde lieben es, an der frischen Luft zu sein. Hier können wir ganzjährigen Betrieb garantieren. Das ist insbesondere im Winter wichtig, aber auch dann, wenn es  40 Grad Celsius sind“, sagt Paas. Dann helfe auch angestrengtes Hecheln und die engste Mensch-Tier-Bindung nicht mehr, die Tiere seien bei sengender Hitze schlichtweg platt. „Das kann man den Tieren einfach nicht antun“, sagt sie. In den vergangenen Jahren, so erklärt es die  Hundetrainerin, habe sich die Dogdancing-Szene auf dem gesamten europäischen Kontinent rasant entwickelt. Daher fahre sie  regelmäßig zu Wettbewerben in die Niederlande, der Schweiz oder  zur Deutschen Meisterschaft nach Berlin.

„Hundehalter haben immer häufiger das Bedürfnis, mehr als bloß einen Schoßhund zu halten. Daher kommen sie zu mir“, sagt Paas. Doch kann man auch den bornierten, dreijährigen Mops „Witje“ unseres Autors und seiner Schwester zum Tanzen bewegen? So viel vorneweg: Ja, es geht. Zum Hintergrund: Der Name Witje (zu Deutsch: „Weißchen“) entstammt dem Niederländischen und bezieht sich auf eine kleine weiße Stelle an seiner Brust, die sich von seinem ansonsten pechschwarzen Fell abhebt. Die Besitzerin Marieke Oversteegen erklärt: „Das ist ja der Witz an dem Namen, aber kaum jemand versteht ihn.“ Die erste Übung für den Schoßhund lautet: Witje soll die Hand seiner Halterin mit der - zugegebenermaßen eher rudimentär ausgebildeten – Nase berühren. Immer wieder geht Marieke Oversteegen wenige Meter zurück, Witje muss halten, dann mit der Nasenspitze vorneweg nachrücken. „Das ist kein Problem für ihn, solange er weiß, dass ich Leckerlis in meiner Hand habe“, sagt  Herrchen. Doch es wird komplexer: Paas legt Matten, sogenannte „Targets“, auf den Kunstrasen. Diese soll Witje nach Handzeichen berühren, die Belohnung ist  ein Stückchen Bockwurst. Man gewinnt den Eindruck, dass das Berühren der Plastikunterlage eher zufällig gelingt, der Fokus liegt wohl er auf der fressbaren Belohnung. „Es gibt wohl keinen Hund auf dieser Welt, der so verfressen wie Witje ist. Aber das macht ihn eben auch gut manipulierbar“, sagt Marieke. Er mache seine Arbeit überraschend gut, Witje sei für einen Mops außerordentlich fokussiert, mein Paas. Doch uneingeschränkt gilt das nicht: Als der Halterin die Bockwurststückchen ausgehen, verliert Witje sein Interesse. Ein letzter Appell des Tieres: Der Dreijährige springt Oversteegen an, fordert sie auf, für Nachschub zu sorgen. Doch sie macht keine Anstalten, neue Würstchen zu beschaffen. Daraus muss ein Mops seine Konsequenzen ziehen: Während Oversteegen verzweifelt darum bittet, dass sich der Vierbeiner im Kreis dreht, zieht der von dannen. Ein letzter kurzer Blick zur Chefin – dann läuft er gemütlichen Schrittes aus der Halle. „Was eine Ratte“, ruft Marieke entnervt. Erst   braucht es frisches Futter. Unser Autor holt den Mops zurück, legt ihm die Leine an, mahnende Worte gibt es obendrauf. Witje ist zurück in der Halle und sieht sofort, dass die Halterin wieder Futter in den Händen hält. „Jetzt hört er auch wieder auf mich“, sagt Marieke. Im Kreis also soll er sich drehen, immer wieder. Auch das gelingt ihm, doch nach fünf Drehungen legt Witje eine Pause ein und signalisiert, dass er diese Beschäftigung für eher würdelos hält.

Trainerin Birgit Paas bei einer Tanzübung mit ihrer Border-Collie-Schnauzer-Mix-Hündin Candy. Foto: Evers, Gottfried (eve)

Aus den drei Elementen dann soll Oversteegen sich eine Choreographie ausdenken. Ihre Idee: Die Kombination inszeniert das Kennenlernen von Witjes großer Liebe, in diesem Fall seine Halterin. Die erste Kontaktaufnahme ist das Berühren mit der Nasenspitze, das Legen auf die „Targets“ charmante Unterwerfung, das Drehen im Kreis der erste gemeinsame Tanz. „Es liegt wirklich Liebe in der Luft“, sagt Birgit Paas. Darunter werden die Töne von Johannes Oerdings „An guten Tagen“ gelegt. Die Kombination ist perfekt. „Zwar ist Witje stur. Aber ich sage ganz deutlich: Jeder Hund ist fürs Dogdancing geeignet“, erklärt Birgit Paas.