Gocher Mittwochstouren finden in den Wintermonaten zu Fuß statt

Freizeit erleben : Wandern statt Radfahren

Im Sommerhalbjahr fietsen sie an jedem Mittwoch durch den Niederrhein. Während der kühleren Jahreszeit sind die Senioren nur einmal im Monat unterwegs, dann aber zu Fuß. Anja Settnik wanderte mal mit.

Es regnet leicht bis mittelstark. Ein Nachmittag, der gut geeignet wäre, mit einem Heißgetränk auf dem Sofa zu ruhen und ein dickes Buch zu lesen oder einen Film zu sehen. Aber es ist Mittwoch, und am MIttwoch macht sich eine größere Gruppe rüstiger Senioren aus Goch regelmäßig auf den Weg, um die Couch eben nicht das Leben bestimmen zu lassen: Je nach Jahreszeit wird geradelt oder gewandert. Im Januar müsste eigentlich Winter sein, deshalb treffen sich die Männer und Frauen ohne Räder vor dem Kastell. Rudi Kempkens, seit vielen Jahren Kopf und Herz der Gruppe, freut sich, dass wieder so viele mitgehen wollen. Trotz des bescheidenen Wetters.

Die Redakteurin der Rheinische Post musste für die Wanderung zwar nicht ihr Sofa, wohl aber den Bürostuhl verlassen – wunderbar. Die Wanderstiefel freuen sich auch, Regenjacke und Schirm sind unverzichtbar. Früher hätte die Autorin den Regenschirm als stillos abgelehnt, aber diverse Treckingtouren haben sie gelehrt, dass so ein Teil auch zum Abwehren wilder Tiere nützlich sein kann. Und wer weiß, was der Gruppe an diesem Nachmittag noch begegnet.

Start zur Tour war die neue Fußgängerbrücke am Kastell. Foto: Anja Settnik

Die neue Brücke über die Niers am Kastell ist der erste Höhepunkt: 44 Wanderer können das Flüsschen  gefahrlos gleichzeitig passieren. Man schlendert ein Stückchen am Wasser entlang und bis zur Kalkarer Straße parallel zum Bahngleis. Jenseits der Pfalzdorfer Straße schwenkt die Gruppe zum Emmericher Weg. Wer Luft genug hat, und das sind eigentlich alle, plaudert mit den Weggefährten. Die Journalistin erfährt von der 82-jährigen Marga Beaupoil, dass sie schon 25 Jahre zu den Fietsern gehört. „Man muss was tun“, sagt sie und erntet zustimendes Nicken von Marlies Ehrlich. Die ist erst 67 und als Jung-Rentnerin voller guter Vorsätze, was ihre Gesundheit anbelangt. Das Laufen ist ihr dabei sympathischer als das Radfahren, denn manchmal sind sehr große Gruppen unterwegs. Das ist auf zig mal zwei Rädern nicht ganz ungefährlich, obwohl Vincenzo Robino und die anderen Männer vom Helfer-Team als Streckenposten  in ihren orangefarbenen Warnwesten an jeder Einmündung aufpassen und sichern. Bei dieser Wanderung haben einige von ihnen die  Weste übrigens gegen einen bunten Schirm getauscht.

Ein kleines Wäldchen kurz vor dem Ziel am Gocher Berg. Foto: Anja Settnik

Hans Wolter fasst schon mal gerne nach einem Ellenbogen in der Nähe, denn das Laufen fällt dem knapp 83-Jährigen ihm nicht mehr ganz leicht. 3,5 Kilometer sind für heute angesagt, dann Pause, Kaffee und Kuchen und der Rückweg. Dieter Paplinski und Heinrich Hartmann vertreten die Pfalzdorfer Rad- und Wanderfreunde; je öfter, je lieber sind die beiden unterwegs. Hartmann ist mit Recht stolz auf seinen Stock aus poliertem und gedrehtem Holz, den er von Wolfgang Pool, dem treuen Wanderfreund aus Asperden, geerbt hat.

Zum ersten Mal ist Hildegard Stüssel aus Weeze dabei. Sie hat den Aufruf, mitzuwandern, in der Zeitung gelesen und freut sich, auf diese Weise einen Blick auf den neuen Gocher Stadtteil „Neuseeland“ werfen zu können, von dem sie schon einiges gehört hat. Hans Zeegers und Günther Verfürth müssen sich von der RP-Begleitung einen strengen Blick auf die Füße gefallen lassen. Besonders Zeegers’ Schuhwerk entspricht so gar nicht dem, was man von Wanderern erwarten sollte: Feine schwarze Lederschuhe trägt er, vermutlich ohne jedes Profil. „Aber sie sind sehr bequem, und darauf kommt es an. Wir laufen ja hier im Flachland“, sagt er.

Aber da täuscht er sich, denn schon ist der „Gocher Berg“ erreicht: Nicht ganz so steil wie an der Pfalzdorfer Straße, aber dennoch spürbar geht’s an einem Wäldchen und an Pferdeweiden vorbei aufwärts bis zum Umkehrpunkt, der privaten Christus-König-Kapelle von Hein Artz.

Kurz vorher ist allerdings noch ein kleiner Stopp angesagt, denn Josef Tekotte wartet vor seinem Haus mit einem Schnäpschen für alle. Ein, zwei müde Wanderer setzen sich auf die feuchte Gartenmauer, ein Herr tritt ein Stück abseits diskret hinter die Büsche. Das war nicht dumm, sollte sich zeigen, denn der noch ausstehende Vortrag des Gastgebers in der Kapelle wurde lang. Zuvor ist noch ein kurzer abenteuerlicher Weg durch die Wildnis zu bewältigen. Gesäumt von Brombeerhecken, die die Honigbienen des Imkers Stefan Loth im Frühjahr zum Nektar sammeln nutzen, zieht sich der nicht ganz öffentliche Weg bis zur Pfalzdorfer Straße, die ab hier Kuhstraße heißt. Wer sie noch nicht kennt, staunt über die gar nicht so kleine Kapelle, die Weihbischof Lohmann im vergangenen Jahr einsegnete und in deren Keller es die erwartete Stärkung gab. Ein schöner Nachmittag.