Gocher Backstube öffnete sich Denkmal-Freunden

Wie vor hundert Jahren: Eine Backstube von anno dazumal

Von außen kommt kaum jemand auf die Idee, dass sich hinter dieser Fassade ein ganz besonderes Kleinod versteckt: eine komplett erhaltene Backstube von 1902. Am Denkmaltag zeigte sie das Ehepaar Joosten erstmals öffentlich.

Einen hübschen kleinen Garten hat das Ehepaar Joosten hinter seinem Haus in der Innenstadt von Goch. Früher war der Garten noch kleiner, denn damals existierte der mächtige Ofen noch, der das Herz des 1902 gegründeten Familienunternehmens war. Irgendwann wurde er abgerissen, denn kalt war er schon seit den 70-er Jahren geblieben. Von innen allerdings sieht die historische Backstube aus wie ehedem. Über die ganze Stirnseite eines Raumes zieht sich die Front des Backofens mit den diversen Einschüben. Viele, viele Schwarz-, Grau- und Weißbrote sind dort entstanden, Brötchen, Kuchen und Teilchen. Nicht zu vergessen die wunderbaren Spekulatius. Am Tag des offenen Denkmals führte das Ehepaar Joosten zum ersten Mal eine große Zahl Gäste durch die Backstube, die bis dahin nur wenige Eingeweihte kannten. Die Besucher erlebten eine Zeitreise, von der sie bestimmt tiefe Eindrücke nach Hause nahmen. Und vielleicht ein Mini-Tütchen Spekulatius.

Denn Wilhelm und Ursula Joosten wollten zumindest einen kleinen Geschmack dessen vermitteln, was die Bäckerei Verheyen an der Gocher Brückenstraße einst auszeichnete. Und das war unter anderem das adventliche Gebäck, das zunächst mittels einer Spekulatius-Maschine geformt und danach gebacken wurde. Die Maschine stanzte die bekannten Formen hauchdünn aus dem Teig, der danach auf ein Band fiel und von dort auf ein Blech rutschte. „Das ging sogar schon elektrisch“, erklärt Willi Joosten. Für die Gäste musste er jetzt im modernen Ofen der Familie backen, denn der alte ist nur noch schön, nicht mehr in Betrieb.

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Aber wie schön er ist! Gußeiserne Ofenklappen stechen aus der weiß gekachelten Wand hervor, Lüftungen, Uhren, Thermometer, Griffe und manches, was man heute kaum mehr zuordnen kann, künden von der früheren Nutzung. Handbestickte Tücher mit Sprüchen wie „Bäckerbrot macht Wangen rot“ sind säuberlich gestärkt und geplättet über Halterungen drappiert. Eine urige Schwarzbrotpresse steht da und eine Stärke-Kiste. Nebenan werden in einem Regal viele Erinnerungen an früher ausgestellt: Keks- und Bonbondosen, ein Austauschring für die Spekulatius-Maschine, Backformen und -förmchen, Messbecher und Gewürzmischungen. Im Raum nebenan hat Ursula Joosten, gelernte Bäckereifachverkäuferin, neben einem Kalender von 1973 noch eine Rolle Einpackpapier aufbewahrt. Das dezent bedruckte Papier rollte sie früher Tag für Tag viele Male ab - Brot und Kuchentabletts wurden darin eingeschlagen. „Gelernt habe ich im Betrieb meines Vaters“, erzählt sie, und angelernt wurde dann später auch der Ehemann. Der war ja eigentlich bei der Telekom beschäftigt und backte die letzten Jahre seiner Berufstätigkeit „nebenher“. Die Telekom-Vergangenheit ist dann auch der Grund dafür, dass neben den Bäckerei-Relikten auch noch einige alte Telefone aufbewahrt werden.

Sehr besonders ist auch der Dampfbackofen von 1924. Den hat der Großvater von Ursula Joosten eingebaut. Wassergefüllte Rohre erlaubten den Zusatz von Dampf. „Das ist ganz wichtig für Feingebäck“, weiß die Gocherin. Dann gibt es noch Einschübe zum Garen, eine Kammer mit moderater Wärme, wo die Brötchen so schön aufgingen, und dann die meterlangen hölzernen Brotschieber. Auch wenn die letzten Briketts in der Feuerung nur noch Symbolik sind – Joostens Backstube ist zwar museal, wirkt aber irgendwie noch ganz schön lebendig. Was sicher damit zu tun hat, dass die beiden in diesem Raum viel Lebenszeit verbracht haben. Kleine Gruppen, die mal schauen möchten, dürfen sich gerne bei Ursula und Wilhelm Joosten melden.

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