Goch: Bauhaus überstand Krieg und wurde in den 50er Jahren verunstaltet

Bauhaus-Serie : Ein Phönix in der Asche

Zur Bauhaus-Keramik-Ausstellung im Kurhaus Kleve stellen RP und Kurhaus-Direktor Harald Kunde Beispiele neuen Bauens vor. Heute das „Haus Rossmann“ am Markt in Goch. Errichtet 1930, überlebte es als einziges den Krieg.

Es ist eine Spitzenlage: An der Ecke des Marktes gleich gegenüber dem gotischen „Haus zu den fünf Ringen“ und dem Rathaus mit Blick auf die evangelische Kirche. Dass dort auf der Ecke einmal ein modernes Gebäude als Blick in die Neuzeit stand, ahnt man kaum. An der Ecke scheint ein Nachkriegsaufbau mit vergleichsweise kleinen Fenstern und einem schiefen Dach wie eine schräge Mütze auf dem Kopf zu stehen.

„Es ist schon sehr schwer, hier das Bauhaus zu erkennen“, sagt Kleves Museumsdirektor Harald Kunde und blickt nach oben gegen die Sonne. Doch schaut man genauer hin und nimmt den Architeturführer vom Landschaftsverband (LVR) „Neues Bauen im Rheinland“ zur Hand, dann erkennt man hier den Phoenix, der noch tief in der Asche sitzt. So hat Marco Kieser vom LVR-Amt in Brauweiler das Kapitel über das Wohn- und Geschäftshaus Roßbach am Markt überschrieben, das 1930 ganz im Sinne des Neuen Bauens errichtet wurde und wohl wegen seiner modernen Bauweise die schweren Bombardements überstand.

Es war ein mutiger Bau, sagt Gochs Museumsdirektor Stephan Mann. Mit einer schicken Ecklösung für das Geschäft im Parterre und den Fensterbändern für die Wohngeschosse. Schaut man genau hin, bestätigt Kunde, sieht man sehr schön, wo es im Sinne des Neuen Bauens richtig war und wo es später falsch wurde. 1930 war noch alles richtig – oder aus Sicht der später regierenden Nationalsozialisten, alles völlig falsch.

1930 wurde dort ein älteres Haus durch einen modernen Neubau ersetzt. Den hatte der Gocher Architekt Wilhelm Baums geplant, wohl Sohn von Karl Baums, Gründer des Gocher Gartenbau- und Verschönerungsvereins, so Kieser. Er war als Einfamilienhaus mit einem Geschäft im Parterre errichtet worden und sollte an der Ecke ein markantes Zeichen für die Moderne setzen. Die beiden Obergeschosse ragten etwa einen Meter heraus, so „dass es wirkte, als bestünde das Haus aus zwei ineinander geschobenen Würfeln“, erklärt Kieser. Oben, durch ein klassisches Klinkermuster von vor- und zurückspringenden Steinreihen betont, gab’s eine Brüstung für den Dachgarten. Großzügige, über Ecke geführte Fensterbänder wurden von schmalen Sandsteinprofilen gerahmt, die den Bau streckten. An der Ecke hing eine Werbung „Zigaretten Lommel“. Die Brüstung schloss mit dem First des Nachbarhauses ab, die Fensterbänder orientierten sich ebenfalls an den Linien der Nachbarbebauung, mit den roten Steinen wollten die Bauherrn die Farben des gegenüberliegenden „Haus zu den fünf Ringen“ aufnehmen. Im Gebäude im klaren Bauhaus-Stil steckte auch modernste Technik: Ein Stahlskelett trägt den Bau und rettete es wohl auch als einziges Haus seiner Zeile vor der Zerstörung. Doch war der Bau den Nazis ein Dorn im Auge: Die wollten dem Marktplatz das Aussehen nach einem Stich von 1737 verpassen und erließen 1941 eine entsprechende Satzung. Tatsächlich bekamen einige Häuser solche neue Fassaden. Auch versuchten sie, Roßbach zu überzeugen, ein Satteldach auf das Haus zu setzen. Daraus wurde nichts.

Doch die Gocher setzten die Bemühungen der Nazis auch nach dem Krieg fort: 1956 bekam das Haus seine schräge Satteldach-Mütze aufgesetzt – mit der Anmerkung zum Bauantrag: „Der Bauherr wurde von der Stadtverwaltung beeinflußt, ein Satteldach auf sein Geschäftshaus aufzubringen“. Dabei wurden auch gleich andere Bereiche verändert. „Die originell gegliederten Fensterzonen wurden vereinfacht, die horizontalen Profile eingeebnet, die seitlich zurückgesetzten verputzt“, schreibt Kieser. Die konsequenten Linien des Bauhauses wurden konsequent zerstört.

Das zeige auch, so Kunde und Mann, dass das Bauhaus in großen Teilen der Bevölkerung und der Bauverwaltungen nie richtig angekommen sei. „Nur noch wenig erinnert an die gestalterische Konsequenz des Architekten Baums“, schreibt Kieser.

Und doch steckt unter der „Asche“ der 1950er-Jahre-Umbauten das „Neue Bauen“. Theoretisch könne man das Haus also zurückbauen. „Aber dann muss man sich fragen, ob das nicht auch historisierend ist. Andererseits besteht der Bau ja noch“, sagt Mann.

Das „Haus Rossmann“, wie es im LVR-Führer für „Neues Bauen im Rheinland“ heißt, heute. So kann man das versteckte Bauhaus nicht mehr erkennen. Foto: Evers, Gottfried (eve)
Stephan Mann und Harald Kunde fachsimpeln übers Bauhaus in Goch. Foto: Evers, Gottfried (eve)

Ein markantes Zeichen für die Moderne an der Marktecke ist er momentan nicht.

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