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„From Major To Minor“ aus Uedem nehmen in Haldern eine Platte auf

Geschichte eines magischen Wochenendes : Das ist ein Liebeslied

Seit 15 Jahren macht Arndt Jansen als „From Major To Minor“ herzerweichende Musik für ein Nischenpublikum. Nun hat er zum ersten Mal nicht allein zuhause, sondern mit Freunden im Studio aufgenommen. Geschichte eines magischen Wochenendes.

Ein Album wurde aufgenommen. Von Gerrit und Philipp und Mathis, von Flo und Matthias. Und von Arndt. Vor allem von Arndt, denn es waren seine Songs. Bei den Aufnahmen im Studio wurden ein Wochenende lang Bier, Zigaretten und Pizza konsumiert, außerdem eine Folge der „Drei Fragezeichen“ gehört. Doch Alben werden viele aufgenommen, sogar in einer Zeit, in der immer weniger Leute Alben hören. Warum sich also mit diesem aufhalten, das den rätselhaften Namen „Re: Recordings“ trägt und soeben erschienen ist? Das lässt sich in wenigen Worten schwer erklären, deshalb lieber in vielen.

Wir müssen zuerst über Arndt reden, geboren 1987, aufgewachsen in Uedem. Sein Nachname Jansen ist so gewöhnlich, dass man ihn gleich wieder vergisst. Als Familie Jansen mit dem kleinen Arndt auf der Rückbank unterwegs war, wo eines Tages auch sein jüngster Bruder Gerrit saß, wurde die schwarze Kassette reingeschoben und mitgesungen. Weil die Kinder noch kein Englisch konnten, dachten sie sich deutsche Texte aus. Aus der Beatles-Zeile „I‘ll be back again“ wurde „auf die Berge gehen“. Es dauerte nicht lange, und Arndt sprang zuhause mit einem Mikro herum, das eine Haarbürste war. Im Sankt-Martins-Zug spielte er in der Kapelle das Saxophon, stellte das als Jugendlicher aber selbstverständlich ein. Stattdessen grub er die Wandergitarre seiner Mutter aus und gab seinen Freunden zu verstehen, dass sie nun eine Band zu gründen hatten. Rasch war er es, der bei den Applethorns nicht nur sang, sondern auch Gitarre spielte und Songs und Texte schrieb. Arndt war so einer, der lieber ein Lied darüber schrieb, dass er in ein Mädchen verliebt war, als dass er zu dem Mädchen ging und es ihr sagte. Einen Schlagzeuger fanden sie, indem ein Bandmitglied jemanden fragte, mit dem er sonst Computerspiele tauschte. So kam Mathis in Arndts Leben. Bis heute überbieten sie sich darin, ihre eigenen Qualitäten am Instrument kleinzureden. „Freundschaft zählte mehr als Fähigkeit“, sagt Mathis.

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Arndts Gitarrenspiel hatte Luft nach oben, doch seine Stimme — nicht glatt, aber sanft — fiel auf. Als 16-Jähriger schaffte er es bei einem Beatles-Casting der Musikschule unter die letzten zehn. Zum Proben stiegen die Applethorns nach Ladenschluss in den Keller eines Baumarkts hinab, nachdem sie die Alarmanlage ausgeschaltet hatten. Konzerte, auf denen sie ihren Britpop spielen durften, mussten sie selbst veranstalten. Das erste gaben sie 2005 in einer Kneipe am Wisseler See. Ungefähr alle Mitschüler kamen. Die Leute machten Crowdsurfing. Endlich war hier was los.

Arndt fing an, Musik aufzunehmen. In seinem Zimmer, auf dem Dachboden. Erst auf dem Kassettenrekorder, dann mit dem Laptop. Die Ausrüstung war billig, die Aufnahmen klangen eher mittel, aber er musste niemanden fragen und konnte den Song zwei Stunden später auf Myspace hochladen. Lo-Fi hieß so etwas. „Es ist eine Sache von zehn Sekunden, und du kannst anfangen, einen Song aufzunehmen“, sagt er. „Du musst keine Leute um dich haben, du musst dir kein Studio mieten. Für das, was ich wollte, hat es gereicht.“ Weil er nicht so viel auf der Gitarre konnte, blieben seine Songs einfach und kurz. Aber sie waren gut, sie waren melancholisch und handelten von der Liebe, meistens von der unerfüllten. Über welche sollte man auch sonst singen? Arndt gab sich den Namen „From Major To Minor“, von Dur zu Moll, von fröhlich zu traurig. Musik wurde für ihn das Tor zu einer cooleren Welt. Auf seiner Website stand: „Felder, Wiesen, Dorffeste und Kühe sind eine Zeit lang ganz schön. Bis man zwölf oder 13 Jahre alt ist. Und vielleicht fängt man auch ein bisschen deswegen an Musik zu machen, weil man ein wenig Großstadt-Flair erleben will. Weil man eigentlich lieber in Berlin, London oder mindestens Hamburg leben möchte. Aber man lebt in Uedem oder Kalkar, in Appeldorn oder Wissel.“

Zwischen 2007 und 2012 nahm er auf eigene Faust vier Alben auf. Weil er die Songs auch live spielen wollte, fragte er seine alte Band. Die Applethorns waren damit Geschichte. Er lernte, mit seinen begrenzten Fähigkeiten umzugehen, machte sich zwischen den Songs darüber lustig. „Wenn du offen darüber redest, was man da macht und was man kann, ist das lockerer.“ Eine frühere Mitschülerin sagte einmal über ihn: „Arndt ist erst mal einer, der nicht so auffällt, aber er kann gut mit Leuten.“

2010 brach er sein Germanistik-Studium in Düsseldorf ab und kehrte nach Uedem zurück. Dort fragte sich auch Philipp: Was nun? Sie kannten sich von der Gesamtschule. Philipp hatte ihn damals über ICQ angeschrieben, weil er gehörte hatte, dass auch Arndt Vegetarier war. Philipp spielte in einer Band, Arndt spielte in einer Band, aber noch immer veranstaltete kaum jemand Konzerte, bei denen sie auftreten durften. Also riefen sie eine Konzertreihe ins Leben, die den Namen „Kein Platz für Konzerte“ trug, eine Bühne für Bands wie ihre, ein bisschen Berlin im Kreis Kleve. Musik machen mit Freunden für Freunde oder Freunde von Freunden. Eines Tages stieg ein Typ aus Kevelaer ein, Flo, der so gut Gitarre spielen konnte, dass er später Musik studierte. Im Publikum sah man auch regelmäßig diesen Kerl, der schon wegen seiner Tingeltangel-Bob-Frisur auffiel: Matthias. Arndt spielte und spielte und spielte. In Weeze, Kevelaer, Uedem, Pfalzdorf, Kalkar, Duisburg, Düsseldorf, Würzburg. Klar, es war nicht sein Antrieb, aber schon ein Gedanke, mit seiner Musik bekannt zu werden, Geld zu verdienen. Es musste ja nur mal der richtige Typ zum Konzert kommen. Aber, nun ja. „Richtig knapp war es nie“, sagt er. „Als Fußballer kann man den Selbstbetrug nicht so lange aufrecht erhalten.“ Er fand das ungerecht, war von seiner Musik überzeugt. Es gab schließlich auch einige Leute, die seine Lieder sehr mochten, aber es war ein kleiner Kreis. Es waren Hits für hundert Menschen, hier auf dem Land, und irgendwann kamen keine neuen Fans dazu. Dabei hätte man sich durchaus ein Leben vorstellen können, in dem er eine Plattenfirma davon überzeugt hätte zu sagen: Junge, wir schicken dich jetzt mal in ein Studio. Er zählte die Platten nicht, die er verkaufte, es müssen aber deutlich unter 1000 sein. Ein Song hat auf Spotify knapp 4000 Klicks, aber das liegt daran, dass Ron Weasley im Titel vorkommt. Der zweite Platz hat keine 300.

Mit der Zeit wurden andere Dinge wichtiger. Menschen soll das heißen. Seine Freundin zum Beispiel, die heute seine Frau ist. Blödes Klischee, aber mit ein wenig Unglück schreibt es sich leichter. Arndt aber wurde das Gegenteil von unglücklich. Er brauchte die Musik nicht mehr, um etwas zu verarbeiten. Sie zogen nach Krefeld, sie nahmen die Lohnarbeit auf. Die Musik rückte in den Hintergrund. Doch Arndt und Philipp und Co veranstalteten noch jedes Jahr kurz vor Weihnachten dieses Konzert, eine Art Klassentreffen, in einer Scheune in Pfalzdorf, und als er 2017 auch selbst wieder dort auftrat, war da schon bei den Proben wieder diese Lust. Philipp war nun in seiner Band, sein jüngerer Bruder Gerrit, Mathis sowieso. Arndt schrieb keine neuen Songs, aber sie traten wieder auf. Auf Bühnen, vor Webcams. „Es geht primär gar nicht um die Lieder“, sagt Arndt. „Man verabredet sich zu etwas, das nicht Rumhängen ist. Dann macht man das auch eher. Das Zusammenspielen ist wichtiger als die Lieder.“ Manchmal trafen sie sich auch auf dem Dachboden seiner Eltern, um zu proben, ein Ort, an dem bis heute Poster von den Beatles und R.E.M. hängen.

Dann trug es sich zu, dass der Betreiber des Tonstudios in Haldern beschloss: Es wird Zeit für den Ruhestand. Er fragte Matthias und Flo, ob sie nicht übernehmen wollten. Der eine hatte seine Ausbildung dort gemacht, der andere dort häufig aufgenommen. 2020 wurde aus dem Tonstudio Keusgen das Haldern Studio. Arndt hatte sich schon länger mit dem Gedanken herumgetragen, dass es schön wäre, den alten Songs ein richtiges Gewand zu geben. „Dann hat man was von seinem musikalischen Schaffen richtig da. Man kann sagen: Das habe ich mal gemacht.“ Schon immer hatten Leute zu ihm gesagt: Gute Songs, aber man müsste die mal richtig aufnehmen. Doch Arndt wollte nicht mit Leuten ins Studio gehen, die schon die Hände über dem Kopf zusammenschlugen, wenn sie sahen, wie er die Gitarre spielte. Florian und Matthias aber kannten seine Songs beinahe so gut wie er. „Ich habe Arndt schon immer ein bisschen getriezt bei aller Liebe der LoFi-Musik“, sagt Flo. „Ich bin immer ein großer Fan davon gewesen, Gitarren zu stimmen.“ An einem Wochenende im April 2021 wurde aus Arndt allein zu Haus Band zusammen im Studio. Keiner von ihnen hatte je an einem solchen Ort Musik aufgenommen. Mathis ging noch per Videoschalte in eine Schulkonferenz, dann klappte er den Laptop zu. Da stimmten die anderen schon die Gitarren. Es wurde eine einzige Klassenfahrt. „Wir haben geile Getränke gekauft, geiles Bier, geilen Schnaps, ganz viele Zigaretten und haben das ultra genossen und ausgelebt“, sagt Mathis. Am ersten Abend bestellten sie Pizza, am zweiten Abend kochte Philipp vegane Bolognese. Sie übernachteten im Studio oder im Auto, auf der Luftmatratze, auf der Couch und zum Einschlafen hörten sie eine Folge der Drei Fragezeichen, in der eine Band den Namen FMTM trug, die Abkürzung von From Major To Minor.

Tagsüber nahmen sie auf. Nicht die besten Songs sollten ein neues Gewand bekommen, sondern die, aus denen sich noch viel herausholen ließ. Sie spielten die Songs so, wie sie die Songs zuletzt auch live gespielt hatten. Nicht schüchtern und melancholisch wie Arndt in seinem Kinderzimmer, sondern mit Energie und Selbstbewusstsein. Sie sangen in Mikrofone, die mehr kosteten als ein Gebrauchtwagen. Selbst wenn man sich bloß am Hemd kratzte, bekamen sie das mit. Sie bestaunten Boxen, die einbetoniert waren. Ihnen standen ein Piano zur Verfügung und viele Gitarren. Aber wie die neuen U2 sollten sie nun auch nicht klingen. „Ein Produzent soll die Band nicht ändern, sondern die Stärken herausarbeiten“, sagt Flo. Das hieß in dem Fall, nicht alles so lange aufzunehmen, bis es perfekt klang. „Die Unperfektheit darf aber nicht dazu führen, dass der Hörer abgelenkt wird. Wir reden noch immer über Popmusik.“ Arndt sagt: „Alle wussten genau, was From Major To Minor ist.“

Das Album, das nun erschienen ist, enthält zehn Songs zwischen Melancholie und Euphorie. Die Akustikgitarren sind glasklar, die E-Gitarren verzerrt. Man kann endlich Arndts Stimme hören. Einige Lieder klingen nur wie entstaubt, andere wie neugeboren. Sie sind nicht mehr in sich gekehrt, sondern wenden sich zur Welt. „Für das, was From Major To Minor kann, sind die Aufnahmen sehr gut geworden“, sagt Arndt, aber er findet auch: „Den Spirit von früher kannst du bei manchen Songs nicht noch mal so einfangen. Ich weiß deshalb nicht, ob das ein Album ist für die Leute, die die alten Songs kennen, oder die, die, die das noch nie gehört haben.“ Aus den Hits für Hundert könnten vielleicht Hits für Tausend werden.

Hundert Exemplare von „Re: Recordings“ hat die Band hergestellt, also Hüllen selbst gemacht, die CDs gebrannt. „Allerdings mit schönen Rohlingen“, sagt Arndt. Dass er damit nun doch noch zu Bekanntheit gelangt, glaubt er nicht. „Die Zeit ist natürlich vorbei. Bands, die Erfolg haben, investieren unglaublich viel. Wie ein Ronaldo, der seine Ernährung umstellt, jeden Tag trainiert, alles reinwirft. Wovon man früher geträumt hat: Dann machst du ein paar Songs und dann lädst du sie hoch und dann hört sich die der Boss von Universal an und der denkt sich ‚Geile Band‘ — das passiert halt nicht.“

Arndt wohnt jetzt in Berlin, nur für ein paar Jahre. Mit drei befreundeten Musikern hat er dort einen Proberaum gemietet, sie haben schon zusammen gespielt. „Ich habe schon noch ein paar Songs, die irgendwie da sind, die ich mal angefangen habe“, sagt er. Wird was daraus? „Ich fand es immer sehr sehr schwer vorherzusagen, was Arndt macht“, sagt Mathis. „Das ist Teil seiner Künstlerpersönlichkeit: Das fühlt sich gerade gut an und deshalb mache ich das jetzt.“