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Familie Verhaag setzt auf Aufgabenteilung und gute Mitarbeiter

Goch : Am besten geht’s mit helfender Familie

Freizeitaktivitäten und Urlaub sind mit einem landwirtschaftlichen Betrieb nicht immer gut zu vereinbaren. Vor allem, wer Vieh hält, ist stark an den Hof gebunden. Einige junge Familien wie die Verhaags in Goch schaffen es aber.

Große Reisewünsche hat Thomas Verhaag eher nicht. Ihm reicht’s, ab und zu mit der Familie an die See zu fahren. Das gehört zum Sommer einfach dazu. Fehlendes Fernweh bedeutet für den Familienvater aber nicht, dass er auf freie Zeit keinen Wert legte. Aber die muss man ja nicht unbedingt weitab von Haus und Hof verbringen. „Wir leben hier so schön im Grünen, die Kinder haben ihren Spielplatz vor der Tür – wozu sollen wir da groß wegfahren?“ Zum Glück sieht das seine Frau Janina ähnlich. Ihr landwirtschaftlicher Betrieb im kleinen Gocher Ortsteil Hülm ist das Zentrum ihres Lebens. Mit ihren Eltern wohnen dort der sechsjährige Jonas und die bald vierjährige Mila, außerdem deren Großeltern Rudolf und Maria. Nicht zuletzt ihnen ist es zu verdanken, dass der Spagat zwischen viel Arbeit und Zeit für Privates bei Familie Verhaag vergleichsweise gut gelingt.

Grundlage des Erfolgs ist das Modell Großfamilie. Rudolf Verhaag ist noch jung und fit genug, um wichtige Bereiche des Hofes zu managen, es fällt ihm aber nicht schwer, andere Tätigkeitsfelder seinem erwachsenen Sohn zu überlassen. Der ist mit 35 Jahren kein Neuling mehr in der Branche und dazu bestens ausgebildet: Sogar ein agrarwissenschaftliches Studium hat Thomas Verhaag hinter sich. Was nicht bedeutet, dass er in jeder Beziehung derjenige mit dem größten Fachverstand ist. „Heute brauchen Sie für einen Betrieb mit verschiedenen Schwerpunkten mehrere Spezialisten. Denn wir müssen in jedem Bereich nicht nur gut, sondern sehr gut sein, um uns am Markt zu behaupten.“ Um zum Beispiel das Thema Ackerbau noch weiter zu professionalisieren, hat Verhaag junior eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts mit einem Berufskollegen gegründet. An zwei Standorten helfen sich die Männer gegenseitig mit ihrem jeweiligen Spezialwissen.

Dass die Frauen mithelfen, versteht sich fast von selbst. Maria Verhaag, die vor 38 Jahren heiratete und auf den Hof der Schwiegereltern zog, hat „natürlich“ immer den großen Haushalt geführt, sich um zwei Kinder gekümmert, nach den Senioren geschaut, später nach den Enkeln. Bis heute spielt sie bei deren Betreuung eine wichtige Rolle, denn Schwiegertochter Janina arbeitet noch einige Stunden in der Woche in einer Gocher Apotheke und macht die Buchführung für den Betrieb. Abends geht sie mit den Kleinen „nach oben“, denn das große Gehöft bietet soviel Platz, dass komplett eigenständiges Leben auf jeder der beiden Etagen möglich ist. „Wir haben aber auch eine schnelle Verbindung, wenn mal Hilfe in der einen oder anderen Richtung nötig ist“, erklärt Janina Verhaag. Das wissen nicht zuletzt die Kinder zu schätzen, die sehr gerne bei Oma und Opa sind.

Mit diesen vier Erwachsenen ist das „Personal“ für den Betrieb jedoch noch längst nicht komplett vorgestellt. „Wir beschäftigen vier feste Mitarbeiter und zwei Aushilfen“, erklärt Thomas Verhaag. Die Angestellten gehörten quasi mit zur Familie, wie das im übrigen auch früher schon war. „Wir hatten immer einen oder zwei Auszubildende, die auch ihr Zimmer auf dem Hof hatten und einfach mit uns lebten“, erinnert sich Rudolf Verhaag. Absolutes Vertrauen genießen die Mitarbeiter, die insbesondere im Schweinestall unverzichtbar sind, noch heute. „Wir können ihnen problemlos mal für eine Woche oder für Abende, an denen wir anderes vorhaben, die Verantwortung übertragen“, sagt der Junior-Chef. Der Opa engagiert sich für das Begegnungszentrum Alte Schule Hülm, Oma geht gerne in die Sauna, Janina spielt Basketball. Gemeinsam pflegt das junge Paar Freundschaften, unternimmt was mit den Kindern, freut sich im Sommer am Garten. „Es ist ein Segen, dass das mit uns so gut funktioniert“, weiß Maria Verhaag. „Die Balance ist wichtig, sonst kann man auf Dauer nicht zufrieden sein.“

Wobei der Fokus ihres Sohnes schon sehr stark auf dem Betrieb liegt. Das hätte sich schon in Ausbildung und Studium so ausgeprägt. „Wer da nicht mit Leidenschaft an die Sache geht, wird kaum Erfolg haben. Das ist überhaupt das, was mir am meisten Spaß macht: Ideen entwickeln, Ziele verfolgen, Abläufe optimieren. Die Betriebsplanung ist wichtiger Bestandteil meiner Arbeit  und liegt mir besonders am Herzen.“ Jeder im Betrieb weiß, was seine Aufgaben sind, aber natürlich kann man sich bei Bedarf auch vertreten. Das funktioniert bisher tadellos.

Wie den Verhaags geht es vielen Familien in der Landwirtschaft. Was bei ihnen prima klappt, gelingt auch anderswo, wenn denn die (Groß-)Eltern noch aktiv sind und es verlässliche Mitarbeiter gibt. Hildegard Geurtz, die Bezirksvorsitzende der Landfrauen, kennt einige solcher Familien, aber sie fürchtet auch, dass es künftig noch schwieriger wird.  „Wenn die Altenteiler nicht mehr so belastbar sind und der Fachkräftemangel sich fortsetzt und deshalb kaum mehr gute Mitarbeiter zu finden sind, dann dürfte das Problem sich ausweiten.“ Denn Hildegard Geurtz kennt viele junge Leute, für die es zum Lebensentwurf einfach dazu gehört,  auch freie zeit zu haben und zu reisen. „Das ist vor allem eine Generationen-Sache. Die ältere Generation sagte oft: ,Das machen wir später, wenn die Kinder selbstständig sind und der Betrieb es erlaubt’, die Jungen heute wollen so lange meist nicht warten.

Für die Frauen, die mit ihrem Partner, der den Hof zu führen hat, nur selten verreisen können, haben die Landfrauen ein breites Angebot an Tagesausflügen, Radtouren und Kurzurlauben. „Die Männer gehen dafür oft ein paar Tage auf Kegeltour. Man sieht sich dafür im Alltag ja mehr als andere Paare“, erklärt die Landfrauen-Chefin. Jeder müsse für sich den richtigen Weg finden.