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Erstes Klever Kaufhaus Weyl auch architektonisch interessant

Haus von Peter Behrens : Haus Weyl überstand den Krieg

Erbaut als Kaufhaus, wurde das Haus Weyl 1928 eröffnet. Der spätere Besitzer, der Arzt Dr. Rolf Masson, vermutet, dass der berühmte Peter Behrens den Bau geplant hat. Das Haus erzählt die Geschichte von Nationalsozialismus und Krieg.

Das Gebäude an der Ecke Hagsche Poort/ Hagsche Straße ist bis heute markanter Teil der Stadt mit seinem aufwendigen spitzen Dach über der Ecke und den großen Schaufenstern im Erdgeschoss. Trotz Bombentreffer überlebte das Wohn- und Geschäftshaus an der Kreuzung Hagsche Poort/Hagsche Straße die schweren Bombardierungen während des Zweiten Weltkriegs. Wie das Haus Roßbach in Goch (wir berichteten) dank moderner Bauweise mit Stahlskelett. Auf den Nachkriegsfotos vom zerstörten Kleve ragt es es aus der völlig zerstörten Stadt heraus.

Das moderne Kaufhaus „A. Weyl Spezialhaus“, das bereits 50 Jahre im Dienst seiner Kunden bestand, wurde neu erbaut, zugleich mit dem Haus an der Hagschen Poort. Beide Häuser wurden im Jahre 1928 eröffnet. Das Weyl-Haus wurde im Clever Kreisblatt „als schönste und zugleich sinnfälligste Jubiläumsgabe“ gefeiert, erbaut von zwei Pionieren des „Clever Kaufmannsgeistes“ auf dem Grundstück Hagsche Straße 66/68 als „A. Weyl Spezial-Haus“, schwärmte die Zeitungsanzeige für das Geschäft. Spezial, weil dieses Haus für die Weyl’sche Herrenbekleidung stand. Der Bau wurde zum fünfzigjährigen Jubiläum des Kaufhaus A. Weyl (später Tietz, dann Kaufhof) eröffnet. Im September 1928 bezogen Lotte Spier, die Tochter von Louis Weyl, und ihr Ehemann Dr. Ernst Spier, in dem neu gebauten Haus eine Wohnung. Auch seine Arztpraxis verlegte Dr. Spier hierhin, schreibt Helga Ulrich-Scheyda vom Klevischen Verein im Heimatkalender. Doch noch im gleichen Jahr wurde das Jugendstil-Weyl-Kaufhaus an der Großen Straße von Tietz übernommen.

Dr. Rolf Masson, dessen Vater 1936 das Haus von Spier kaufte, ist der Überzeugung, dass kein Geringerer als Peter Behrens den Bau und die Innenarchitektur beider Häuser plante. Leider gingen, so Masson, alle Unterlagen wie etwa alte Baupläne in den Kriegswirren verloren udn Nachforschungen diesbezüglich seien erfolglos geblieben. In Behrens Architektur-Büro arbeiteten unter anderem die Bauhausdirektoren Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe und der Franzose Le Corbusier.

Dr. Rolf Masson ist heute 92 Jahre alt, wuchs in diesem Haus auf und hatte hier auch später seine interne Arztpraxis und ab 1975 ein Gemeinschaftslabor (Arbeitsgemeinschaft Kleve-Emmerich-Goch), das bis zu seiner Praxisaufgabe bestand. Der Arzt erinnert sich noch genau an die kostbare Ausstattung der Wohnung für die Weyl-Tochter und die Details der Arztpraxis ihres Mannes, die später von Leo Masson übernommen wurde.

Rolf Masson hat die Geschichte des Hauses, die auch die Geschichte seiner Familie ist, dokumentiert, in Aktenordnern gesammelt, in einer Schrift für seine Kinder und Kindeskinder zusammengefasst. „Ein kurzer Einblick, mit einigen Beispielen in die Wohnkultur: Die Wohnräume waren großzügig und elegant in Bauhausstilart gestaltet. Drei große, durchgehende Wohnräume, mit integriertem Wintergarten und großen Fenstern befanden sich auf der ersten Etage zur Hagschen Straße hin, später Praxisräume. Die Wände in den Wohnbereichen waren in hellen und unterschiedlichen Farben in Schleiflack gehalten, die Praxisräume weiß. Das war alles sauber aufeinander abgestimmt“, sagt Dr. Masson. Es gab ein graues Zimmer, ein bräunliches Zimmer, der Wintergarten in hellem gelb, ein Mahagoni-Zimmer mit einem Tisch, der für die große Familie über alle Räume ausgezogen werden konnte. Die Bäder (Baujahr 1927) hatten einen Standard wie heute. „Das Badezimmer der Eltern mit Bidet, Doppelwaschtisch, Badewanne, Dusche, Heizschlangen, abgeteilter Toilette und eingebauten Schränken mit Tresor. Alles in Grün gehalten, die Decke gewölbt. Dieses Bad hat den Krieg ohne Schaden überstanden“, erinnert sich der ehemalige Arzt.

Aber das Haus erzählt auch eine andere Geschichte, berichtet Masson: Dr. Ernst Spier war ein angesehener jüdischer Arzt, der ab 1928 hier praktizierte. Bis die Nazis an die Macht kamen. Bis die SA vor der Tür stand, und die Patienten weg schickte. Bis dass er von der Ärzteschaft ausgeschlossen wurde, weil deren Vorsitzender ihn als Juden nicht sehen wollte. Zunächst hielt Spier noch aus – seinen Patienten zuliebe, die ihm die Treue hielten. 1936 kam Massons Vater auf Praxissuche nach Kleve: der Mann aus Daun in der Eifel hatte die Wahl zwischen Bad Kreuznach und Kleve. „Weil die Chemie zwischen ihm und Spier sofort stimmte, entschied er sich für Kleve“, erzählt der Arzt.

Aber die Anfeindungen der Klever Nazis und ihrer Mitläufer trieben Lotte Spier in den Selbstmord, erinnert sich Masson. Ernst Spier entschloss sich nach dem Tod Lottes zur Flucht. Er verkaufte das Haus, das jetzt auch noch an der Adolf-Hitler-Straße lag, an seinen Kollegen Dr. Leo Masson. Die Anfeindungen der Klever Nazis und ihrer Mitläufer trieben Lotte Spier in den Selbstmord. Sie wurde als letzte Jüdin auf dem Klever Judenfriedhof beerdigt, erinnert er sich. Ernst Spier schaffte es auf einem der letzten Schiffe nach Amerika und baute in Chicago eine neue Existenz auf.

Dr. Leo Masson führte die Praxis weiter. Die Angst vor weiteren Anfeindungen gegen ihn als einstigen Kollegen von Dr. Spier ließ nach. Als die Klever Nazis 1938 die Klever Geschäfte demolierten und die Synagoge anzündeten, zog sich die Familie in die geschützteren Räume zurück. „Geschehen ist uns nichts“, sagt Rolf Masson, der im Haus mit seinen drei Schwestern aufwuchs. Mit Kriegsbeginn kamen Einquartierungen ins Haus. Das Leben in Kleve ging weiter. Ein Foto zeigt bei Kriegsbeginn Rolf Masson und seine Schwestern mit Beuys vor der Schwanenburg. Nach der Luftwaffenhelferzeit und nachfolgendem Arbeitsdienst wurde Rolf Masson im Spätherbst 1944 nach Bad Driburg entlassen, in den Evakuierungsort seiner Familie und wartete auf seine Einberufung zum Militär, die ausblieb, da alle seine Papiere , zuerst in Bad Godesberg, dann in Paderborn durch Kriegseinwirkung verbrannten. Somit war er Vogelfrei und Deserteur. Bis Kriegsende und weiterhin arbeitete er als Knecht auf einer abgelegenen Domäne im ostwestfälischen Raum und versteckte sich bei Gefahr in der Räucherkammer.

Das Haus wurde beim Bombardement in Kleve getroffen. „Ein Bombenreihenabwurf zerstörte den Eingangsbereich, die zweite Bombe schlug durch den Garagenbereich und blieb in der Hinterhauskellertreppe als Blindgänger stecken. Die nebenan sitzende Kellergemeinschaft (Nachbarschaft) blieb unversehrt. Die dritte Bombe zerstörte die Küche und ein Schlafzimmer im Bereich der Hagschen Poort“, erinnert sich Dr. Masson.

Nach dem Krieg erfolgte der Wiederaufbau mit vielen Hindernissen. Nach dem Tod der Eltern, die bis ins hohe Alter dort im Praxishaus gewohnt hatten, verkaufte er das Haus. Das Zentrallabor wurde an ein Mönchengladbacher Großlabor veräußert. Die neuen, auswärtigen Besitzer renovierten das Gebäude, auch die Inneneinrichtung des Hauses. Mehrere Wohnungen entstanden. Der teilweise noch vorhandene alte Flair ging dabei verloren, auch durch die Entfernung der Dachfenster und des Dachreiters mit Windrichtungsanzeiger auf der Spitze des Daches.

Dr. Ernst Spier hielt aus Amerika auch nach dem Krieg Kontakt zur Familie Masson, schickte Care-Pakete nach Kleve, bescheinigte notariell, dass der Verkauf rechtens sei und er keine weiteren Ansprüche stelle. Zweimal war er noch in Kleve und besuchte die Familie Masson. Seine ehemaligen Praxisräume wollte er nicht mehr aufsuchen.

Ob das Haus tatsächlich von Behrens geplant wurde, lässt sich nicht belegen, sagt Masson. In den entsprechenden Archiven lassen sich keine Hinweise dafür finden. Aber auch nicht dagegen.