Die Renaturierung in Kessel verlangt von Paddlern Aufmerksamkeit

Naturschutz : Paddler treffen in Kessel auf Natur

Das Paddeln in Kanadiern, Kajaks oder Schlauchbooten auf der Niers ist beliebt. Doch wo der Fluss kein Kanal mehr ist, muss der Naturschutz umso besser beachtet werden. Am Wochenende nochmal Chance, alles richtig zu machen.

13 Kilometer, dreieinhalb Stunden – die sind zu bewältigen, wenn man von Goch-Kalbeck nach Kessel paddeln möchte. Unter normalen Umständen ist die Tour in der angegebenen Zeit gut zu schaffen, beim derzeit sehr niedrigen Wasserstand sieht das anders aus. Die Fließgeschwindigkeit der ohnehin eher träge dahin fließenden Niers ist minimal. Wer sich ins Boot setzt, wird mit einiger Wahrscheinlichkeit länger unterwegs sein. Wie die Autorin, die zudem einen eher ungeübten Vizekapitän an Bord hatte.

Also ist die Tour eine Halbtagesreise, gesäumt von immer wieder netten, vertrauten Anblicken. Nahe der Ausflugsgaststätte Jan an de Fähr geht’s los. Verleiher Jürgen Schoofs hat mehrere Boote ein Stück vom Ufer entfernt abgelegt, bis zur Anlegestelle müssen wir unseres schleppen. Der Kanadier (ein Dreisitzer war bestellt, aber Paddler Nummer drei ist wegen Krankheit ausgefallen) ist lang und ganz schön schwer, einmal im Wasser, gleitet er aber brav seinem Ziel entgegen. Bis dahin ist es aber noch lange hin.

Die urige Handkurbel-Fähre, die bei „Jan an de Fähr“ seit einem halben Jahrhundert Fußgänger über das Flüsschen bringt, liegt wegen des Niedrigwassers auf Grund. Ein Waldstück in Kalbeck zeigt uns, wie die Bäume  unter Trockenheit und Schädlingen leiden – sie sehen erschreckend kahl aus. Wir nutzen die eher langweilige Strecke bis an den Stadtrand von Goch fürs Üben: geradeaus fahren, etwas gegenlenken, nicht die Böschung touchieren. Und das Paddel immer schön kräftig und gleichmäßig durchs Wasser ziehen, damit wir voran kommen. Gocher Brückenbauwerke wölben sich über uns: Straßenbrücken, Eisenbahnbrücken, die im Abriss befindliche Fußgängerbrücke am Kastell. Die Nierswelle von der Wasserseite her ist auch interessant, wir beobachten Leute, die verbotenerweise Enten füttern, fischen mit dem Paddel eine Coladose und aufgeweichte Brotstücke aus dem Wasser und setzen unsere Tour fort.

An der Susmühle geht’s links ab, wir passieren die Anlegestelle im Stadtpark und fragen uns, was wohl aus dem hinteren Teil des Parks werden soll, der früheren „Gocher Bucht“ mit dem Verkehrsübungsplatz. Die Brachlandschaft liegt bald hinter uns, und nun müssen wir es „nur noch“ bis Kessel schaffen. Gute Ortskenntnis hilft, um abschätzen zu können, wo man sich gerade befindet. Die Aspermühle gibt einen Hinweis, später erahnen wir das Klostergut Graefenthal hinter Bäumen und einem See. Dieser Bereich ist schon vor Jahren ökologisch aufgewertet worden, allerdings, ohne den Flussverlauf zu beeinflussen. Jetzt steigt die Spannung, denn sobald wir die Kesseler Kirche sehen werden, ist es so weit: Dann haben wir die neu gestaltete Landschaft erreicht, die von uns die richtige Entscheidung verlangt: Welchen Flussarm nutzen wir?

Vom Boot aus ist die Perspektive auf Stadt und Umgebung eine andere. Hier passieren die Test-Fahrer die Gocher Nierswelle. Foto: Anja Settnik
Und wenn die Tour geschafft ist, legt man Kajak oder Kanadier ordentlich auf der Wiese hinter dem Bootsanleger ab. Bei schönem Wetter kommen da einige Fahrzeuge zusammen. Foto: Anja Settnik

„Je nachdem, welche Seite mehr Wasser führt“, hat uns Jutta Schoofs geraten. Manchmal liege auch ein Ast im Weg, wir sollten aufpassen, dass wir keine der kleinen künstlich geschaffenen Inseln und ihre Bewohner stören. Aber das sei zu machen, es habe noch niemand um Hilfe gerufen. Den renaturierten Bereich haben wir während der Arbeiten des Niersverbands und danach schon öfter vom Land aus betrachtet, haben also eine ungefähre Vorstellung. „Außen herum“ scheint die sicherste Variante, und irgendwie schlägt die schwache Strömung die linke Spur vor – also links. Völlig problemlos gleiten wir an frühherbstlich blühenden und mit verschiedenen Gräsern bewachsenen Ufern und Inseln vorüber, auch Sandbänke, auf denen sich Wasservögel sonnen, fallen ins Auge. Kaum zu glauben, dass noch vor zwei Jahren die Niers in diesem Gebiet ein unbelebt wirkender Kanal zwischen Wiesen war. Jetzt hingegen stellt sich ein echtes Naturerlebnis ein. Das Flüsschen hat inzwischen Tieren, Pflanzen und Menschen mehr zu bieten.

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