Goch : Die neue Herberge

Weihnachten in einem neuen Zuhause -­ wahrscheinlich dem letzten: Erstmals stehen im Pfalzdorfer Josefshaus die bunt geschmückten Christbäume. Eindrücke von einem (gar nicht so) anderen Weihnachtsfest.

Die Geschmäcker, man sieht es deutlich, sind verschieden. Hier lieber bunt, dort klassisch-silber, hier schlicht, dort wieder ganz üppig ­ und ein Weihnachtsbaum, der sieht nun wirklich aus wie ein Klassiker vor vielen Jahrzehnten. Kindheits- und Jugenderinnerungen sind halt "Gepäck” fürs ganze Leben, sie wärmen das Herz, auch und gerade jetzt, im Alter. Josefshaus Pfalzdorf, Hevelingstraße. Ein Altersheim mitten im Leben, zwischen Kirche, Kindergarten, Schule und ­ ja, auch Friedhof. Denn der gehört zum Leben dazu, nicht nur für die vielen Pfalzdorfer, die hier und jetzt ihr aller Voraussicht nach letztes Zuhause gefunden haben.

In einer großen Wohnung

Weihnachten im neuen Haus ­ ein ganz anderes als bisher. Die Zimmer viel größer, heller, schöner, statt langer Flure gibt es nun das Gefühl, in einer Wohnung zu leben, mit großem Raum in der Mitte. Küche, Wohnzimmer, Esszimmer, Spielzimmer ­ von allem hat er was, der so genannte Gemeinschaftsraum. Genau dort stehen sie auch schon längst, die ganz und gar individuell gestalteten, großen Weihnachtsbäume. Dass sie so unterschiedlich sind, liegt auf der Hand. "Geschmückt haben die Bewohner sie schließlich selbst, es soll ja ihnen gefallen und nicht uns”, sagt Gabi Theissen, Leiterin des Josefshauses. "Und außerdem: Jeder Weihnachtsbaum ist doch schön!” Stimmt. Jeder. Und wichtig, besonders für diejenigen, die zu Weihnachten auch hier sind, nicht abgeholt werden von den Kindern, den Verwandten, um dort unter einem anderen Weihnachtsbaum den Heiligen Abend zu feiern.

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Fällt Weihnachten nicht aus im Seniorenheim? Nein, sagt Gabi Theissen, ganz und gar nicht. Gefeiert wird traditionell, so, wie es die meisten Bewohner von früher her kennen. Um 15 Uhr beginnt der Nachmittag mit einer Weihnachtsgeschichte, vorgelesen. Dann: Döntjes "van frugger”. Da kann jeder mitreden, da hat jeder etwas zu erzählen. Nach dem Abendessen wird gesungen ­ alte Weihnachtslieder, die jeder kennt, die mit dazu gehören zu den so wichtigen Erinnerungen an früher, an die Kindertage. Vielleicht auch Erinnerungen an die eigenen Eltern.

Kein Klacks

Weihnachten nicht mehr zuhause, sondern im Seniorenheim: Zu sagen, das sei ein Klacks, wäre gelogen. Marie-Luise Martens beispielsweise erzählt: Nein, es sei natürlich nicht einfach gewesen, das eigene Haus aufzugeben, nach mehr als 40 Jahren! "Wir haben es selbst gebaut, am Katharinenweg, wunderschön gelegen!” Erinnerungen, die Wehmut bringen, Trauer auch. Da tut es gut, wenn man "aufgehoben” ist. "Schreiben Sie mal, dass die Leute, die hier arbeiten, ganz wunderbar sind, einmalig! Das macht alles viel, viel leichter!”

Leichter ist es, jetzt, nach dem Umzug. In "netto” einem einzigen Tag meisterte das Team des Josefshauses den nämlich. "Jeder war für fünf Bewohner zuständig”, so Gabi Theissen. "Und alles hat geklappt, frühmorgens haben wir begonnen, und am späten Abend war alles so weit. Darauf können die Mitarbeiter wirklich stolz sein!” Mehr Platz, mehr Licht, viel Komfort, ausschließlich Einzelzimmer ­ es ist schön geworden, das neue Josefshaus, das neue Konzept ist zukunftweisend. Dass der Umzug klappte, pünktlich, war eine Meisterleistung. Die neue Herberge!

Der alten Dame im Rollstuhl hilft das jetzt allerdings nichts. Sie, deren Hirn die Demenz böse Streiche spielt, verwechselt den Mann von der Zeitung mit einem Enkel, der sie lange, viel zu lange nicht mehr besuchte. Sie weint vor Freude. Der Irrtum wird nicht aufgeklärt. Schließlich ist Weihnachten.