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Die Gocher Lederfabrik Josef Moll entwickelt den Derbystar-Prototypen.

Derbystar-Geschichte : Im Gefängnis fing alles an

Die heimathistorische Zeitschrift „An Niers und Kendel“ berichtet über Erinnerungen an die ehemalige Lederfabrik Josef Moll mit der Erfindung des heute berühmten Fußballs. Urahn Josef Moll-Thissen lebt 98-jährig in der Schweiz.

Wer in die Geschichte des heutzutage bundesweit berühmten Fußballbundesliga-Balls Derbystar eintaucht, landet unweigerlich im Jahr 1968, als der Textil-Kaufmann Karl-Heinz Faure die Firma Derbystar Sportartikelfabrik gründete. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, denn die eigentliche Geburtsstunde des damals noch echten Lederballs schlug schon ein gutes Jahrzehnt zuvor, in den Hallen der Lederfabrik Josef Moll. Über die Erinnerungen an diese Firma schreibt Autor Dieter Bullack in der Ausgabe Nr. 67 der historischen Zeitschrift „An Niers und Kendel“, die vom Heimatverein Goch herausgegeben wird, und für 2,50 Euro in den Buchhandlungen zu kaufen ist.

Die eigentliche Geschichte des Unternehmens beginnt am 1. August 1905, als der Polsterer und Sattler Josef Moll sen. einen Handwerksbetrieb an der Voßstraße gründete. Zunächst wurden Teppiche, Läufer und Polstermöbel aus Stoff und Leder produziert, doch das Geschäft florierte so gut, dass schon drei Jahre später 250 Menschen beschäftigt waren und aus dem kleinen Betrieb ein Industrie-Unternehmen wurde, das sich mit der Herstellung von Lederwaren befasste. Im Ersten Weltkrieg bekam Moll große Aufträge aus dem Kriegsministerium (Geschirr und Gurte für Pferde, Gewehrriemen, Patronentaschen), Moll musste die aus allen Nähten platzende Firma verlegen und baute an der Reiscopstraße/Mittelweg eine Fabrik, die schon 1920 einen Anbau erhielt. 1927 folgte eine Gerberei, 1936 ein Erweiterungsbau, im Zweiten Weltkrieg ab 1939 wurden fast nur noch Heeresbedarfsartikel hergestellt, die Mitarbeiterzahl stieg auf 500.

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Das Kriegsende war eine Zäsur, Josef Moll begann schon wenige Monate später, sein zerstörtes Lebenswerk ein zweites Mal aufzubauen. Da die Ehe von Josef und Hendrina Moll kinderlos geblieben war, hatte Moll schon früh damit geplant, seinen Neffen zu adoptieren und als Nachfolger einzusetzen. Josef Thissen nahm daher den Namen Moll an, studierte an der TH in Aachen Architektur und trat 1952 als Adoptivsohn Josef Moll-Thissen, Diplom-Ingenieur, an der Seite seines Onkels Josef Moll als persönlich haftender Gesellschafter in die Firma ein. 1955 heiratete er Irmgard Straube und baute an der Hubertusstraße ein Haus für die Familie, während der Onkel in einer Villa an der Marienwasserstraße gegenüber vom Hotel „Zur Friedenseiche“  wohnte.

Die Produktion von Lederbällen (für Fußball und Handball) begann nach Zeitzeugen-Berichten wohl schon Ende der fünfziger Jahre. Seinerzeit brachte der damalige Abteilungsleiter Hermann van der Wouw Lederzuschnitte zum Klever Gefängnis, wo Häftlinge die fertigen Bälle zunähten. Nachdem die Firma Moll 1958 auf der Weltausstellung mit einer Goldmedaille ausgezeichnet wurde für einen Reitsattel, der für den Weltmeister und Olympiasieger im Springreiten, Hans-Günther Winkler, entwickelt worden war, fanden die Waren aus Goch in vielen Ländern der Welt großen Absatz.

Nachdem der Firmengründer Josef Moll im Alter von 83 Jahren am 9. April 1960 gestorben war, setzte sein Nachfolger ab 1961 einen Schwerpunkt auf die Produktion von Lederbällen, die unter der Bezeichnung „Derbystar“ 1962 in das Sortiment aufgenommen wurden. Völlig neuartig waren die 32-teiligen sogenannten Fernsehbälle mit 20 weißen und 12 schwarzen Teilen, im Jahr der Fußball-WM in Chile im Jahr 1962 fand das Gocher Modell „Chile“ reißenden Absatz. Als Repräsentanten der Firma (also heutige Werbe-Ikonen) arbeiteten Sportgrößen wie zum Beispiel der Fußball-Gott von 1954, Torhüter Toni Turek. In der RP vom 13. Juli 1963 war zu lesen, dass 300 handgenähte Lederkugeln täglich das Gocher Werk verließen: „Hinter Derbystar liegt ein kometenhafter Verkaufserfolg“.

Fünf Jahre später endete dieser Teil der Firmengeschichte, denn nach dem viel zu frühen Tod seiner Gattin Irmgard, die 1967 im Alter von 32 Jahren starb, löste Josef Moll-Thissen die Firma auf und verlegte seinen Wohnsitz in die Schweiz, wo er ein zweites Mal heiratete und heute im Alter von 98 Jahren in Luzern lebt und auch den Werdegang von Derbystar aufmerksam verfolgt. So war er auch 2012 zum 50. Derbystar-Geburtstag zu Gast in Goch.

Aus dem aufgelösten Unternehmen Moll entwickelten sich nach 1968 drei Lederfabriken und eine Gerberei. Bestand bis heute indes hat nur Derbystar. Und wie: Hatten in den zurückliegenden Jahrzehnten immer wieder mal mehrere Fußball-Bundesligisten mit dem inzwischen aus dem Kunststoff Polyurethan witterungsunabhängig hergestellten Kugeln gekickt, so gelang den Machern mit Geschäftsführer Joachim Böhmer an der Spitze der Coup schlechthin: Mit der Deutschen Fußball-Liga (DFL) wurde vereinbart, dass die deutschen Profiligen ab der Saison 2018 vier Jahre lang mit Derbystar-Bällen kicken, der Vertrag ist mittlerweile schon bis 2026 verlängert worden.

Die Bandbreite der Themen ist auch in diesem wieder 32 Seiten starken Heft groß: Dieter Bullack schreibt über das 100-jährige Bestehen der Ferienfahrten nach Ameland. Hans-Joachim Koepps Themen sind die erste Kneipe von Pfalzdorf, der Arzt, Siedler und Bürgermeister Dr. Speck, die Maulbeerplantagen zur Seidenraupenzucht, die ersten hölzernen Hinweisschilder Gochs, das Raymann’sche Kartenwerk und die von Oberbrandmeistern gefertigten  Feuerspritzen.