Goch: Die alten Zeiten waren nicht gut

Goch : Die alten Zeiten waren nicht gut

35 Jahre – viel älter wurde niemand zu Zeiten der Gocher Stadtgründung. Kinder mussten schon mit fünf Jahren arbeiten, mit sieben einen Beruf erlernen – wenn sie's durften. Zum Jubiläum Einblicke in alte, aber nicht gute Zeiten.

35 Jahre — viel älter wurde niemand zu Zeiten der Gocher Stadtgründung. Kinder mussten schon mit fünf Jahren arbeiten, mit sieben einen Beruf erlernen — wenn sie's durften. Zum Jubiläum Einblicke in alte, aber nicht gute Zeiten.

Ein Bild von Jan de Beyer zeigt den Gocher Markt von einst. Foto: PRIVAT

Manchmal gibt es doch noch was, das hat nicht mal Hans-Joachim Koepp gesehen. Prof. Margret Wensky vom Landschaftsverband Rheinland überraschte bei ihrem Besuch in Goch den Stadtarchivar mit einem Grundriss der Stadt Goch, den sie in einem Archiv in Leiden aufgestöbert hatte. "Nein, den kannte ich noch nicht", sagt Koepp. Und ist eigentlich beim Thema. Warum feiert Goch genau 2011 sein 750-jähriges Bestehen, wo man die Gründung doch gar nicht genau datieren kann? Warum also das Jahr 1261?

Goch wurde nach Plan gebaut

Koepp im RP-Gespräch: "Auch Prof. Wensky ist sich, genau wie wir hier, sicher, dass die eigentliche Stadt Goch ein wenig älter ist. Es gibt viele Indizien und auch Beweise. Beispielsweise die Tatsache, dass die Stadt nach einem sorgsam gestalteten Plan gebaut wurde. Und dass Otto II., unter dessen Geldrischer Herrschaft Goch ja gegründet wurde, kräftig hat abkupfern lassen, gleich nebenan, Im Klevischen. "Ur-Goch" sieht verdächtig ähnlich aus wie das kurz zuvor entstandene "Ur-Kalkar".

Nicht 1261, sondern schon schon ein paar Jahre früher wurde auf alle Fälle die Stadtbefestigung fürs künftige Goch gebaut. Koepp: "Dendrologische Untersuchungen der Eichenbalken, die für die Befestigung verwandt wurden, haben gezeigt, dass das etwa 1242 gewesen sein muss. Da gab es also den geplanten Grundriss Gochs schon. Aber dann zogen sich die Aufbauarbeiten über geschätzt zwei Jahrzehnte hin. Die kleine Stadt Goch, ob mit oder ohne die so wichtigen Stadtrechte, wird es 1248 gegeben haben, dem Jahr, in dem das Kloster Graefenthal gegründet wurde.

Früher oder später — auf alle Fälle ist der 5. September 1261 ein Datum, das wirklich zweifelsfrei belegt: Zu diesem Zeitpunkt war Goch seit kurzem Stadt mit den entsprechenden Rechten. "Eine kompliziert verfasste Urkunde diesen Datums, die in einem Archiv in Den Haag liegt, stammt von diesem Tag." Thema: Leibeigene, die in die Stadt ziehen, sind nach einem Jahr frei."

Und das ist schon eines der Privilegien, das Stadtbewohner im späten Mittelalter genießen durften. Das Bürgertum, das man sich, beispielsweise als Gocher durch Wollhandel und -verarbeitung wohlhabend geworden, erkaufen konnte, sicherte solche Rechte. Geradezu ein Lottogewinn in einer Zeit, in der bittere Armut herrschte. "Es gab Adel, Geistlichkeit, Bürger — und vor allem Bauern. 90 Prozent der Menschen waren Leibeigene", berichtet Koepp. Wenn die in der Stadt durch ein Handwerk, durch Handel oder einen Gewerbebetrieb ihre Chance nutzen konnten, versprach ihnen das ein deutlich besseres Leben.

Und das war wichtig in einer Zeit, da genau dieses Leben gemeinhin kurz war. "Die Menschen wurden im Schnitt so um die 35 Jahre alt", erzählt Koepp. "Kinder mussten mit fünf Jahren schon arbeiten, ,erst' mit sieben Jahren begannen sie, wenn die Möglichkeit bestand, ihre Berufsausbildung." — Von wegen "gute alte Zeiten".

(RP/rl)
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