Der wahnsinnige Puppenspieler Heinz Bömler lud in die Viller Mühle ein

Kessel : Märchenhaftes an der Viller Mühle

An beiden Pfingsttagen besuchten mehrere hundert Gäste den „wahnsinnigen Puppenspieler“ Heinz Bömler. Vier Sonder-Führungen gehörten zum Angebot in Kessel: Garten, Historie, Märchen und Kasperletheater.

Ein „Zauberwort“ des Heinz Bömler ist „Marketing“. „Nicht das, was einer kann, sondern wie er es vermarktet, ist das Geheimnis des Erfolgs“, sagt der „wahnsinnige“ Puppenspieler und Hausherr der Viller Mühle zwischen Hommersum und Kessel. An beiden Pfingsttagen hielt er für die Besucher des Mühlengeländes stündlich eine Mischung aus unterhaltsamem Vortrag, Kasperletheater und Businesscoaching.

Viele Museumsdirektoren, die über zu wenige Besucher klagten, könnten von ihm lernen, so Bömler. „Schütte Müll auf einen Haufen und tanze darum herum, dann kommen die Leute, ihr seid der Beweis“, erklärte er seinen Zuhörern. Wieder einmal waren sie zu Hunderten gekommen, um den „Müll“, der eigentlich eine Riesensammlung von Kuriositäten und alter Dinge, die Erinnerungen wecken, zu sehen und zu entdecken. „Hier ist gestern“, sagt der Puppenspieler, der auch überzeugt ist, dass der „Müll von heute die Antiquität von morgen“ ist.

Tatsächlich ist der Besuch der Viller Mühle eine Zeitreise: alte Warenschilder, vergessene Namen, die größte Großspielzeug-Sammlung der Welt, und vor allem ein Ort, an dem ganz vernünftige Erwachsene wieder Kinder sind, in einen Schornstein kriechen und dort einen Luftballon steigen lassen.

Zum ersten Mal an den Öffnungstagen zu Pfingsten gab es Führungen der besonderen Art: Carolin Beyer lebt seit einem Jahr an der Viller Mühle und hat inzwischen einen Morgen Wiese zu einem Garten umgestaltet. Etwa ein Drittel ist Gemüsegarten, den sie nach dem Prinzip der Permakultur angelegt hat. Die Idee ist, den Kreislauf der Natur so zu nutzen, dass er sich dauerhaft (permanent) selbst erhält. Hier stehen Kohl und Rote Bete ungewöhnlich dicht beieinander. „Man muss immer herausfinden, welche Pflanzen sich gut verstehen, einander begünstigen“, erklärt die Gartengestalterin. Kohl wachse nach oben, die Bete in die Erde. Ganz wichtig sei eine Mulchschicht, die die Feuchtigkeit in der Erde hält. Einziges Düngemittel sei die Brennessel-Jauche und der Kompost, entscheidendes Element im Kreislauf der Natur. Das selbst gebaute Gewächshaus wird nur durch aufgefangenes Regenwasser bewässert. „Mehr Energie geben als nehmen“, so das Prinzip.

Die Besucher genossen die natürliche Atmosphäre des Gartens, in dem auch der Grünkohl einmal blühen darf, und nahmen die Ideen mit nach Hause in ihre eigenen großen oder kleinen Gärten. Ein Hauptthema an der Viller Mühle des Heinz Bömler ist natürlich auch immer die eigene Welt der Märchen. Margret Ostermann mit Zylinder und Fliege führte durch das Märchenmuseum des Puppenspielers und weckte die darin schlummernden Geschichten zum Leben. Die Geschichte vom Wolf und den Sieben Geißlein modernisierte sie sanft (Mutter Geiß kauft eine Dose Kidney-Bohnen). Vom Publikum war „Leidenschaft“ gefragt, denn es reicht eben nicht, nur zuzuhören. Kleine und große Kinder waren begeistert und berührten ehrfürchtig die „echte“ Kugel vom Froschkönig. Dazu musste man aber zuerst atmen und „Platz“ machen in seiner Brust für das „schöne Gefühl“, das die Berührung der Kugel bewirkt.

Die Historie der Viller Mühle war das Thema der Führung von Thomas Schramm. Der Hobby-Historiker hat sich in die Geschichte der Öl- und Getreidemühle vertieft und herausgefunden, dass sie schon über 1000 Jahre alt ist. Abseits der gängigen Wikipedia-Artikel erzählte er den Zuhörern „vor Ort“, warum gerade an dieser Stelle am Niederrhein eine Mühle stand. Es war der Fluss, der damals noch unbegradigt hier vorbeifloss. Später kam der Anschluss an die Nebenstrecke der Boxteler Bahn hinzu. Wasserweg und Bahn bildeten einen doppelten Absatzweg für den Müller. Schramm zeigte den Besuchern Drucke von alten Stichen und Zeichnungen, wusste viele Einzelheiten zu erzählen und wies auch auf den engen historischen Bezug zum Kloster Graefenthal hin.

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