Der Gocher Nikolaus kam wieder über die Niers in die Stadt

Brauchtum: Nikolaus kam  wieder über die Niers

Nach 30 Jahren Pause kam der  Nikolaus wieder im Boot der DLRG und in Begleitung des schwarzen Mannes übers Wasser. Beide Gäste zeigten sich sehr freundlich und verteilten am Fünf-Ringe-Haus gefüllte Stiefel und Weckmänner.

Gelernt ist gelernt. Engeline Aymans, jahrzehntelang Grundschullehrerin und Rektorin der Liebfrauenschule, stimmte die Gocher Kinder mit allen Tricks auf das Erscheinen des Heiligen Mannes ein. Schon früh hatten sich hunderte Familien an der Nierswelle gute Plätze ergattert, um später einen ungehinderten Blick auf den Nikolaus werfen zu können. Damit die Wartezeit nicht lang wurde, sang Engeline Aymans mit den Jüngsten schon mal ein paar Nikolauslieder. Nach Kräften unterstützt wurden sie dabei vom Spielmannszug der Feuerwehr. Andere Kameraden der Gocher Wehr standen mit Pechfackeln dekorativ und nützlich am Ufer des Flusses. Denn es war trotz (oder gerade wegen) der Weihnachtsbeleuchtung in den Straßen und an den Häusern der Umgebung tiefdunkel an der Nierswelle. Immerhin zeigte der Himmel gegenüber den flehentlichen Bitten der Akteure vom Heimatverein ein Einsehen und hielt die Wolken dicht – der Regen traute sich erst wieder in der Nacht heraus.

Viele Jahre lang hatte der Nikolaus um die Stadt Goch geradezu einen Bogen gemacht. Wo er nicht in den Familien anklopfte, konnte ihn niemand sehen. Das fanden viele Gocher blöd, denn sie hatten noch gut in Erinnerung, wie nett es war, als der Kinderfreund noch im Boot der DLRG Richtung Stadtpark fuhr. Nun hat die Stadt seit einigen Jahren ja eine viel schönere Niers-Adresse: die terrassenförmige Nierswelle, an der in den Augen vieler Bürger ohnehin viel zu selten etwas los ist. Das will der Heimatverein, der sich nicht nur für die Historie, sondern auch für zeitgemäßes Brauchtum interessiert, ändern und fragte mal beim Nikolaus und bei Bürgermeister Ulrich Knickrehm an. Beide waren einverstanden, den Gocher Kindern einen schönen Abend zu bescheren.

Weil nur Singen auf die Dauer zu anstrengend ist, gab’s von Engeline Aymans auch noch eine Fragerunde. Oder besser: die Aufforderung an die Kinder, sich Fragen an den Nikolaus oder über ihn zu überlegen: Wo kommt er eigentlich her, der Nikolaus? Wo liegt denn Myra? Oder, wie Jonas wissen wollte: „Bist Du mit dem Weihnachtsmann verwandt?“ Eine vielleicht ängstliche Frage musste gar nicht erst gestellt werden: warum der liebe alte Mann nämlich meistens diesen fiesen Typen bei sich hat, diesen Knecht Ruprecht oder Zwarte Piet, wie er bei unseren Nachbarn heißt. In Goch war der Begleiter des Bischofs nämlich ein freundlicher Geselle, der keine Rute dabei hatte und kein Kind in den Sack zu stecken versuchte. Ganz im Gegenteil – er attestierte seinem Chef und half, die Kinder zu beschenken.

  • Brauchtum : Der Nikolaus kommt wieder über die Niers

Richtig spannend war es, bis endlich die Scheinwerfer des Bootes die Dunkelheit unter der Niersbrücke teilte und sich das Gefährt der Anlegestelle näherte. Einmal schipperten die DLRG-Leute ihre wertvolle Fracht an der Nierswelle hin und her, damit auch jeder den Winkenden mit der hohen Mütze und im rot-weißen Mantel sehen konnte. „Hallo Nikolaus“ erschallte es aus vielen Kindergarten-Kehlen, und manche Mutter hatte Mühe, ihren Knirps an der Kapuze festzuhalten.

Geschickter, als man es einem so alten Mann zutrauen würde, kletterte Nikolaus schließlich aus dem Boot, ließ sich die Schwimmweste ausziehen und sich ganz offiziell vom Vorsitzenden des Heimatvereins, Altbürgermeister Willi Vaegs, begrüßen. Danach ging es los zum gemeinsamen Spaziergang, denn eine ähnlich ersehnte Prozedur wartete ja noch auf die Kleinen: Brave Eltern hatten Tage vorher Stiefel abgegeben, die mit Hilfe örtlicher Geschäftsleute gefüllt und am Nikolausabend den Kindern übergeben wurden. Selbst wer vergessliche oder uneinsichtige Eltern hatte, ging nicht leer aus, denn eine große Anzahl Weckmänner wurde unter all denen verteilt, die erwartungsvoll zum Fünf-Ringe-Haus marschiert waren.

Im Innenhof zwischen Rathaus und dem historischen Gocher Kleinod, das seiner Wiederbelebung entgegensieht, wurde noch gesungen, erzählt und schmeckte der Glühwein. Für die Kleinen gab’s Punsch ohne Alkohol.

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