Goch: "Christbäume" in der Nacht des Grauens

Goch : "Christbäume" in der Nacht des Grauens

Die Schlacht am Niederrhein begann mit dem Bombardement von Goch, Kleve und Kalkar am 7. Februar 1945. Die Weberstadt wurde in eine Mondlandschaft verwandelt. 200 Menschen starben im Inferno. Augenzeugen berichten.

"Die letzten Stunden einer sterbenden Stadt" heißt die Schlagzeile eines Artikels aus dem Heimatkalender 1985, in dem der Apotheker Hans Besselmann 40 Jahre nach Kriegsende über die Zerstörung der Stadt Goch am 7. Februar 1945 berichtet. Besselmann war einer von noch 400 Bewohnern der längst evakuierten Stadt, die den Untergang miterlebten. 200 von ihnen, darunter neben 30 Bürgern Gochs auch etwa 170 "Fremdarbeiter aus Russland, Italien und den Niederlanden, starben in der Nacht des Grauens.

Besselmann beschrieb seine Eindrücke, nachdem er den Schutzkeller verlassen hatte: "Ich sah nur noch eine Mondlandschaft vor mir, dort, wo einst Goch gestanden hatte. Ein großes Trümmer-Meer, das noch am helllichten Tag lichterloh brannte!"

Bevor die britischen Bomber ihr todbringendes Werk verrichteten, kündigten als Vorboten "Christbäume" am nachtschwarzen Himmel um 21.55 Uhr den Menschen am Boden das Bombardement an. Rote und grüne Leuchtkugeln markierten am Firmament das Abwurfgebiet - nur Minuten später öffneten die Piloten von 147 Flugzeugen die Schächte und ließen 464 Tonnen Sprengbomben und acht Tonnen Brandbomben auf die alte Weberstadt regnen.

Der zweite Großangriff gab der Klever Oberstadt, Kalkar und Uedem den Todesstoß, weil die Piloten wegen der zu starken Rauchentwicklung über Goch abdrehen mussten und die Nachbarstädte anflogen. Die dritte Welle folgte dennoch um 23.30 Uhr, diesmal verrichteten noch 95 Bomber ihr Todeshandwerk mit weiteren 400 Tonnen Sprengstoff. Die Zerstörung war so total, dass der Militärhistoriker Blake später urteilte: "Sieht man von der Bombardierung des Ruhrgebiets und der Zerstörung Dresdens ab, so ist vermutlich kein Gebiet auf Gottes Erdboden außer Stalingrad dermaßen mit konventionellen Waffen zusammengeschlagen worden."

Die eigentliche Schlacht sollte aber erst einen Tag später beginnen. Besselmann erinnert sich genau: "Um 5 Uhr setzte das Artillerie-Trommelfeuer ein. Die Front begann jenseits des Reichswaldes. Alles war hell erleuchtet. Nun ging der Krieg erst recht los". Bei der Operation Veritable überrollte eine halbe Million Soldaten der Alliierten die kaum noch vorhandenen deutschen Verteidigungslinien. 31 Tage lang wurde der Widerstand niedergekämpft, die Bilanz des Grauens: 22 000 Gefallene und etwa gleichviele Gefangene auf deutscher Seite, 15 674 Tote im alliierten Lager.

Die letzte Überlebende dieser Nacht des Chaos wurde erst elf Tage später geborgen: Die 74 Jahre alte Witwe Christine Meuskens war in einem Kellerraum verschüttet worden, hatte aber das Glück, dass massive Pfosten einen Einsturz des Raumes verhinderten. Die Frau ernährte sich mit dem Inhalt von Einmachgläsern und trotzte auch der Eiseskälte des Winters. Britische Soldaten fanden die Frau und transportierten sie ins Hospital.

Die "Illustrated London News" berichtete, dass Goch endgültig am Abend des 21. Februar 1945 "vom Feind geräumt war, mit Ausnahme einiger isolierter Scharfschützen". Und schon bald darauf kehrte die Normalität in Gestalt von drei Clemensschwestern in Goch ein. Sie kamen am 15. April 1945 aus dem Lager Bedburg nach Goch. Schon einen Monat später zählte die zu mehr als 80 Prozent vernichtete Stadt Goch wieder 2300 Einwohner, die mit der Beseitigung des geschätzt 121 000 Kubikmeter Trümmer großen Schuttberges beginnen konnten. Diese Arbeit sollte ein ganzes Jahrzehnt dauern.

Die letzten Toten Gochs wurden sechs Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gezählt: Bei Enttrümmerungs-Arbeiten an der Ruine des ehemaligen Hotels Rademaker entdeckten die Arbeiter im Jahr 1951 die sterblichen Überreste von fünf deutschen Soldaten, die beim Bombardement in den Keller geflohen waren, aber dort vom Tod, der aus dem Himmel fiel, ereilt wurden.

(RP)
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