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Annette Wozny-Koepp hat eine neue Stadtführung für Goch ersonnen

Neue Führung durch Goch : Verhütungstipps aus dem Mittelalter

Stadtführerin Annette Wozny-Koepp hat eine neue Tour ausgearbeitet, die Wissenswertes und viel Unterhaltung bietet. Unter anderem geht‘s um Krankheiten, körperliche Liebe und den Hexenwahn. Nächste Führung am Samstag.

Annette Wozny-Koepp hat sich in den vergangenen Jahren viel mit dem mittelalterlichen Goch beschäftigt. Internet-Recherchen, Fachliteratur, Gespräche mit Historikern – die Stadtführerin hat eine neue Leidenschaft entdeckt. Und die Passion möchte sie nun gerne mit anderen teilen: Jetzt fand die erste Themenführung „Aus mit dem Graus“ statt. Ausgangspunkt war das Haus zu den Fünf Ringen am Marktplatz, ein Dutzend Menschen aus der Region folgten der Gocherin auf dem Weg quer durch die Stadt. Knapp anderthalb Stunden dauert die Tour.

Annette Wozny-Koepp hat sich eigens in ein Narrenkostüm geworfen, um zu zeigen: Hier pendelt jemand zwischen den Zeiten, zwischen den Epochen. „So habe ich die Narrenfreiheit. Ich darf sagen, was andere nicht einmal denken dürfen“, so die Führerin. Die Gäste können sie nie aus den Augen verlieren, denn Wozny-Koepp hat ein Glöckchen an der Narrenmütze. „Viele Narren galten früher als dümmlich. Dabei gab es auch sehr geschickte und intelligente Narren, die die Parodie perfekt beherrschten“, sagt sie.

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  • Die Figur eines Pestdoktors mit einer
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  • Geigerin Tetiana Bielikova spielt in Goch.⇥Foto:
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Annette Wozny-Koepp stoppt am Steintor, das 1350 erbaut wurde. Es ist das einzige erhaltene  Stadttor in Goch. Sie erzählt eine Sage aus dem Mittelalter, wonach die Gocher einst aufopferungsvoll gegen dreiste Klever Räuber kämpften. Den Feind schlug man schlließlich am Verhandlungstisch in die Flucht: Die Diebe mussten sich mit einer tapferen Jungfrau zufriedengeben. An der Nierswelle, einst eine Pferdetränke vor den Toren der Stadt, reflektiert Wozny-Koepp die Historie des Tuchhandels in Goch. Schafswolle war ein Exportschlager. Doch der Niederrhein war im Mittelalter nicht nur mit wirtschaftlichen Interessen beschäftigt. Auch die Magie hielt die Menschen in Atem. Zwar kam es in Goch – anders als im südlichen Kreis Kleve – nicht zu Hexenverbrennungen. Die Hexenverfolgung aber war auch in der Weberstadt an der Tagesordnung. Rothaarige, Milchdiebe, Spielleute – sie alle wurden mit dunkler Magie in Verbindung gebracht.

„Meine mittelalterlichen Erzählungen sind keine Geschichten, sie sind Geschichte“, sagt Wozny-Koepp über eine Zeit, in der Todesangst und Lebenslust  nahe beieinander lagen. Die Medizin steckte noch in den Kinderschuhen. Das wusste der Apotheker Metzler in Goch für sich zu nutzen. Der Schwindler war ohne Zulassung als Arzt tätig und versprach, sogar Blindheit heilen zu können. Die Mächtigen der Stadt waren Metzlers Praktiken irgendwann satt, sprachen Berufsverbot und  Geldstrafe aus. Die Folge:  Metzler wirkte in Pfalzdorf weiter.

 Auch in Goch sollen Frauen einst Keuschheitsgürtel getragen haben. Ein Metallstück, das eher der Folter als der Verhütung diente.  Noch beängstigender waren  einst die Infektionskrankheiten. Die Pest, der „Schwarze Tod“, ließ die Bevölkerung Gochs auf ein Drittel schrumpfen. Die Todesspur zog sich im 14. Jahrhundert quer durch Europa und ließ den Niederrhein nicht verschont. Nur wussten sich die Menschen kaum zu helfen. Stattdessen zeigte man mit dem Finger auf die Juden – und glaubten, die Pest könne man nur besiegen, wenn Gottes Zorn besänftigt wird. Wichtig waren übrigens schon im Mittelalter die Manieren. Eine triefende Nase, herunterhängende Schultern, verkniffene Augen – all das sollen Anzeichen schlechten Benehmens gewesen sein, so die Stadtführerin, die ihren Gästen kuriose Denkzettel mit auf den Weg gab. Ein Beispiel von Erasmus von Rotterdam: „Es ist unhöflich, den zu grüßen, der uriniert und seinen Magen entleert.“

 Die Funktion der Badehäuser, die wie Pilze aus dem Boden schossen, übernahmen im Mittelalter auch die Gocher Friseure: waschen, rasieren, schneiden. Doch die öffentlichen Badeanstalten waren nicht nur ein wichtiger gesellschaftlicher Treffpunkt, sondern auch ein Ort intimer Liebe. Davon zeugen Zeichnungen, die Wozny-Koepp bei den Führungen mit sich führt. Die Verhütung war schon damals ein wichtiges Thema, die Techniken allerdings noch wenig ausgereift. Frauen sollten Leichenwasser trinken, Sprungübungen absolvieren oder die Vagina mit heißem Wachs versiegeln. Und auch eine Art Kondom kam bereits zum Einsatz, allerdings gehäkelt und damit wenig zuverlässig. Annette Wozny-Koepp: „Noch habe ich aber niemanden gefunden, der es ausprobieren möchte.“

Die nächste Tour startet am Sonntag, 22. Mai, um 11 Uhr, Treffpunkt ist am Fünf-Ringe-Haus. Tickets gibt es für fünf Euro  im Rathaus unter Telefon 02823 320202 oder per E-Mail: kultourbuehne@goch.de.