Goch: Als Hannibal in den Gocher Ring stieg

Goch : Als Hannibal in den Gocher Ring stieg

Die 52. Ausgabe der Historischen Zeitschrift für Stadt Goch und Umgebung "An Niers und Kendel" ist erschienen. Auf den Titel hat es das Hotel Central geschafft, in dem sogar internationale Ringkämpfe stattgefunden haben.

Ein mächtiger Backsteinbau war es, weithin sichtbar an der Bahnhofstraße. Das Hotel Central - mit seinen Zinnen und Türmen geradezu thronend wie eine Burg in Goch. Nicht ohne Grund ziert der imposante Komplex den Titel der neuen Ausgabe "An Niers und Kendel". Die Historische Zeitschrift für Stadt Goch und Umgebung geht in die 52. Ausgabe, gleich sechs Themen haben sich die Autoren Hans-Joachim Koepp, Gustav Kade, Rien van den Brand und Jos Kaldenbach in der Juli-Ausgabe angenommen.

Die Pinselfabrik J. Velling auf einer Luftaufnahme aus dem Jahr 1958. Foto: NN

Den ersten Halt machen die Leser im großen Hotel Central, das Hubert op Gen Oorth 1873 bauen ließ. Mit seinem Restaurant, dem 400 Quadratmeter großen Kaisersaal und der Gastwirtschaft "Nederlandse Koffiehuis" wurde das burgähnliche Gebäude schnell zu einer Hochburg der Kultur, wie Stadtarchivar Hans-Joachim Koepp schreibt. Auf zahlreichen Ansichtskarten präsentierte sich das stattliche Haus - neben vielen Vereinen, die dort ihre Feste feierten, war auch das Theater zu Gast. Die Bühnengesellschaft Goch spielte genauso wie das Kölner Volks- und Operreten-Theater, Franz Genesius und das Theater Schmidt. Für den kleinen und großen Hunger zwischendurch gab es im Restaurant seit 1914 einen Mittagstisch für 80 Pfennige bis zur einer Mark. Ausschließlich für Männer, versteht sich.

Werkmeister Marcellus Essers fertig Bürsten im Jahr 1958. Foto: NN

Deutlich mehr Geld ließ sich mit dem Ringkampf verdienen. Bereits 1909 wurde beim "Ersten Internationalen Ringkampf" im Saal um 600 Mark gerungen. Die Wettkämpfer hatten klingende Namen wie Hannibal, der "Negerchampion von Indien", und Jess Roedenbusch, der "taubstumme Löwe". Wer den Titel davongetragen hat, ist leider nicht mehr überliefert. Überliefert ist, dass 1910 im Kaffeegarten des Hotels ein Ballon aufstieg. Hunderte Schaulustige waren dabei, für Goch eine kleine Sensation. Im Februar 1945 wurde der Komplex fast vollständig zerstört. Von den 80 000 Trümmerteilen, die auf dem Gelände lagern, verschwand allein die Hälfte ohne jede Erlaubnis. Es wurde eben gebaut, im Nachkriegs-Goch. Das Hotel war übrigens nicht das einzige Gebäude, mit dem sich die Familie op Gen Oorth in der Weberstadt verewigt hat. Sohn Josef op Gen Oorth entwarf und baute die Liebfrauenkirche.

In einen ganz und gar anderen Winkel der Stadtgeschichte nimmt der Stadtarchivar die Leser mit, wenn er sich mit den Gocher Ringpinseln beschäftigt. Wohl nicht viel hätte gefehlt, damit aus der Weberstadt auch noch eine Pinselstadt geworden wäre. 160 Jahre lang wurden hier Pinsel und Bürsten hergestellt, bis zu 150 Mitarbeiter fanden hier eine Anstellung, insgesamt sieben Fabriken nennt allein das Stadtarchiv Goch. Den Anfang machte Theodor Martin Fonck mit seiner Pinselfabrik, die 1820 aus einer Stecknadelfabrik entstand und am Markt bis zu 28 000 Bürsten jährliche produzierte. Die größte Produkation aber war die Pinselfabrik Velling. Hier wurde auch mit Abstand am längsten gefertigt. 1858 mit minimalem Startkapital an der Voßstraße begonnen, schafften Johann Velling, seine Söhne und Enkel den ganz großen Wurf. In der Fabrik wurden um 1913 jährlich 250 000 Pinsel hergestellt. Als Rohware dienten Haare, die überwiegend aus Russland und China kamen. Die Firma entwickelte auch den Gocher Ringpinsel und spezialisierte sich auf die Herstellung von Teerquaste, die vor allem von der Schifffahrt genutzt wurde.

Über vier Generationen arbeitete die Familie Velling in der Pinselmacherei, ehe die Ära 1986 mit dem Ende der Velling-Schürmanns KG komplett aufhörte. In dem ehemaligen Industriegebiet befindet sich heute die Druckerei Völcker-Janssen.

Außerdem in der Juli-Ausgabe von "Niers und Kendel": "Die Geschichte des Hauses Driesberg und des Geschlechts van Dedem ab 1753", "Verschwundenes Bauwerk am neuen Schloss Kalbeck - Wasserturm in Kalbeck", "Gocher Ganove in Haarlem - Neue niederrheinische Funde in Holland von 1675" und "Registerband macht ,Communio clandestina' komplett". Herausgeber ist der Heimatverein Goch, erhältlich ist das Heftchen für 2,50 Euro im Gocher Buchhandel. Mitglieder des Heimatvereins erhalten es kostenfrei.

(lukra)
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