Geldern: Tod in den Fluten

Geldern : Tod in den Fluten

Johanna Sebus wurde zur Heldin, als sie nach ihrer kranken Mutter auch noch eine junge Familie aus den Fluten des Hochwassers retten wollte. Goethes Ballade vom "Schön Suschen" machte die junge Kleverin später unsterblich.

niederrhein Wäre Johanna Sebus nicht so jung jämmerlich im Rheinhochwasser ertrunken, hätte es nicht einmal zu einer Randnotiz der Geschichte gereicht. Ihr Tod am 13. Januar 1809 jedoch machte das junge Mädchen aus einfachsten Verhältnissen zur Heldin. Sie wurde berühmt. Goethe widmete ihr eine Ballade, Napoleon ließ ihr ein Denkmal bauen, und noch hundert Jahre nach ihrem Tod beschrieben die Gazetten die Geschichte der 17-Jährigen, ihre Heldentaten. Sie wurde Malern und Grafikern zum Modell, die sie frei nach ihrer Fantasie passend zu den Vorstellungen der gerade herrschenden Gesellschaftsnormen darstellten. Johanna Sebus als feingliedrige Schöne, gerade erblüht, als kindhaft Keusche oder als kräftige Walküre. Für Goethe war sie das "Schön Suschen".

Die 17-Jährige wuchs in ärmlichen Verhältnissen mit ihrer gehbehinderten, von Rheuma geplagten Mutter in einer Bauernkate in der Klever Niederung auf. Die Mutter, von lebenslanger schwerer Arbeit gezeichnet, hatte einen Teil ihres Hauses an eine Familie van Beek untervermietet. Als am 13. Januar die Deiche unter der Last des extremen Hochwassers und des Eisgangs nachgaben und das Wasser drohte, ihr Haus zu überschwemmen, rettete Johanna Sebus zuerst ihre Mutter, nahm sie auf den Rücken und trug sie durch das steigende Wasser auf sicheres Gelände. Sie setzte ihre Mutter dort ab, um umzukehren und der an der Kate zurückgebliebenen Familie van Beek zu helfen. Ein tödlicher Fehler.

Abgeschnitten

Denn zwar erreichte die 17-jährige Sebus die kleine Gruppe, die dort mit ihrer Ziege zurückgeblieben war. Sebus hing an der jungen Familie, bemutterte die kleinen Kinder der van Beeks, die ihr ans Herz gewachsen waren und die sie dort keineswegs zitternd in der Kälte den Tod vor Augen stehen lassen konnte — ihre Namensvetterin Johanna, Nikolaus und Adolphus (fünf, drei und ein Jahr alt).

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Aber das Hochwasser schnitt ihnen den Weg ab. Die Gruppe trieb ab, fand samt Ziege Halt auf einer kleinen Sandwarft, die keine Sicherheit bot.

Die junge Frau van Beek ließ sich ins Wasser gleiten, das älteste Kind umklammerte noch im Tod die Ziege — beide wurden, als das Wasser abgelaufen war, so im Schlick gefunden. Johanna Sebus' Leichnam lag in einem Graben im Klever Ortsteil Rindern.

Denkmal und Ballade

Die Geschichte rührte die damalige französische Klever Verwaltung. Christine de Vernejoul, eine reiche Klever Bürgerin, trieb den Gouverneur an, der sich bei Napoleon für ein Denkmal einsetzte. Vernejoul selbst schrieb Goethe an. Der Geheime Rat skizzierte sofort auf der Rückseite dieses Schreibens die Ballade von "Schön Suschen" und zeichnete mit seinem typischen "G". Nicht nur Zelter vertonte dann Goethes Ballade.

Die Nachricht von der guten Tat nahm ihren Lauf: Die selbstlose Schöne, das mörderische Hochwasser, das ganze Landstriche zerstörte, Häuser, Kirchen und Burgen mit sich riss, war wie gemacht für eine Heldengeschichte: Bis ins späte 19. Jahrhundert berichteten die Zeitungen von ihrem Tod, das "Karlsruher Unterhaltungsblatt" von 1832 widmet sich ebenso in aller Ausführlichkeit dem armen Mädchen aus Kleve wie später die berühmte "Gartenlaube" 1872. Sie alle und vor allem wohl Goethes Ballade machten die so früh Umgekommene unsterblich.

(RP)
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