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Tempo-20-Regelung stößt bei Anwohnern in Wachtendonk auf Kritik.

Verkehr in Wachtendonk : Die Weinstraße will Schritt-Tempo

Bewohner des historischen Ortskerns von Wachtendonk bemängeln die Verkehrsregelung. Sie halten das geltende Höchsttempo von 20 für zu gefährlich und fordern die Rückkehr zur Schrittgeschwindigkeit.

Andreas Horst ist in Rage. „Die Parkraumbewirtschaftung ist der Gemeinde offensichtlich wichtiger als die Sicherheit der Kinder.“ Was ihn so aufregt, ist die für den historischen Ortskern von Wachtendonk geltende Verkehrsregelung. Und er steht mit seinem Zorn nicht alleine. Das gesamte Püttrecht Weinstraße/Endepoel, rund 25 Mitglieder zählend und eines der ältesten Püttrechte in der Niersgemeinde, sieht die schwächsten Verkehrsteilnehmer gefährdet.

Seit Anfang 2017 ist der historische Ortskern „verkehrsberuhigter Geschäftsbereich“. Es gilt Tempo 20, Kfz-Verkehr auf der Fahrbahn ist bevorrechtigt, alle Straßen haben Zwei-Richtungsverkehr, Durchgangsverkehr ist möglich. Eine Situation, die nach Meinung des Püttrechts gerade für Fußgänger Gefahren mit sich bringt.

Wegen der Engstellen zwischen Häuserwänden und Absperrpollern müssten zum Beispiel Rollator- und Rollstuhlbenutzer sowie Fußgänger mit Kinderwagen auf die Straße ausweichen. Und gerieten so mit Autofahrern zusammen, die sich oft genug nicht an die Vorschriften halten. „Die Weinstraße ist gerade. Da geben viele am Rathaus richtig Gas und bremsen erst viel später ab“, hat Marie-Theres Reiners, amtierende Püttmeisterin, beobachtet. „Wir müssen wieder zurück zum verkehrsberuhigten Bereich, wo die Autofahrer für Fußgänger bremsen müssen“, fordert Horst.

Nicht zum ersten Mal machen Ortskernbewohner ihrem Unmut Luft. Im Mai 2017 wurden mehr als 120 Unterschriften bei der Gemeindeverwaltung eingereicht mit dem Ziel, die von 1991 bis Dezember 2016 geltende Schrittgeschwindigkeit wieder herzustellen.

Das Püttrecht Weinstraße/Endepoel hatte im März 2018 in einem Schreiben an die Gemeindeverwaltung seine Kritik an den Zuständen zusammengefasst. „Die Gemeinde hat sich jedoch nicht gerührt“, so Bernhard Hinz, der einst für die SPD im Gemeinderat saß. Es habe weder eine Eingangsbestätigung noch eine Prüfung noch eine Weiterleitung an die Fraktionen gegeben.

Dass die Ortskernbewohner mit der Situation unzufrieden seien, hatte Anfang Juni in der Sitzung des Planungsausschusses auch Hans-Rainer Runge vom Verkehrsplanungsbüro Runge aus Düsseldorf bei der Beratung über das Verkehrskonzept festgestellt. Die Gehwege seien zu schmal für Kinderwagen, für Rollatoren und Rollstühle, würden zudem durch Masten und Poller blockiert. Außerdem fühlten sich Fußgänger unsicher in dem verkehrsberuhigten Geschäftsbereich, in dem Tempo 20 gilt und alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt sind.

Unter den vier Varianten, die der Experte vorstellte, war eine Fußgängerzone auf Feld-, Mühlen-, Wein- und Neustraße, frei für Radfahrer und Anwohner-Autos mit entsprechendem Ausweis. „Das Sicherheitsgefühl für die Fußgänger wäre dann wieder da“, so Runge. Allerdings würde der Parkraumdruck auf anderen Straßen, zum Beispiel Achter de Stadt, zunehmen. Variante zwei sah vor, den verkehrsberuhigten Geschäftsbereich zu lassen, allerdings mit Parken nur für Anwohner mit Ausweis. Das bringe allerdings weniger Verkehrsentlastung, auch bleibe das Unsicherheitsgefühl. Zwei Varianten mit Ein-Richtungs-Verkehr stellte Runge vor, bezeichnete sie jedoch als nicht empfehlenswert. Der vierte Vorschlag war die Rückkehr zum verkehrsberuhigten Bereich.

Der Gemeinderat behandelte das Thema im Juli kontrovers. Dabei wies Bürgermeister Hans-Josef Aengenendt darauf hin, dass in einem verkehrsberuhigten Bereich keine Parkraumbewirtschaftung mehr möglich sei. Dieser Punkt fällt für Gastwirt Christoph Büskens von der Weinstraße allerdings kaum ins Gewicht. „Die Kosten für die Kontrolle sind höher als die Einnahmen durch die Knöllchen, wenn man die Parkscheibe vergessen oder falsch eingestellt hat“, meint er. Mit knapper Mehrheit beschloss der Rat, es bei der jetzigen Regelung zu belassen. Es sind aber Maßnahmen zur Verbesserung der Situation auf den Gehwegen und zur Steigerung der Aufenthaltsqualität vorgesehen. Dazu gehören eine Reduzierung der Poller, eine bessere Barrierefreiheit und eine andere Anordnung der Straßenleuchten.

Das Püttrecht Weinstraße/Endepoel fühlt sich unterdessen rat- und machtlos. Eventuell will es mit einem Bürgerantrag noch mal versuchen, eine Änderung in seinem Sinne herbeizuführen.