Straelen: Die Geschichte der SPD erforscht Otto Weber

Hobbyforscher Otto Weber : Vielleicht ist Straelens SPD älter als gedacht

Früheste Belege für einen Ortsverein deuten bisher auf das Jahr 1929 hin. Otto Weber stieß auf einen Hinweis, dass die SPD früher aktiv war.

Otto Weber zeigt auf ein Sideboard in seinem Arbeitszimmer unterm Dach. „Ein ganzer Schrank voll SPD“, sagt der 70-Jährige und deutet damit an, wie viele Dokumente er mittlerweile zusammengetragen hat. Denn just dieser Partei widmet Weber einen großen Teil seiner Zeit als Hobbyforscher. Und stieß dabei auf Hinweise, dass die Sozialdemokratie in der Blumenstadt vielleicht älter ist als bisher bekannt.

Zwei Flugblätter zur Stadtratswahl im Jahr 1929 waren bisher die frühesten Belege für einen SPD-Ortsverein in Straelen. Von organisierter politischer Arbeit der Sozialdemokraten in der Blumenstadt war zuvor keine Rede, wie Weber berichtet, der seit 1982, seit seinem Eintritt in den Vorstand der Straelener SPD, zur Geschichte der Sozialdemokratie in Straelen recherchiert. Er traf damals auf eine dürftige Quellenlage. „Im Stadtarchiv lagerte zu dieser Zeit nichts über Parteien“, sagt Weber. Das Material habe wohl zu Hause bei den Vorsitzenden geschlummert. Weber guckte, was da war, und schaffte es ins Archiv. Auch im Archiv für Sozialdemokratie in Bonn war er häufig und wälzte dort Akten des alten Unterbezirks Geldern aus den Jahren 1945 bis 1975. „Gehversuche“ der Straelener SPD gab es in diesen drei Jahrzehnten mehrere, aber erst 1969 kam es zur Neugründung; elf Personen waren bei der Gründungsversammlung zugegen. Nicht zuletzt legte Weber für jedes seiner 18 Jahre als Straelener SPD-Chef jeweils einen Aktenordner an, in die nicht nur Dokumente der Straelener SPD, sondern aller hiesigen Parteien Eingang fanden.

Vor 1929 kamen Sozialdemokraten in und um Straelen höchstens als „Einzelkämpfer“ vor. Etwa, als sich zur Bismarck-Zeit SPDler aus Krefeld und Mönchengladbach versteckt in den Heronger Buschbergen trafen. Oder als Delegierte 1896 zum Rheinischen SPD-Parteitag fuhren. „Aber hinter denen stand kein SPD-Ortsverein“, betont Weber, der mittlerweile Straelener SPD-Ehrenvorsitzender ist.

Parteigliederungen Anfang des 20. Jahrhunderts, die diesen Namen verdienten, machte er in der Region bisher nur in Geldern aus, etwa anhand einer Vorstandsliste der dortigen SPD von 1904. Und nun das, ein, so Weber, „Zufallstreffer im Internet“. Denn natürlich nutzt er für seine Forschungsarbeit auch das weltweite Netz.

Unter dem Stichwort „SPD Straelen“ poppte ein Hinweis zu einem Buch mit dem Titel „Los von Berlin“ von Martin Schlemmer auf. Es beschäftigt sich mit den Bestrebungen nach einem von Preußen und dem Deutschen Reich unabhängigen, katholisch geprägten Rheinstaat nach dem Ersten Weltkrieg. Danach berichtete die „Rheinische Volkspflege“, eine dem preußischen Innenministerium unterstellte Kontrollorganisation, am 17. Februar 1921 über eine Wahlveranstaltung der SPD in Straelen, die vier Tage zuvor stattgefunden hatte. Den Zusammenhang mit Bestrebungen zur Abspaltung des Rheinlandes stellte der SPD-Redner her, als er in seinem Referat das Verhalten der „Sonderbündler“ scharf geißelte. Der Bericht über die SPD-Versammlung schildert auch das Auftreten des „Buchdruckereibesitzers Keucks“ aus Straelen, der sich als „strenger Zentrumsmann“ offen für die Loslösung der Rheinlande von Preußen aussprach.

Im Wahljahr 1921 sei in den Zeitungen von der SPD mit keiner Silbe die Rede gewesen, weiß Weber. „Aber offensichtlich hat sich die SPD 1921 in Straelen an die Öffentlichkeit gewandt.“ Wegen der Quellenangabe von Schlemmer konnte Weber mittlerweile dem Bundesarchiv in Berlin einige Fragen stellen. Wo fand die Versammlung 1921 in Straelen statt? Wer stellte die Räume? Wer meldete die Veranstaltung an? „Eine Information wirft drei neue Fragen auf“, so Weber, der auf eine Antwort aus Berlin noch wartet, aber natürlich längst auf der Suche nach anderen Quellen ist. Sollten sich für diesen ersten Hinweis noch weitere Bestätigungen finden lassen, könnten die Straelener Sozialdemokraten 2021 auf eine 100-jährige Geschichte zurückblicken.

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