Geldern: Stigma Hauptschüler

Geldern: Stigma Hauptschüler

Wer nicht auf Gymnasium oder Realschule geht, gilt vielen als hoffnungsloser Fall auf dem hart umkämpften Arbeitsmarkt. Die Schüler der Geschwister-Scholl-Schule ärgert das. Sie wollen mit den Vorurteilen aufräumen.

Es gibt eine Frage, die Daniel Triesch, 16, ein wenig fürchtet. Es ist die Frage, auf welche Schule er geht. Denn auf seine Antwort – Hauptschule – folgt meistens ein Satz, der nur vordergründig wie ein Kompliment klingt: "Aber du bist doch gar nicht blöd." Er stammt von Gymnasiasten und Realschülern, die ihn offenbar für einen der ihren halten, der tragischerweise auf der Schule der Verlierer gelandet ist. "Das ist der Ruf der Hauptschule. Viele denken, wer da hingeht, kann nichts. Aber das stimmt nicht", sagt Daniel, der die 10 B der Geschwister-Scholl-Schule besucht.

"Sind das alles Verlierer?"

Er hat tatsächlich so gar nichts von dem Hauptschüler, wie ihn sich Außenstehende gerne ausmalen: geistig etwas langsam, grob, faul. Er sieht nicht aus wie die Problemjugendlichen oder Arbeitslosen, die in Nachmittagsformaten von Privatsendern auftauchen und hinter deren Name fast immer "Hauptschüler" steht. Er ist ein 16-Jähriger kurz vor seinem Abschluss, der danach auf ein Berufskolleg geht, um Informationstechnikerassistent zu werden.

Allerdings profitiert er auch von einer Besonderheit der Geschwister-Scholl-Schule. "Die 10 B ist bei uns die Klasse, die einen Realschulabschluss macht", sagt Maria Wulf, Lehrerin für Deutsch und Kunst. Doch das stelle die 10 B in keiner Weise über die Parallelklasse 10 A, deren Schüler einen "regulären", eher handwerklich orientierten Hauptschulabschluss erwerben. "Es handelt sich lediglich um die unterschiedliche Verteilung von Talenten. Manche sind technisch begabter, andere in Sprachen." Die Stigmatisierung, mit der viele Hauptschüler leben müssen, hält die Lehrerin für "menschenverachtend". "Es kann nicht sein, dass eine ganze Gruppe junger Menschen als Verlierer abgestempelt wird. Wir haben in NRW über 200 000 Hauptschüler. Sind das alles Verlierer?"

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Allerdings sind es nicht immer nur vermeintlich schlecht informierte Anhänger anderer Schulformen, die die Hauptschule für ein Abstellgleis halten. "Mein Vater hat gesagt, wenn du auf die Hauptschule gehst, bist du verloren", erzählt Daniel.

Fachabitur angestrebt

Er und seine Mitschüler der 10 B beweisen, dass es nicht so ist. Michael Düllings, 15, macht eine Ausbildung zum Metallbauer, Rebecca Mix, 16, wird Hörgeräteakustikerin. Max Ingenhaag, 16, strebt ein Fachabitur in Wirtschaft und Verwaltung an. "Vielleicht gehe ich danach zu einer Bank", sagt er. Er hätte auch im Handwerksbetrieb seiner Tante anfangen können, aber er wollte lieber auf die höhere Handelsschule.

Vielleicht ist das auch besser so, denn die Tante hat klare Präferenzen, was ihre Azubis angeht. "Sie bevorzugt Leute aus der Klasse 10 A, die sind einfach geschickter", sagt Max.

(RP)