Handball: Straelener Meisterstück in fünf Akten

Handball : Straelener Meisterstück in fünf Akten

Handball-Landesliga der Männer: Hülser SV - SV Straelen 25:26 (13:18). Es ist vollbracht: Direkt nach dem Schlusspfiff starteten die Grün-Gelben mit ihren Anhängern in der Krefelder Sporthalle am Reepenweg die große Aufstiegsparty.

Als der letzte Wurf am Tor von Martin Pieper vorbeigerauscht war, gab es kein Halten mehr. Die Tribüne, die sich fest in Straelener Hand befand, explodierte geradezu, während sich auf dem Parkett jubelnde Spieler zu einem Berg aus Körpern stapelten. Geschafft. Der SVS ist Meister, spielt in der kommenden Saison in der Verbandsliga. Was folgte war der letzte Akt eines vorangegangenen Dramas, das für die Grün-Gelben ein Happy-End vorgesehen hatte.

"So eine Chance bekommt man in einem Sportlerleben relativ selten." Meistermacher Dieter Pietralla genoss den großen Moment in vollen Zügen. Foto: Heinz Spütz

Erster Akt: Der begann eigentlich schon am Vorabend. Da hatte der letzte verbliebene Konkurrent im Kampf um den Aufstieg, der HSV Rheydt, sein Spiel in Hückelhoven mit einem Tor gewonnen. Die Blumenstädter bekamen den Titel also nicht auf dem Silbertablett serviert. Ein Sieg musste für die vorzeitige Meisterfeier her. Entsprechend konzentriert verlief das Aufwärmen. Die Spannung war spürbar, während sich die Halle mehr und mehr füllte. Der Gastgeber schien überrascht vom Fansturm. Die wenigen vorbereiteten Eintrittskarten wurden halbiert und hektisch der Getränkevorrat aufgefüllt. Soviel vorweg: Er sollte nicht reichen.

Zweiter Akt: Los ging die Achterbahnfahrt der Emotionen mit einer schnellen 2:0-Führung für den Hülser SV. Trotz einiger Ausfälle stellte der eine hochkarätige Truppe auf die Platte, die mit geduldigem Spiel und harter Deckung versuchte, die Mannschaft von Dieter Pietralla einzubremsen. Also alles wie erwartet. Und es dauerte tatsächlich ein wenig, bis der SVS-Express Tempo aufnahm. Doch als die Grün-Gelben ihre anfängliche Nervosität abgelegt hatten, begann die wilde Fahrt. Abwehr und Torhüter fischten dem HSV in schöner Regelmäßigkeit Bälle weg. Und dann ging es mit Volldampf nach vorne. Logische Konsequenz: In der zehnten Minute erzielte Martin Jacobs die erste Straelener Führung (5:4). Was folgte, war eine Viertelstunde wie im Rausch. Der SVS spielte mit den in dieser Phase überforderten Hülsern Katz und Maus. Am Ende dieses Sturmlaufs hieß es 18:10 für die Blumenstädter. "Die Jungs haben fast alles richtig gemacht. Das war richtig stark", analysierte Dieter Pietralla. Die drei Hülser Tore bis zum Pausenpfiff schienen nicht mehr als Ergebniskosmetik zu sein - so kann man sich täuschen.

Dritter Akt: Ob sich die Blumenstädter aufgrund der beeindruckenden Leistung und des großen Vorsprungs zu sicher waren? "Ich hatte eigentlich nicht das Gefühl. In der Kabine waren alle hochkonzentriert", erzählt Straelens. Und als Mike Beyer 25 Sekunden nach Wiederanpfiff den Ball zum 19:13 in den Winkel jagte, deutete nichts, aber auch gar nichts auf den Krimi hin, der folgen sollte. Von jetzt auf gleich war es nämlich vorbei mit der Straelener Herrlichkeit. Plötzlich biss man sich an der gegnerischen Deckung und dem immer stärker werdenden Hülser Keeper die Zähne aus. Die Straelener Unsicherheit wuchs zusehends. In der 43. Minute traf der HSV zum 20:19. "Irgendwann war die Versagensangst drin in den Köpfen der Jungs. Umso beeindruckender ist, wie sie sich aus diesem Loch wieder herausgearbeitet haben", so Pietralla.

Vierter Akt: Mike Beyer war es, der den Ball zum 20:20 über die Linie schummelte und den sich anbahnenden Horrorfilm zu einem Krimi der nervenaufreibenden Art werden ließ. Jens Groetelaers mit seinem neunten von am Ende zehn Treffern legte nach. Im Gleichschritt ging es so bis in die Schlussminute. 25:25. Der SVS in Ballbesitz. Und dann das: Bei angezeigtem Zeitspiel geht Jens Groetelaers in Abwehr und spielt gegen zwei herausstürzende Hülser einen überragenden Pass zum völlig frei stehenden Kreisläufer Alexander Burghans-Kähler. Der jagte den Ball humorlos in die Maschen. "Ich habe in dem Moment gar nichts gedacht, glaubte jedoch, dass noch zwei Minuten zu spielen sind", gestand dieser nach der Partie. Es standen jedoch nur noch 20 Sekunden auf der Uhr. Hüls rannte noch einmal an. Danny Mangelmann warf sich in den letzten, den entscheidend Zweikampf. Freiwurf. Der Rest ist Geschichte.

Fünfter Akt: "Ich kann das immer noch nicht glauben", bringt Mike Beyer die Gefühlslage der Meistermannschaft auf den Punkt. Keiner hätte vor Saisonbeginn auf die Blumenstädter gewettet. Nicht einmal sie selbst. Dieter Pietralla, frisch geduscht nach ausgiebiger Bierdusche und von seinem Schnurrbart befreit: "Nach Ostern haben wir das Wort ,Aufstieg' erstmals in den Mund genommen. So eine Chance bekommt man in einem Sportlerleben relativ selten. Wir haben sie ergriffen." Was folgte, war eine lange Nacht. Und ein langer Tag mit Ausklang beim letzten Saisonspiel der Straelener Handballerinnen gegen die SG Überruhr. Die Frauen im grün-gelben Dress konnten den Klassenerhalt feiern. Besser geht's nun wirklich nicht.

SV Straelen: M. Pieper, Löbbers - Groetelaers (10), Jacobs (6), Beyer (4), Burghans-Kähler (3), Meyer (1), Sonnen (1), Rath (1), S. Pieper, Mangelmann, Verbeek, Schaap, Zetzen.

(terh)