SSG Kevelaer und die Mission Titelverteidigung

Sportschießen : Titelverteidiger SSG Kevelaer liegt voll im Soll

Luftgewehr-Bundesliga Nord: Am Wochenende kann sich der Deutsche Meister und Tabellenführer erneut für das Finale qualifizieren.

In der Luftgewehr-Bundesliga wird nicht scharf, sondern auf Weltklasse-Niveau geschossen. Folgendes Szenario muss man sich einmal vorstellen. Da feiert Anna Janßen am vergangenen Spieltag einen Sieg im Duell mit George Moldoveanu, seines Zeichens Olympiasieger von 2012 in London. Der letzte Schuss im Stechen sitzt – das Ausnahmetalent der Schieß-Sport-Gemeinschaft (SSG) Kevelaer bringt ihre Mannschaft gegen den Mitfavoriten SB Freiheit aus Osterode in Führung. Und dennoch hat sich die Schülerin aus der Ortschaft Berendonk in diesem Moment ihren Schnitt kaputtgemacht. Weil sie vor dem Stechen „nur“ 395 von 400 möglichen Ringen erzielt hatte, liegt Janßens Durchschnitt der Bundesliga-Wettkämpfe aktuell bei 397,27 – internationales Top-Niveau. Die beiden ausländischen Schützen in Reihen des amtierenden Deutschen Meisters aus der Marienstadt sind noch etwas besser. Der Italiener Marco Suppini kann glatte 398 Ringe vorweisen, der Israeli Sergey Richter liegt bei 397,33.

Da nur ein Ausländer eingesetzt werden darf, hat der Kevelaerer Teamchef Simon Janßen vor den Wettkämpfen acht und neun, die am Wochenende im hessischen Niederaula ausgetragen werden, die Qual der Wahl. „Beide sind fit. Wir werden kurzfristig entscheiden, wer für uns an Position eins schießen wird“, erklärt Janßen, dessen jüngere Schwester diesmal nur die Kevelaerer Nummer zwei ist.

Wie auch immer – die Kevelaerer „Tiger“ haben die „Mission Titelverteidigung“ bislang ausgesprochen erfolgreich in Angriff genommen. Die Mannschaft, in der ansonsten an den Positionen drei bis fünf in der Regel Jana Erstfeld, Alexander Thomas und Franka Janßen zum Einsatz kommen, hat sechs der ersten sieben Wettkämpfe gewonnen und führt mit 12:2-Punkten die Tabelle an. Mit einem Doppelsieg kann die SSG Kevelaer am Wochenende vorzeitig die Fahrkarte zur erneuten Teilnahme am Finalturnier um die Deutsche Meisterschaft lösen. Wie immer treffen dort die jeweils besten vier Mannschaften der Luftgewehr-Bundesligen Nord und Süd aufeinander.

Noch ist Sportchef Simon Janßen, der im Hintergrund unermüdlich im Einsatz ist und großen Anteil an den Erfolgen der Meisterschützen aus Kevelaer hat, mit seiner Prognose vorsichtig. „Noch sind wir lange nicht durch. Wir haben schließlich nur zwei Punkte Vorsprung auf den Tabellenfünften BSV Buer-Bülse. Und unser Restprogramm hat’s in sich“, sagt Janßen. Recht hat der junge Mann. In Niederaula bekommt es die SSG Kevelaer mit zwei Kontrahenten zu tun, die ebenfalls unbedingt im Bundesliga-Finale dabei sein möchten. Am Samstag geht’s zunächst gegen den Überraschungs-Aufsteiger SV Petersberg. Die Pfälzer haben sich im Sommer mit einer indischen Top-Schützin, die schon mehrfach bei internationalen Wettbewerben auf sich aufmerksam gemacht hat, für das Abenteuer Bundesliga gerüstet. Die 25-jährige Vinita Bhardwaj gewann beispielsweise 2016 die Universitäts-Weltmeisterschaft.

Einen Tag später, am Sonntag, 8. Dezember; wartet ein Dauerrivale auf den Deutschen Meister. St. Hubertus Paderborn-Elsen hat unter anderen den jungen Ungarn Istvan Peni in seinen Reihen, den sein alter Verein aus Gelsenkirchen-Buer im Sommer nur höchst ungern ziehen ließ. Falls er ausfällt, steht die Britin Seonaid McIntosh bereit, die in jedem Wettkampf für ein Spitzenresultat zwischen 398 und 400 Ringen gut ist.

Sollte die SSG Kevelaer die beiden Verfolger schlagen, hat die Mannschaft die Finalteilnahme bereits in der Tasche. Wenn nicht, soll die Qualifikation zu Beginn des neuen Jahres im heimischen „Wohnzimmer“ nachgeholt werden. Am Wochenende, 11. und 12. Januar, tritt die Mannschaft als Gastgeber in der Zweifach-Sporthalle in der Hüls gegen die Braunschweiger SG und den BSV Buer-Bülse an. Wie schon in den Vorjahren wird der Verein die Gelegenheit nutzen, Werbung für die Kevelaerer „Tiger“ im Allgemeinen und den Schießsport im Besonderen zu machen. Erneut wird das Spektakel auf professionelle Weise von „sportdeutschland.tv“ live übertragen, erneut möchten sich die Spitzensportler aus Kevelaer von den heimischen Anhängern feiern lassen. Am Niederrhein weiß der Deutsche Meister längst eine große Fan-Gemeinde hinter sich. „Vor der Haustür und in der Region ist die Anerkennung für unsere sportlichen Leistungen groß. Es hat uns beispielsweise sehr gefreut, dass die Stadt Kevelaer uns bei der Verleihung des Marketing-Preises berücksichtigt hat“, sagt Janßen.

„Mister 400“: Noch steht nicht endgültig fest, ob der Israeli Sergey Richter am Wochenende die Kevelaerer „Tiger“ unterstützen kann. Foto: Ja/Niedersächsischer Sportschützenverband

Gut möglich, dass die Anhängerschar in Kürze wieder Grund zum Feiern hat. Der junge Sportchef nennt das Erfolgsgeheimnis: „Wir sind einfach auf allen Positionen ausgeglichen gut besetzt.“ So verdammt gut, dass manchmal selbst ein Sieg gegen einen Olympiasieger nicht reicht, um in der Bilanz ganz vorne zu bleiben.