Kampfsport : Der Mann, der Kevelaer aufs Kreuz legt

Ralf Gnoß hat schon bei Deutschen Meisterschaften auf dem Treppchen gestanden und bringt WM-Erfahrung mit. Seit fünf Jahren leitet der 51-jährige Schwarzgurt-Träger das Training der Judo-Abteilung des Kevelaerer SV.

Der Aufschwung der Judo-Abteilung des Kevelaerer SV hat einen Namen. Vor fünf Jahren hat der gebürtige Oberhausener Ralf Gnoß, der längst in der Marienstadt heimisch geworden ist, das Training der Kampfsportler übernommen. Seitdem hat sich die Mitgliederzahl bei den Jugendlichen verdreifacht. Der prominenteste Schüler des 51-Jährigen ist allerdings schon etwas gesetzteren Alters. „Bürgermeister Dominik Pichler zählt auch zu meinen Schülern“, sprudelt es aus ihm heraus. „Den habe ich schon für Wettkämpfe fit gemacht. Und er ist prompt mit der ersten Medaille zurückgekehrt.“

Gnoß musste sich als Kind entscheiden: Fußball oder Judo? Das war vor 41 Jahren. Schnell entdeckte er sein größeres Talent für den japanischen Kampfsport. Früh stellten sich erste Erfolge ein. Von 1990 bis 1995 kämpfte er erfolgreich in der Ersten Bundesliga für den Judoclub Grieth, damals noch in der Gewichtsklasse bis 65 Kilogramm.

Die Judomatte kann man getrost als sein zweites Wohnzimmer bezeichnen. Jeden Freitag hält er sich als Trainer fast fünf Stunden in der kleinen Turnhalle an der Kroatenstraße auf und legt Kevelaer aufs Kreuz. Erst sind die Kinder im Alter von sieben bis zwölf Jahren an der Reihe, anschließend die Jugendlichen und zum Schluss die Erwachsenen.

Dabei steht Ralf Gnoß keineswegs nur neben der Matte und gibt Anweisungen. Der Judoka aus Leidenschaft zieht das volle Programm durch und zeigt seinen Schülern, wie’s gemacht wird. Immer und immer wieder – bis seine Schützlinge die Techniken verinnerlicht haben. Ein ähnliches Programm absolviert er montags und mittwochs für den Judoverein Xanten, in dem er ganz nebenbei auch noch als Vorsitzender die Verantwortung trägt. Für den MSV Duisburg steht er außerdem als aktiver Kämpfer in der Landesliga auf der Matte. „Ja, man kann mich schon als judoverrückt bezeichnen“, sagt Gnoß, der als Service-Coach in zwei Kevelaerer Tankstellen arbeitet. „Aber besonders die Arbeit mit den Jugendlichen macht mir viel Freude.“ Die Kevelaerer Kampfsportler sind von ihrem Trainer jedenfalls hellauf begeistert. „Ralf ist eine absolute Bereicherung für unseren Verein“, sagt Hendrick Braunschweig. „Wir alle profitieren von seiner enormen Erfahrung und seinem Können.“

Bis heute nimmt der Schwarzgurtträger an nationalen und internationalen Wettkämpfen teil – aktuell in der Klasse „Ü 50 bis 90 Kilogramm“. Im vergangenen Jahr gewann der Kevelaerer die Deutsche Vizemeisterschaft, nachdem er sich 2016 bereits die Bronzemedaille gesichert hatte. Bei den jüngsten nationalen Titelkämpfen sprang „nur“ Platz fünf heraus – für einen Mann seiner Klasse fast schon etwas wenig. Mehrfach hat sich Ralf Gnoß auch schon mit Kämpfern aus aller Welt gemessen. Bei der WM 2016 in Amsterdam landete er auf einem guten neunten Platz. Und er ist allemal noch jung genug, um ehrgeizige Ziele verfolgen zu können. „Deutscher Meister möchte ich auf jeden Fall noch werden. Und bei einer WM würde ich auch noch mal gerne an den Start gehen. Dafür bräuchte ich allerdings einen Sponsor, da die Kosten sehr hoch sind“, erklärt der Kevelaerer.

Doch zunächst einmal ruft der Judo-Alltag. Und auch dieser bereitet Gnoß ausgesprochen viel Freude, zumal er mit KSV-Abteilungsleiter Jonas Henning schon seit Jahren an einem Strang zieht. „Jonas leistet ausgezeichnete Arbeit und hält mir den Rücken frei. So kann ich mich voll und ganz dem Training widmen.“ Und so sieht das „Dankeschön“ aus: Das gerade einmal 1,65 Meter große Kraftpaket packt sich seinen körperlich deutlich überlegenen Freund und Mitstreiter auf den Rücken, um ihn innerhalb von Sekundenbruchteilen auf die Matte zu wuchten.

„Ralf findet bei seiner Arbeit in unserem Verein immer die richtige Balance zwischen fordern und fördern“, lobt Henning. „Der Spaß kommt bei ihm ebenfalls nie zu kurz.“ Und deshalb lassen sich viele Kevelaerer gerne aufs Kreuz legen – Bürgermeister Dominik Pichler kann das aus eigener Erfahrung nur bestätigen.

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