Henk Grewe: Ein Flüsterer für Pferd und Jockey

Kalkar-Appeldorn: Ein Flüsterer für Pferd und Jockey

Henk Grewe aus Kalkar-Appeldorn ist einer der erfolgreichsten Galopprenntrainer der Welt. Seinen Stall betreibt er in Köln. In seinem Sport geht es um sehr viel Geld. Die Kehrseite des Erfolgs: unbelegte Doping-Vorwürfe der Konkurrenz.

Wer Henk Grewe begegnet, der wird konfrontiert mit einem Dauergrinsen. Verwunderlich ist das nicht: Der 36-Jährige schwimmt auf einer beispiellosen Erfolgswelle. Erst in dieser Woche erhielt er den begehrten Publikumspreis eines Galopp-Mediums zum „Trainer des Jahres“. 2018 wurde er bereits zum erfolgreichsten Galopptrainer Deutschlands in der Kategorie „In- und Ausland“ ausgezeichnet. Seine Trainingsanlage befindet sich auf der Galopprennbahn in Köln-Weidenpesch. Der Park ist 55 Hek­tar groß, die Tribüne steht unter Denkmalschutz, pro Jahr kommen knapp 140.000 Zuschauer. Millionen werden hier in Wetten umgesetzt. „Es ist noch immer ein Sport der Schönen und Reichen“, sagt Grewe. Er betreibt den zweitgrößten Trainingsbetrieb Deutschlands, mit 20 Angestellten und 93 Pferden.

Bei Galopprennen legen Pferde und deren Reiter, die sogenannten „Jockeys“, in möglichst kurzer Zeit eine bestimmte Strecke zurück. Wo auch immer im Land ein Rennen stattfindet, ist Grewe vor Ort. Er begleitet als Trainer seine Reiter, sichtet nach neuen Pferden, schmiedet Trainingspläne. „Das ist ein Vollzeit-Beruf“, sagt er. Ein Beruf, den er besser als die meisten seiner Kollegen beherrscht. Aufgewachsen ist Grewe in Kalkar-Appeldorn, später in Rheinberg, mittlerweile wohnt und arbeitet er in der Domstadt. Laufen im Reitsport lernte er früh, seine Eltern besaßen ein Rennpferd. Anfangs ritt er in Issum unter Hans-Walter Hiller, er träumte von einer Karriere als Jockey, ein Lehrberuf, zu dem er sich drei Jahre lang ausbilden ließ.

Trotz des deutschen Amateurtitels reichte es für die großen Rennen nicht. „Ich hatte mit Gewichtsproblemen zu kämpfen“, sagt Grewe. Er sei zu schwer gewesen. In der Galopp-Szene bedeutet das: Er wog 56 Kilo und damit zwei zu viel. „Jockeys müssen klein und dünn sein. Das Idealgewicht ist 54 Kilo“, sagt er. So werde die Branche dominiert von Italienern und Franzosen. Grewe sattelte daher um und legte die Meisterprüfung zum Trainer ab. „Was danach folgte, war wie ein Traum. So schnelle Erfolg hätte ich mir kaum vorstellen können“, sagt der Niederrheiner. Er startete 2014 mit zwölf Pferden, jedes Jahr wurden es mehr, heute ist er ein Star der Szene. „Ich habe im vergangenen Jahr 94 Rennen gewonnen, damit siegt durchschnittlich jedes vierte Pferd, das ich zuvor trainiert habe“, sagt er.

Sein Geschäftsmodell ist leicht erklärt: „Die Tiere gehören nicht mir. Die Besitzer stellen sie bei mir in den Stall und zahlen dafür, dass ich sie ausbilde“, sagt Grewe. Steht ein Rennen bevor, analysiert er individuell, welches Pferd und welcher Jockey für dieses geeignet sind. Selbst hat er in seinem Betrieb einen Jockey angestellt, mit vielen weiteren arbeitet er zusammen. Knapp 2000 Euro im Monat kostet es, das Pferd in die Hände von Grewe und seinem Team zu geben. Doch das lohnt sich für die Eigentümer. Sie kaufen Pferde preiswert ein, diese gewinnen Rennen unter der Regie von Grewe, und schon können sie mit Gewinn weiterverkauft werden. So ist die Fluktuation im Stall hoch.

Das große Geld winkt für Grewe erst bei den Renntagen. Fast täglich nimmt er an solchen teil, meist in Frankreich, regelmäßig aber auch in Düsseldorf, Dortmund oder Dresden. Gewinnt ein Pferd, erhält der Besitzer in der Regel mehrere hunderttausend Euro. Knapp zehn Prozent davon behält Grewe ein. „In unserem Sport wird nach wie vor viel Geld umgesetzt“, sagt er. In seinem Stall stehen Tiere von astronomischem Wert. Er streichelt „Donjah“ beim Gang durch den Stall besonders liebevoll. Die Stute, mit glattem braunen Fell, schwarzem Schwanz und majestätischem Blick, liegt ihm am Herzen. Kein Wunder: Das Pferd ist knapp zwei Millionen Euro wert. „Gut versichert natürlich“, sagt Grewe. Sie ist in guter Gesellschaft: Neben ihr hält „Zuckerberg“ seinen Kopf in meterhohe Strohballen.

Grewes liebstes Tier aber sei „Rashiba“, sechs Jahre alt, „nur“ 10.000 Euro schwer und „nicht besonders schnell“. Daher nehme sie nur selten an Wettkämpfen teil, die Bindung zu ihr aber sei eng. „Das dürfte auch Teil meines Erfolgsrezepts sein. Ich liebe meine Pferde, dazu kommt Fleiß und fähige Mitarbeiter“, sagt der verheiratete Kalkarer.

Doch nicht alle gönnen ihm den Aufstieg. Immer wieder sehe er sich und seine Branche mit Doping-Vorwürfen konfrontiert. Im Galopprennsport ist es üblich, dass Sieger-Tiere und Jockeys sich einer Kontrolle unterziehen müssen. „Manchmal kommen die Kontrolleure auch unerwartet und nehmen uns nach dem Training unter die Lupe. Aber es gab noch nie etwas bei mir zu beanstanden. Häufig haben die Vorwürfe mit Neid zu tun“, sagt Grewe.

Er gehe seinen Weg weiter und will sich seinen größten Traum erfüllen: der Derbysieg in Hamburg. Es ist das höchstdotierte Rennen des Landes, dreijährige Vollblutpferde duellieren sich dort jährlich am ersten Juli-Wochenende. Mit „Donjah“ und „Django Freeman“ wird er in diesem Jahr an den Start gehen. „Gemeinsam wollen wir dort Geschichte schreiben“, sagt Grewe. Es würde ein lukrativer Erfolg sein: Eine halbe Million Euro winken dem Sieger. Das weiß Grewe genau, auch weiß er um seine guten Aussichten.

Und grinst erneut über das ganze Gesicht.

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