Fußball-Regionalliga Die lange Odyssee eines jungen Abwehrspielers

Straelen · Hassine Refai kam als Teenager nach Deutschland. Nach einigen Umwegen blüht beim SV Straelen der Traum vom Profifußball wieder auf.

 Ein Mann geht seinen Weg: Hassine Refai ist drauf und dran, sich beim SV Straelen einen Stammplatz zu erarbeiten.

Ein Mann geht seinen Weg: Hassine Refai ist drauf und dran, sich beim SV Straelen einen Stammplatz zu erarbeiten.

Foto: Heinz Spütz

Bereits in jungen Jahren kann Hassine Refai auf eine außergewöhnliche Lebensgeschichte zurückblicken. Geboren wurde er vor 23 Jahren in der Hafenstadt La Marsa, unweit der tunesischen Hauptstadt Tunis. Er war elf Jahre jung, als seine Mannschaft zu einem Turnier nach Bad Honnef eingeladen wurde, an dem zahlreiche Jugendmannschaften von Bundesligisten teilnahmen. Sein besonderes Talent fiel Frank Gerstner, Ex-Profi und Spielerberater, auf. Die beiden blieben in Kontakt. Vier Jahre später reiste Gerstner nach Tunesien, um sich mit den Eltern über einen Wechsel nach Deutschland zu unterhalten – diese stimmten zu. Das war 2014. „Für mich ging ein Traum in Erfüllung. Deutschland hatte gerade die WM gewonnen. Und ich durfte im Land des Weltmeisters Fußball spielen“, erinnert er sich.

Er spielte bei den Nachwuchskickern von Eintracht Frankfurt und besuchte gleichzeitig eine Sprachschule. Nach einem halben Jahr wechselte er den Berater und den Verein. Ab sofort spielte er für Fortuna Düsseldorf in der Junioren-Bundesliga und besuchte, weil seine Deutschkenntnisse bereits ausreichten, das Lessing-Gymnasium in der Landeshauptstadt. „Mein neuer Berater hat sich ganz einfach besser um die Abwicklungen bei der Ausländerbehörde gekümmert.“

Sein letztes Juniorenjahr bestritt er für Fortuna Köln und gewann so ganz nebenbei mit der tunesischen Jugendnationalmannschaft den Afrika-Cup. Täglich pendelte er zwischen Düsseldorf und Köln und besuchte weiter das Gymnasium. „Köln war gut, ich konnte in der A-Junioren-Bundesliga spielen und bei Uwe Koschinat das ganze Jahr mit den Profis trainieren, die in der Dritten Liga spielten.“ Einer erfolgreichen Karriere im bezahlten Fußball stand nichts mehr im Wege – eigentlich. Zum Ende der Saison kam ein neuer Trainer; für die Position von Refai wurde ein gestandener Spieler geholt. Der junge Tunesier war auf einmal weg vom Fenster. „Jede Mannschaft will erfahrene Spieler haben, aber kein Verein gibt den jungen Spielern die Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln“, fasst er zusammen.

Er schloss sich dem Essener Oberligisten Spvg. Schonnebeck an, kickte eine Saison lang in der Oberliga und machte in dieser Zeit sein Abi­tur. Wenig später flatterte ein Angebot des Drittliga-Absteigers Rot-Weiß Erfurt ins Haus. Es folgten geradezu haarsträubende Konflikte mit der Ausländerbehörde, die dem jungen Mann beinahe den Spaß am Fußball genommen hätten. „Die Behörde in Thüringen hat sich wahnsinnig viel Zeit gelassen, meine Aufenthaltsgenehmigung zu verlängern. Deshalb war ich nicht spielberechtigt.“ Ein halbes Jahr zog ins Land, danach übernahm ein Insolvenzverwalter die Geschicke des Vereins. Für die Saison 2020/21 unterzeichnete er einen Vertrag beim Wuppertaler SV. Es folgte das gleiche Spielchen wie in Thüringen. Wieder war er nicht rechtzeitig spielberechtigt. Und als er endlich ins Geschehen eingreifen durfte und zwei Spiele absolvierte hatte, schlug Corona zu und beendete die Saison.

In der Folge geriet der WSV in eine finanzielle Schieflage, so dass er praktisch gezwungen war, den Vertrag gegen seinen Willen aufzulösen. „Anderenfalls hätte der Verein wegen des Insolvenzverfahrens den Vertrag gekündigt. Und ich hätte auf eine Entschädigung verzichten müssen.“

Die Transferfenster waren mittlerweile geschlossen, Corona ließ nicht in allen Ligen einen Spielbetrieb zu. Hassine Refai trug einen täglichen Kampf mit sich aus, um am Ziel Profifußball festzuhalten. Er begann ein Studium, stellte schnell fest, dass er es sich finanziell nicht leisten konnte und schlug sich als Barkeeper und als Trainer in einer Fußballschule durch. In der vergangenen Saison schloss er sich dem Oberligisten ETB SW Essen an. Rudi Zedi, damals noch Sportlicher Leiter des SV Straelen, wurde auf Refai aufmerksam und lotste ihn an die Römerstraße.

Beim Regionalliga-Schlusslicht nimmt die Laufbahn des 23-Jährigen endlich wieder Fahrt auf. In den Spielen beim Wuppertaler SV und bei Rot Weiss Ahlen stand Refai jeweils in der Startelf und bildete mit Kapitän Ole Päffgen die Innenverteidigung. „Hassine hat viele Zweikämpfe gewonnen, seine Kopfballstärke ausgespielt und keine nennenswerten Fehler gemacht“, lobte ihn Sportlicher Leiter Kevin Wolze nach der unglücklichen 1:2-Niederlage im Stadion am Zoo. Vor der Partie am Freitagabend im Lohrheide-Stadion gibt sich Has­sine Refai kämpferisch: „In Wattenscheid müssen wir gewinnen, eine andere Option gibt es nicht.“

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