Hartmut Heidemann äußert sich zum WM-Debakel.

Fußball : ,Ich hatte Probleme mit dem Einschlafen’

In Pont lebt ein früherer Fußball-Nationalspieler. „Hatta“ Heidemann litt am Mittwoch mit seinen Nachfolgern.

Seit mehr als 40 Jahren ist ein ehemaliger Fußball-Nationalspieler in Pont zu Hause. Hartmut Heidemann trug in den 60er Jahren dreimal das Trikot mit dem Bundesadler und verpasste 1970 nur knapp die Teilnahme an der Weltmeisterschaft in Mexiko. Der frühere Verteidiger des MSV Duisburg, der zu den Männern der ersten Stunde der Bundesliga gehört, hat am 5. Juni seinen 77. Geburtstag gefeiert. Selbstverständlich verfolgt „Hatta“ die Weltmeisterschaft in Russland intensiv und lässt sich kein Spiel entgehen. Am Mittwoch litt er mit der deutschen Mannschaft, die sich als Gruppenletzter aus dem Turnier verabschiedet hat.

Wie haben Sie die 0:2-Niederlage gegen Südkorea erlebt ?

HARTMUT HEIDEMANN Das war ganz schlimm. Es ist zwar schon lange her, dass ich in der Nationalmannschaft spielen durfte. Doch seitdem fiebere ich bei den Deutschland-Spielen ganz besonders mit. Ich hatte abends erhebliche Probleme, einschlafen zu können, weil mir einige Spielszenen immer wieder durch den Kopf gegangen sind. Das können Sie mir glauben.

Hartmut Heidemann steht als „lebende Legende“ bei vielen Autogrammjägern immer noch hoch im Kurs. Während der WM in Russland verfolgt der 77-Jährige jedes Spiel intensiv am Fernseher. Foto: Gerhard Seybert/sey

Woran hat’s Ihrer Meinung nach gelegen, dass sich erstmals bei einer WM eine deutsche Mannschaft bereits in der Vorrunde verabschiedet ?

HEIDEMANN Es ist im Prinzip ganz einfach. Wenn eine Mannschaft erfolgreich sein möchte, muss sie auf dem Spielfeld harmonieren. Und diese Harmonie hat in allen Spielen gefehlt. Selbst unter Spielern, die sich seit vielen Jahren kennen und schon lange zusammenspielen. Die ersten Vorboten dieses Problems waren die Testspiele gegen Österreich und Saudi-Arabien.

Gehörten Sie vor der Weltmeisterschaft zur Experten-Fraktion, die Deutschland die Titelverteidigung zugetraut haben ? Oder waren Sie eher skeptisch ?

HEIDEMANN Ich bin nicht unbedingt davon ausgegangen, dass wir den fünften Titel holen. Aber selbstverständlich war ich schon davon überzeugt, dass wir stark genug sind, um die Gruppenphase zu überstehen. Und dann hätte man ab dem Achtelfinale sehen können, ob Deutschland erneut seinem Ruf als Turniermannschaft gerecht werden kann.

Welchen Anteil hat Bundestrainer Joachim Löw am WM-Debakel ?

HEIDEMANN Das kann ich aus der Ferne zwar nicht beurteilen. Aber er hat einen riesengroßen Fehler gemacht, den sich ein solch erfahrener Trainer einfach nicht leisten darf. Wenn ich vor einem entscheidenden Spiel stehe, in dem es ums Weiterkommen geht, darf ich eine Mannschaft nicht gleich auf fünf Positionen ändern. Das kann nicht funktionieren.

Muss Löw jetzt gehen ?

HEIDEMANN ich befürchte, dass nach diesem Fiasko der Druck der Öffentlichkeit so groß wird, dass er aus freien Stücken die Brocken hinwirft.

Sie waren nach ihrer aktiven Laufbahn selbst als Trainer tätig. Haben Sie einen Wunschkandidaten für das Amt des Bundestrainers ?

HEIDEMANN Auch da gilt: Ich bin zu weit weg vom Geschehen, um mich dazu ernsthaft äußern zu können. Nach diesem Turnier steht allerdings fest, dass ein Neuaufbau in die Wege geleitet werden muss.

Wie schnell wird sich Deutschland von diesem historischen WM-Aus erholen ?

HEIDEMANN Wir bleiben mit Sicherheit eine Fußball-Nation. Allerdings gibt’s im Sport keine sicheren Prognosen. Auf dem Platz ist alles möglich. Und deshalb gibt’s natürlich keine Garantie dafür, dass wir beispielsweise bei der Europameisterschaft in zwei Jahren schon wieder ganz vorne dabei sind.

Abgesehen vom frühen Aus der deutschen Mannschaft. Welchen Gesamteindruck haben Sie von der WM in Russland ?

HEIDEMANN Ich habe schon einige sehr gute Spiele gesehen. Aber für mich beginnt die Weltmeisterschaft so richtig erst am Samstag mit den Achtelfinalspielen. In den K.o.-Spielen gibt’s kein Taktieren mehr.

Wie lautet Ihr Weltmeister-Tipp ?

HEIDEMANN Bislang haben mir zwei Mannschaften besonders gut gefallen. Brasilien hat einen sehr starken Eindruck auf mich gemacht. Und in diesem Jahr darf man auf gar keinen Fall die Engländer unterschätzen.

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