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Fußballer im Porträt: Ein halbes Jahrhundert Vereinstreue

Fußballer im Porträt : Ein halbes Jahrhundert Vereinstreue

Dieter „Schlappen“ Sebastian blickt auf 60 Jahre als Fussballer zurück. Er ist zentrales Gesicht beim RSV/GSV Geldern.

„Wann willst du endlich mal das Tor treffen, du schlappen Hund“, brüllte Trainer Lindner über den Aschenplatz am Brühl. Es muss Anfang der 70er Jahre gewesen. Seine Mitspieler lachten sich schlapp. Ein neuer Spitzname war geboren und hat seine Aktualität bis heute nicht verloren. „Schlappen“ – die Rede ist von Dieter Sebastian.

Der 1949 in Nieukerk geborene und aufgewachsene Linksfuß meldete sich im zarten Alter von fünf Jahren bei der Spielvereinigung 1910 Nieukerk an. Fußballschuhe oder Trikots gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht für die Jungs. Der Krieg war noch keine zehn Jahre her und Deutschland im Aufbau. Gespielt wurde in Straßenkleidung. Die Löcher in den Straßenschuhen wurden mit Kork geflickt.

Dass der kleine Dieter mit dem Ball mehr anfangen konnte, als seine Mitspieler, blieb nicht lange unerkannt. Er wurde in die Kreis- und Niederrheinauswahl berufen. Zu seinen Höhepunkten als B-Jugendlicher zählte zweifellos ein Spiel mit der Sportschule Wedau im Berliner Olympiastation gegen eine Berliner Stadtauswahl.

Mittlerweile hatte Schlappen eine Lehre als Elektriker in Geldern begonnen. Noch keine 14 Jahre alt fuhr er Tag für Tag, bei Wind und Wetter, mit dem Fahrrad von Nieukerk zur Arbeit. Während dieser Zeit zog er mit seiner Familie nach Geldern. Fußball spielte er weiter in Nieukerk. Die Lehrzeit war beendet, der Gesellenbrief in der Tasche. „Mike“ Schoofs, ein Moped-Freund seines älteren Bruders,konnte ihn dazu überreden, in der Hein-Janssen-Kampfbahn für den RSV gegen den Ball zu treten. Das war im Jahre 1969 ­– vor genau 50 Jahren. Er fing in der Dritten an und wurde schnell Stammspieler in der Zweiten, die in der damaligen 1. Kreisklasse spielte. In den folgenden Jahren bildete sich unter Trainer Artur Heinen ein Traumsturm am Brühl: Dieter „Cindy“ Busch, Manni Uhrner und Schlappen. 100 Treffer in einer Saison waren keine Seltenheit. Der kleine Manni war stets mit dem Kopf da, Schlappen versenkte eiskalt alle Elfmeter und Cindy Busch war mit der Schusskraft eines Pferdes ausgestattet. „Da hat sich jeder Torwart die Hände dran verbrannt, wenn der abgezogen hat“, so Schlappen.  Es stand der unmittelbare Aufstieg in die Bezirksklasse bevor. Da kam die Stallregie vom Vorstand um Heinz Ackermann: Die Zweite durfte nicht aufsteigen. Die letzten vier Spiele mussten verloren werden und Schlappen sollte nicht mehr aufgestellt werden. Ackermanns Wille geschah und die Zweite blieb in der Kreisklasse. „Zwei Mannschafen in der Bezirksklasse wären dem Verein zu teuer geworden“, ergänzte Schlappen.

„Bei Heimspielen kamen unsere Frauen uns meistens im Sportheim abholen“, schoss es ihm durch den Kopf, „da kam es schon mal vor, dass wir nach besonders guten Spielen abends noch ungeduscht in der Kabine saßen. Die leeren Kästen waren noch nicht bis zur Decke hochgestapelt. Unsere Frauen wurden da schnell giftig.“

Der gelernte Elektriker war längst verheiratet und Vater zweier Töchter geworden. Er wechselte in seiner aktiven Laufzeit beim RSV ständig zwischen der ersten und zweiten Mannschaft – mit 35 Jahren schloss er sich den „Alten Herren“ an. „Wir hatten einen Bombentruppe und in den Anfangsjahren waren wir auf unserer roten Asche nicht zu bezwingen“, erinnerte er sich. Besonders im Gedächtnis sind ihm dabei die Duelle mit dem Erzrivalen vom Holländer See, TuS Gelria 09, geblieben. „Da wurde nicht nur Fußball gespielt, das waren teilweise richtige Schlachten. Wir waren stets die Besseren und damit konnten die 09-er nicht umgehen. Die Spiele waren mehr als nickelig und manchmal flogen auch die Fäuste“, meinte Schlappen.

Die Fusion RSV Geldern und TuS Geria 09 im Jahre 1992 hatte ihm sehr wehgetan: „Mit dem Erzfeind verbrüdern, das ging überhaupt nicht. Deshalb haben wir als Alte Herren noch eine Zeit lang weiter als RSV gespielt.“ Nach 40 Jahren Schichtdienst im Stahlwerk Krefeld ging „der Schlappe“ mit 63 Jahren in den Ruhestand. Erst zwei Jahre später beendete er nach 60 Jahren seine Karriere als aktiver Spieler.

Doch es lief nicht immer alles glatt in seinem Leben. Besonders hart getroffen hat ihn der Tod seiner Ehefrau, mit der er fast fünfzig Jahre verheiratet war. Aufgeben und sich hängen lassen sieht sein Lebensplan aber nicht vor: Er ließ alte Traditionen wieder aufleben. Die Fußballer von damals treffen sich wieder regelmäßig auf ein Bierchen oder zwei, feiern zusammen Vatertag und planen gemeinsame Ausflüge. Schlappen lässt sich nach wie vor auf sämtlichen Sportplätzen in der Umgebung blicken. Sein größtes Hobby ist sein Schäferhund, mit dem er stundenlange Spaziergänge macht. „Ein Blutdrucktablette morgens, mehr nicht. Ich bin top fit. So kann es weitergehen“, meinte Schlappen zum Abschluss des kurzweiligen Gesprächs, für den der Brühl mehr als eine Heimat geworden ist.