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Fußball: Der schlafende Riese in der Aufwachphase

Fußball : Der schlafende Riese in der Aufwachphase

Die Weezer Landluft ist den Kickern von Rot-Weiß Essen gut bekommen. Seit Dienstag ist die Mannschaft DFB-Pokalsieger-Besieger.

Da schlagen die Viertliga-Kicker von Rot-Weiß Essen am Dienstagabend den Pokalsieger und Champions-League-Teilnehmer Borussia Dortmund mit 3:2. Und knapp eine Stunde nach dem Triumph sitzen sie schon wieder brav in den Kleinbussen, um am Niederrhein die Nacht zu verbringen.

Es sind solche Kleinigkeiten, die darauf hindeuten, dass in der kommenden Saison an der legendären Hafenstraße etwas Großes passieren kann. Am Morgen danach sitzen Trainer Sven Demandt und sein Assistent Carsten Wolters in Korbsesseln am Rand der Halle des Gocher Sporthotels "De Poort". Und schauen interessiert zu, wie Athletiktrainer Oliver Schumbera dafür sorgt, dass das kickende Personal schön geschmeidig bleibt. Demandt kommentiert den Heimsieg gegen den übermächtigen Pott-Rivalen BVB gelassen: "Das war ein schöner Abend. Die Mannschaft hat das gut gemacht."

Vielleicht hat ja auch die frische Landluft Flügel verliehen. Seit Sonntag absolviert der ambitionierte Regionalligist, der endlich wieder an glorreiche Zeiten anknüpfen möchte, sein Sommer-Trainingslager am Niederrhein. Geschlafen und gegessen wird in Goch, gekickt im August-Janssen-Sportzentrum in Weeze. Die Ausnahme von der Regel gab's gestern, weil der Rasenplatz im Weezer Stadion nach dem Dauerregen am Vormittag unter Wasser stand.

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Der Traditionsverein hat seine Zelte nicht nur aus Gründen der Sparsamkeit in Heimatnähe aufgeschlagen. Nicht zuletzt Sven Demandt hatte den "Standort Niederrhein" vorgeschlagen. "Im Sommer sind die Bedingungen hier optimal. Die Rasenplätze in der Umgebung sind in einem sehr guten Zustand. Und notfalls kann man direkt in die Halle ausweichen", erklärt Demandt, der das Gocher Sporthotel noch aus seiner Zeit als Trainer der "U 23"-Auswahl von Borussia Mönchengladbach kennt.

Wenn die Rot-Weißen irgendwo auf einem Dorfplatz aufkreuzen, wird sofort deutlich, dass der Deutsche Meister von 1955 und langjährige Bundesligist nach wie vor jede Menge Tradition ausströmt. Wo in der abgelaufenen Saison die Germania aus Wemb um den Klassenerhalt in der Kreisliga B gekämpft hat, gab sich der Viertligist am Sonntag die Ehre. Und schlug zum Auftakt seines Trainingslagers den Oberligisten SC Düsseldorf-West mit 5:2. Nach dem Schlusspfiff gab's auch den einen oder anderen Autogrammwunsch. "Daran haben wir uns mittlerweile gewöhnt. Wir wissen, dass wir nicht irgendein Viertligist sind. Sondern Rot-Weiß Essen", sagt Sven Demandt.

Mit Überheblichkeit hat diese Aussage überhaupt nichts zu tun. Sondern nur mit gesundem Selbstvertrauen. Und dem Bewusstsein, dass der schlafende Riese von der Hafenstraße nur darauf wartet, geweckt zu werden. Und sich vielleicht sogar schon im Aufwachzustand befindet.

Im Trainingslager machen die Jungs im rot-weißen Dress jedenfalls schon einen sehr ausgeschlafenen Eindruck. Die Stimmung ist ausgezeichnet. Weil auch die "Bosse" Sven Demandt und Carsten Wolters den richtigen Ton treffen und für einen lockeren Spruch zu haben sind. Und beim Fußball-Tennis erkennen lassen, dass sie den Jungs immer noch etwas vormachen können, wenn nicht allzu viel Geschwindigkeit im Spiel ist. Die Rot-Weißen haben aktuell eine Mannschaft, die zur Initiative "Zusammen Hoch 3" passt, die der Verein im vergangenen Jahr gestartet hat. Dahinter verbirgt sich ein Dreijahres-Plan, mit dem die Rückkehr in den bezahlten Fußball realisiert werden soll. An der Hafenstraße hätte niemand etwas dagegen, schon im nächsten Frühjahr auf den Aufstieg in die Dritte Liga anzustoßen. "Wir gehen durchaus offensiv mit diesem Thema um, wissen aber auch, dass Kontinuität die Voraussetzung zum Erfolg ist. Man braucht einfach die nötige Zeit", sagt Demandt.

Zu einer funktionierenden Mannschaft gehört auch eine gute Seele. Zeugwart und Betreuer Peter Sommer ist leidenschaftlicher "Rot-Weißer" von Kindesbeinen an. Er kümmert sich liebevoll darum, dass es den Kickern an nichts mangelt. Die Jungs freuen sich, wenn sie auf ihrer frisch gewaschenen Ausrüstung einen Schoko- oder Müsliriegel entdecken. Sommer opfert sogar seinen Urlaub, um die Mannschaft ins Trainingslager begleiten zu können. Das 3:2 gegen Borussia Dortmund hat der gebürtige Karnaper besonders genossen. Wie es sich für einen Champions-League-Teilnehmer gehört, hatten die Schwarz-Gelben vor dem Anpfiff des Testspiels Extrawünsche geäußert. "Wir waren gerade aus Weeze an der Hafenstraße angekommen. Da habe ich erfahren, dass die Dortmunder unbedingt Streuselkuchen in der Kabine haben wollten. Den konnte ich dann erst einmal besorgen", plaudert Sommer aus dem Nähkästchen.

Wer so lange mit einem Verein fiebert, wie der Mann, der das Wappen der Rot-Weißen auf seinem Oberarm verewigt hat, spürt instinktiv, wenn große Ereignisse bevorstehen. "Ich habe das Gefühl, dass diesmal alles stimmt. Mit etwas Glück schlagen wir in der ersten Pokalrunde Borussia Mönchengladbach. Und die Hoffnung auf den Aufstieg ist da, obwohl wir nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre alle etwas vorsichtig geworden sind", sagt Sommer.

Heute endet der einwöchige Ausflug an den Niederrhein. In den nächsten Wochen und Monaten wird sich zeigen, ob das Trainingslager ein erfolgreicher Weckruf war. Der Ausflug aufs Land hat in jedem Fall schon einmal dazu gereicht, einen DFB-Pokalsieger-Besieger hervorzubringen, der mehr als nur von alten Zeiten träumen darf.

(RP)