Fußball : Der Schatten der Fußballprofis

Tim Nebelung wohnt in Griethausen und unter-richtet am Willibrord-Gymnasium in Emmerich. Daneben arbeitet er in der Agentur "Bigpoint" als lizenzierter Spieler-berater für Fußball-profis.

"Der Trainer hat ihn also schon gesehen. Ab wann ist er denn in Russland?", fragt Tim Nebelung in sein Telefon, als er die Haustür des ehemaligen Klosters in Griethausen öffnet. Der internationale Transfermarkt schläft nie, auch Mitte März können Spieler bei russischen Vereinen angeboten werden. Nebelung ist lizenzierter Spielerberater für Fußballprofis. "Die Transferphasen sind fast immer stressig. Aber gerade jetzt müssen Spieler für den Sommer vermittelt werden."

Nebelung ist Fachleiter und Lehrer am Willibrord-Gymnasium in Emmerich, an dem er die Fächer Sport, Religion und Philosophie unterrichtet. Zudem engagiert er sich seit mehr als 15 Jahren in der Agentur "Bigpoint" zusammen mit einem Mönchengladbacher Rechtsanwalt. Gemeinsam beraten sie zahlreiche Fußballprofis: Uwe Hünemeier, einst Aufstiegsheld beim SC Paderborn und mittlerweile in der englischen Premier League bei Brighton & Hove Albion beschäftigt, gehört genauso zu seinen Kunden wie dessen Mitspieler Pascal Groß, bis zum vergangenen Jahr Mittelfeldmotor beim FC Ingolstadt, und Ola Toivonen, Ex-Goalgetter bei PSV Eindhoven.

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Bis vor einigen Jahren war auch Bastian Schweinsteiger einer seiner Kunden. "Mit den meisten meiner Spieler bin ich eng befreundet. Da wird man zu Geburtstagen, Hochzeiten und Taufen eingeladen. Dieses Vertrauen erleichtert die Arbeit deutlich", sagt Nebelung. Auch ambitionierte Nachwuchstalente und Junioren-Nationalspieler folgen seinem Rat: Jonas Pfalz und Louis Beyer beispielsweise stehen als U19-Talente vor dem Durchbruch bei Borussia Mönchengladbach.

Der Beruf des Spielerberaters, erklärt der Ex-Spieler des 1. FC Kleve, besteht vorrangig aus drei Säulen: Der Akquise und Betreuung von Spielern, dem Unterhalt eines möglichst umfangreichen Netzwerks und dem Abschluss von Verträgen. Dafür habe er zu jedem größeren Verein einen guten Draht, erklärt der Hobby-Tennisspieler.

2003 erhielt Nebelung die Chance, auf dem Spielermarkt tätig zu werden. Als Sportstudent an der Deutschen Sporthochschule Köln fragte ihn sein damaliger Professor, ob er als Scout für Nachwuchsspieler tätig werden wolle. Nebelung ergriff die Möglichkeit; seine ersten Profi-Kunden waren der Ex-Schalker Simon Cziommer und Peter Niemeyer, die damals bei Twente Enschede in den Niederlanden Fußball spielten. In den Jahren darauf spezialisierte er sich vor allem auf Transfers zwischen den beiden Nachbarländern. Für einen abgeschlossenen Transfer erhält die Agentur "Bigpoint" eine Provision, die meistens etwa einem Monatsgrundgehalt des Spielers entspricht.

Das Geschäft ist in den vergangenen Jahren nicht einfacher geworden: "Als ich anfing, gab es in Deutschland etwa 30 Agenturen, heute sind es knapp 400. Das liegt auch daran, dass man keine offizielle DFB-Spielerberaterlizenz mehr braucht, um Spieler zu vermitteln. Jeder kann sich nun Berater nennen." Vor einigen Jahren noch regelte er für die Spieler über den Arbeits- und Handyvertrag bis zur Wohnungssuche alles. Davon aber habe er sich zurückgezogen. Heute mache er nur noch, was ihm Spaß macht. Das ist aktuell auch der Frauenfußballmarkt, in dem er drei Nationalspielerinnen begleitet. "Die Frauenfußballerinnen verdienen wesentlich weniger, erzielen aber bei der Vermarktung viel größere Erlöse. Die jungen Mechanismen des Frauenfußballs würde ich gerne mitsteuern", sagt Nebelung, dessen Freundin selber ehemalige Nationalspielerin ist.

Als Spielerberater muss der dreifache Vater unter anderem auch Mino Raiola seinen Kollegen nennen, der die Transfers von Spielern wie den Manchester-Stars Paul Pogba und Romelu Lukaku regelmäßig mit erpresserischen Mitteln durchsetzt. "Solche Leute gehen über Leichen. Leider gibt es viele dieser schwarzen Schafe in der Branche. Ich bin der Meinung, dass jeder Spieler den Berater bekommt, den er verdient. Für jeden Topf der passende Deckel. Wer klar im Kopf ist, nimmt sich Raiola nicht als Berater", sagt Nebelung.

Nicht selten ist seine Berufsgruppe auch als "Menschenhandel" verschrien. "Bis zum Bosman-Urteil war es teilweise so, dass die Spieler eine Ware waren. Mittlerweile sind sie glücklicherweise selbstbestimmter", sagt der Diplom-Sportlehrer. Im Zuge des Bosman-Urteils wurde geklärt, dass Spieler nach dem Ende ihres Vertrags ablösefrei wechseln dürfen. "Dennoch werden uns auch heute noch Afrikaner und Südamerikaner angeboten, deren Transferrechte wir kaufen könnten. Das ist teilweise moralisch sehr bedenklich, aber wenn die FIFA und die EU das zulassen, ist daran wenig zu machen."

Als Spielerberater, erklärt Nebelung, sei vor allem Schnelligkeit und ein gutes Gespür für die Spieler wichtig. "Ein Profi-Fußballer braucht vor allem einen Top-Skill. Bei Luca Toni war es der Kopfball. Wenn ein Spieler eine solche Fähigkeit nicht hat, wird es eng für den Profibereich", sagt er.

Tim Nebelung führt ein Leben für den Fußball, manchmal aber ist auch ihm das zu viel: "Die schönsten Gespräche sind die mit meinem Nachbarn Helmut, der nichts mit Fußball zu tun hat. Der Sport ist teilweise so verrückt, da braucht es auch Ablenkung."

(RP)