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Leichtathletik: "Der Leichtathletik mangelt es oft an Kreativität"

Leichtathletik : "Der Leichtathletik mangelt es oft an Kreativität"

Mehr als 3500 Leichtathleten sind in den Vereinen des Leichtathletikkreises Kleve gemeldet. Diese Zahl nannte der Kreisvorsitzende Hermann Reynders. Diese Sportler nehmen jedoch an immer weniger Veranstaltungen teil, worunter die Attraktivität der Wettkämpfe leidet.

Die Leichtathletik verliert zwischen Emmerich und Wachtendonk zunehmend an Attraktivität. Hermann Reynders, Vorsitzender des Leichtathletikkreises Kleve, beleuchtet im Gespräch mit der Rheinischen Post einige Ursachen dafür und gibt Denkanstöße, wie der rückläufige Trend zu stoppen ist.

Die Leichtathletik im Kreisgebiet hat in den vergangenen Jahren eine negative Entwicklung genommen. Wie bewerten Sie die aktuelle Lage?

Hermann Reynders Was für viele Sportarten zutrifft, gilt leider auch für die Leichtathletik: Es mangelt offensichtlich an Attraktivität. Selbst bei hochkarätigen nationalen und internationalen Leichtathletik-Wettkämpfen sind die Stadien längst nicht mehr randvoll gefüllt. Die Leistungsspitze und entsprechend die Zahl der sportlichen Vorbilder ist kleiner geworden. Und in den medialen Schlagzeilen findet Leichtathletik kaum statt. Die Situation der Leichtathletik ist schwierig. Das, was für die Bundes- und Landesebene im Großen greift, stellt sich auch für die Kreisebene als Problem und zugleich besondere Herausforderung dar.

Was könnte ein Grund dafür sein, dass es die Leichtathletik immer schwerer hat?

Reynders Dass die Leichtathletik einen schweren Stand hat, kann man leicht erkennen. Die Gründe dafür lassen sich allerdings nicht in nur einem Satz zusammenfassen. Es gibt jedenfalls weder nur einen einzigen Grund noch den einen, besonders entscheidenden Grund für die schwierige Lage in der Leichtathletik. Und außerdem ist von Ort zu Ort und Verein zu Verein zu differenzieren. Die Problemlage ist nicht überall gleich ausgeprägt. So gibt es laut Statistik in Goch bis zu 1 000 Leichtathleten, während in Issum gerade einmal 20 registriert sind.

Bei aller regionalen Unterschiedlichkeit gibt es aber vielleicht doch einige Aspekte, die man verallgemeinern könnte.

REYNDERS Im Vergleich zu früher ist das konkurrierende Angebot an Sport-, Freizeit- und sonstigen Aktivitäten stark angestiegen. An die Stelle von Toben und Tollen im Gelände sind Spiele und Austausch mit dem Smartphone und Tablet getreten. Die langen Schulzeiten lassen ein Training am Nachmittag nur noch bedingt zu. An den Wochenenden sind außer Sport noch viele andere, attraktivere Events angesagt. Im Schulsport geht es nicht mehr speziell um Leichtathletik sondern allgemein um Sport und Bewegung. Die Bereitschaft, sich länger an einen Verein zu binden, ist ebenso gesunken wie die Bereitschaft, sich im Wettkampf der Konkurrenz zu stellen. Die Wettkämpfe selbst dauern oft zu lange, sind nicht kompakt genug und wirken zu wenig modern. In den Medien zählen nur Siege, Bestleistungen und Rekorde.

Hinzu kommt, dass die personelle Infrastruktur in den Vereinen immer stärker ausdünnt. Spürt die Leichtathletik das auch?

Reynders Ohne Frage hat es auch unsere Sportart schwer, ehrenamtliche Übungsleiter, Kampfrichter und Helfer zu finden. Dabei darf man auch den so genannten demographischen Wandel nicht außer acht lassen. Unsere Gesellschaft wird älter, die Geburtenraten liegen niedriger als früher, und die gesellschaftlichen Herausforderungen haben sich damit insgesamt gewandelt.

Was könnten die Vereine im Kreisgebiet unternehmen, um dieser Tendenz entgegen zu wirken?

Reynders Die Vereine können nicht bei all den Ursachen ansetzen, die ich genannt habe. Da sind auch andere gefragt und gefordert. Der Deutsche Leichtathletikverband und die Landesverbände müssen im Rahmen ihrer Möglichkeiten die sportlichen Rahmenbedingungen verbessern und Einfluss darauf nehmen, dass in der Politik und speziell in der Schulpolitik der Sport einen höheren Stellenwert bekommt. Laufen, Springen und Werfen als die Grundelemente der Leichtathletik müssen gerade auch über den Schulsport weiter vermittelt werden. Es ist gut, dass zum Beispiel der Leichtathletikverband Nordrhein in diesem Sinne schon aktiv geworden ist. Die Hauptaufgabe der Vereine muss es sein, im Zusammenwirken mit den lokalen Kräften für die Leichtathletik zu werben und nicht nachzulassen in der täglichen Leichtathletikarbeit mit den Eltern und Kindern. Mehr noch als früher gehört dazu zwingend die Zusammenarbeit mit den Schulen und - wie ich meine - auch mit den Kindergärten. Nachwuchswerbung durch Zusammenarbeit und moderne Kinder-Leichtathletik werden immer wichtiger. Und eine gute Kontaktpflege zu den Lokalredaktionen sollte da nicht fehlen.

Die Praxis zeigt, dass dort, wo im Verein beharrlich und stetig an der Leichtathletik gearbeitet wird, sich auch Erfolge einstellen. Liegt hier der Schlüssel für zukünftige Impulse?

REYNDERS Das hohe persönliche Engagement der Eltern, Übungsleiter und Trainer ist immer noch das entscheidende Maß für eine erfolgreiche Leichtathletik vor Ort. Die bewährten Beispiele aus Nieukerk, Kevelaer, Goch, Nütterden oder Hüthum zeigen, dass die Leichtathletik noch Potenziale hat, auch wenn die Situation allgemein deutlich schwieriger geworden ist.

Gibt es Beispiele, denen andere Vereinen nacheifern können?

REYNDERS Die gut funktionierende Vereinsarbeit in Goch-Kessel, Rees und Kleve sind erfreuliche Beispiele. Als Vorsitzender des Leichtathletikkreises Kleve registriere ich mit besonderer Freude, dass im Traditionsverein Merkur Kleve derzeit wieder eine Kindergruppe aufgebaut wird. In Nütterden, Wachtendonk und Nieukerk wurden beziehungsweise werden die sportlichen Anlagen und damit die Bedingungen für die Leichtathletik verbessert. Auch das spricht für die Bedeutung einer guten Vereinsarbeit. Einige Akteure haben da einen langen Atem bewiesen.

Der Trend geht zu spektakulären Veranstaltungen. Leidtragende ist die Stadion-Leichtathletik. Wie bewerten Sie diese Entwicklung, und was könnten die Gründe dafür sein?

Reynders Fun- und Trendsportveranstaltungen sind ohne Frage in. Das passt durchaus zu der Einschätzung, dass die Menschen nach wie vor die Herausforderung, auch die sportliche Herausforderung, suchen - aber eben nicht mehr unbedingt über eine Vereinszugehörigkeit oder in dem Bestreben nach Bestleistungen. Der Spaßfaktor spielt offensichtlich eine besondere Rolle. Allerdings gibt es im Kreis Kleve auch etliche Veranstaltungen, die angenommen werden, ohne dass damit ein übertriebenes Spektakel verbunden ist. Dafür stehen der Silvesterlauf in Pfalzdorf, der Kevelaer-Marathon, der Eurorun in Nütterden, der Golddorf-Lauf in Winnekendonk oder der Wachtendonker Stadtlauf.

Von einer vergleichbaren Beliebtheit kann die Stadionleichtathletik aber nicht sprechen.

REYNDERS Im Kreis Kleve fanden 2014 etliche Sportfeste, Kreismeisterschaften und andere Leichtathletikveranstaltungen statt - leider aber ohne große Zuschauerresonanz und Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Die Zahl der Stadionwettkämpfe hat sich über die Jahre kaum verändert. Die Teilnehmerfelder wurden jedoch mit der Zeit deutlich kleiner. Und darin liegt das eigentliche Problem. Ohne genügend große Teilnehmerzahlen gibt es keine gesunde Konkurrenz, keine Spannung, keine Einnahmen und keine besondere Attraktivität.

Die Trainingsbedingungen sind im Laufe der Zeit besser geworden, jetzt rüstet auch Nieukerk mit einer Kunststoffanlage auf. Doch es gibt immer weniger Athleten, die diese Möglichkeiten nutzen.

Reynders Der zahlenmäßige Rückgang der Leichtathleten im Kreis Kleve ist keineswegs so groß, wie man aus den Wettkämpfen schließen könnte. Aktuell sind im Kreis Kleve mehr als 3 500 Personen in den Vereinen als Leichtathleten registriert. In den letzten fünf Jahren ist die Zahl der Leichtathleten im Kreis Kleve von mehr als 3 700 Personen um rund sechs Prozent gesunken. Von 2013 auf 2014 gab es einen Rückgang um lediglich 0,3 Prozent. Auch aus dem Trainingsbetrieb bei den Vereinen, der überwiegend gut ist, lässt sich nicht auf einen drastischen Rückgang der Zahl der Leichtathleten schließen.

An einer Stelle muss es aber doch knirschen. Denn Fakt bleibt doch, dass die Teilnehmerzahlen bei den Wettkämpfen abnehmen.

Reynders Der Rückgang der Meldezahlen bei den verschiedenen Wettkämpfen ist nicht von der Hand zu weisen. Das deutet darauf hin, dass sich weniger Athleten aktiv dem Wettkampf stellen, als es vom tatsächlichen Potenzial her möglich wäre. Die Motivlage dafür ist nicht eindeutig. Zum Teil sind die Gründe dafür in der schon beschriebenen allgemeinen Entwicklung der Leichtathletik zu suchen. Zum Teil mögen auch andere Gründe wie fehlende Fahrgelegenheit, ein zu früher Wettkampfbeginn oder fehlende Betreuung eine Rolle spielen.

Mit beispielsweise Sportarten wie Fußball hat die Leichtathletik eine starke Konkurrenz. Was müssen Vereine tun, um junge Leute trotzdem für Leichtathletik zu begeistern?

Reynders: Wie schon erwähnt, ist es für viele Sportarten schwerer geworden, sich gegen den Zeitgeist und den Wandel der gesellschaftlichen Strukturen zu behaupten. Das gilt selbst für den Fußball, der allerdings nicht nur mit der erfolgreichen WM im Rücken besser da steht als andere Sportarten. Die Verbände und Vereine sind im Rahmen ihrer Möglichkeiten gefordert. Darauf bin ich schon eingegangen. Zusammenarbeit mit Schulen und Kindergärten und Förderung der Kinder-Leichtathletik sind die Schlüsselworte.

Was kann man unternehmen, um den rückläufigen Teilnehmerzahlen bei den Wettkämpfen entgegen zu wirken?

Reynders Mehr noch als bisher praktiziert, sollten sich die Vereine dadurch gegenseitig unterstützen, dass sie an den Sportfesten im eigenen Kreis stärker vertreten sind. So wünsche ich mir beispielsweise, dass sich Vereine, die ihr Schwergewicht auf dem Laufsektor haben, mit deutlich mehr Aktiven an den Mittel- und Langstreckenwettbewerben in den Stadien beteiligen. Konkurrenz belebt das Geschäft auch in den Startblöcken. Nicht zu unterschätzen ist die Trainingsarbeit guter und besonders motivierter Helfer und Übungsleiter. Unter den Eltern spricht sich gute Trainings- und Betreuungsarbeit schnell herum, wie aktuell das Beispiel bei Merkur Kleve zeigt. Zudem müsste man die Wettkämpfe kompakter gestalten.

SABRINA PETERS UND REINHARD PÖSEL FÜHRTEN DAS GESPRÄCH.

(RP)