Lokalsport : Der Herr der Siegermöhren

Als Vielseitigkeitsreiter hat Tony Harris national und international so ziemlich alles gewonnen – und nach einem Giftanschlag auch alles verloren. Heute gibt der 72-Jährige als Trainer sein Wissen an den Reiternachwuchs weiter.

Als Vielseitigkeitsreiter hat Tony Harris national und international so ziemlich alles gewonnen — und nach einem Giftanschlag auch alles verloren. Heute gibt der 72-Jährige als Trainer sein Wissen an den Reiternachwuchs weiter.

Überall sind Pferde. Auf Bildern, im Schrank, an den Wänden. Der Raum hängt voller Plaketten und Schleifen. "Dieser Raum ist mein ganzes Leben", sagt Tony Harris. Es ist auch seine Schatzkammer. Hier liegt der greifbare Erfolg, den der 72-Jährige im Laufe seiner aktiven Laufbahn auf nationalen und internationalen Turnierplätzen zusammengetragen hat.

Der gebürtige Engländer sitzt auf einem Hocker, wirft Fotos hierhin und dorthin. Plötzlich springt er auf, läuft nach draußen, um sich um einen jungen Hengst zu kümmern, dem gerade Sehnen und Hufe abgefühlt werden. Danach kommt er zurück und beginnt zu erzählen — von der Zeit, in der er als Vielseitigkeitsreiter im Kreis Kleve in den Siegerlisten auftauchte.

Die Erfolgsgeschichte begann schon vor mehr als dreißig Jahren. Da verdrückten seine Pferde nach Dressur, Geländeritt und Springen Siegermöhren und jede Menge Siegeräpfel. Keiner habe ein derartiges Gefühl für den Umgang mit Pferden, hieß es damals. Es gab allerdings auch Stimmen, die abschätzig über den streitbaren Engländer sprachen. Das hat ihn immer ziemlich gefuchst, denn niemand gewann bei Landesturnieren, Meisterschaften und Wettbewerben in der Vielseitigkeit so viele Titel wie Harris. Es gibt Bilder, da sitzt er bei den Siegerehrungen mit seinem Team, das viel von ihm gelernt hat, glücklich im Sattel, belohnt für gute Ritte im Parcours. Zum Beispiel nach den Landesturnieren, auf denen die Kreis-Klever-Mannschaft sechsmal in Folge die Siegermannschaft stellte.

Das machte er richtig gut. "Es war für mich immer etwas Besonderes, mit jungen und begabten Reitern in die schweren Prüfungen zu gehen, um ihr Potential ausfindig zu machen", sagt Harris mit Nachdruck. Es ist spürbar, dass da immer noch was ist, wenn er von dieser Zeit spricht. Da kommt der Trainer durch, der immer wusste, was der Nachwuchs konnte und was nicht.

Vielleicht wären die Klever Reiter ohne Harris niemals auf die große Bühne der Vielseitigkeit gekommen. Es wäre seltsam, wenn der 72-Jährige, der vor 40 Jahren am Niederrhein sesshaft wurde, über diese sportliche Verwurzelung nicht sprechen würde. Er redet und lacht viel. Aber er lässt auch durchblicken, dass er vor sechs Jahren nahezu alles verlor. Damals hatte jemand seine Pferde vergiftet. Die wirtschaftliche Lage war katastrophal. Der Trainer, der schon sehr früh lernte, ein Pferd zu deuten, war finanziell am Boden. Für Harris ging es damals nicht nur um die Gegenwart. Es ging auch um seine wirtschaftliche und sportliche Zukunft. Er dachte, er komme nicht mehr auf die Beine.

Heute galoppieren die von ihm betreuten und trainierten Pferde wieder auf dem riesigen Gelände in Sevelen, das von ihm aufwendig gestaltet und hergerichtet wurde. Dabei entpuppte sich der Reiter als vielseitiger Handwerker und Parcoursbauer. Es gab für ihn jedoch genug zu tun. Hof, Scheune und der durchgefaulte Speicherboden verfielen. Alles musste saniert werden. Vieles davon hat Harris nun ersetzt und erneuert. "Das war eine richtige Maloche", sagt er. Das stimmt ganz sicher. Ein Hausumbau macht Arbeit, der Umbau eines alten Bauernhofes noch viel mehr. Reiterhof. Scheunen. Kantine. Trainingsgelände für Dressur und Springen.

Harris, der kurzfristig auch die bulgarische Nationalmannschaft der Vielseitigkeitsreiter trainierte, sieht sehr zufrieden aus, seine Augen strahlen. Er wird es wohl schaffen. Und vielleicht quellen in den nächsten Wochen noch mehr Fotos von den Turnieren aus den Tüten. Der 72-Jährige, der von der Stallarbeit bis zur Arbeit auf den Turnierplätzen alles kennt, ist immer noch ein guter Reiter — und Ausbilder.

(RP/rl)