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Spiel aus Geldern: Jan Waltereit und Simon Haberl haben "Harter Tobak" erfunden

Spielemacher aus Geldern : Ganz schön harter Tobak

Die beiden Gelderner Jan Waltereit und Simon Haberl haben ein Mobbing-Spiel auf den Markt gebracht. Altersfreigabe: ab 16 Jahren. Ziel ist, sein Gegenüber möglichst fies zu beleidigen, natürlich immer mit einem Augenzwinkern.

„Typisch du: Schöne glänzende Lippen haben. Von Chipsfett“ oder „Deine Biografie würde den Untertitel ‚Der alte, verbitterte Nachbar, der in seiner Freizeit Falschparker beim Ordnungsamt meldet’ tragen“. Ob man diese Sätze schon immer mal zu seinen Freunden sagen wollte, hängt wohl vom persönlichen Temperament ab. Jan Waltereit und Simon Haberl aus Geldern sorgen dafür, dass jeder seinen Mitmenschen mal die Wahrheit ins Gesicht sagen kann.

Im November vergangenen Jahres haben sie ihr Spiel „Harter Tobak – die Mobbing-Edition“ auf den Markt gebracht. Und treffen mit dem Spiel mit brutalen Sprüchen und schwarzem Humor einen Nerv. So funktioniert es: Eine Karte mit Lückentext liegt vor einem der Spieler – dem Mobbingopfer – aus. Diese Lücke gilt es, mit besonders witzigen und bösen Sprüchen der anderen Karten zu füllen, am besten passend zu der Person, die gemobbt wird. Laut Online-Bewertungen ist das Spiel bei Partys und beim Vorglühen beliebt.

„Harter Tobak“ sei etwas für alle, die sonst mit Spielen gar nicht so viel anfangen können, sagen Jan und Simon. Die bösen Sprüche nähmen die meisten Spieler mit Augenzwinkern hin. „Es ist eben eine Freikarte, sich gegenseitig durch den Kakao zu ziehen, aber mit Humor“, sagt Simon. Die erste Charge von 500 Spielen sei nach fünf Wochen ausverkauft gewesen, so die Gründer. Nun sei die dritte Fuhre in der Produktion, dann haben sie insgesamt 3000 Spiele auf den Markt gebracht.

Für Jan Waltereit ist es bereits die zweite Ausgabe des Spiels, quasi ein Comeback. Bei seinem Studium in Maastricht hatte er die erste Version von „Harter Tobak“ mit einigen Kommilitonen als Studienprojekt produziert und vermarktet. „Das war 2014“, sagt er. „Da waren die Lücken und die Füller noch sehr breit angelegt, zu vielen verschiedenen Themengebieten.“ Was sich beim Spielen herausstellte: Den Spielern gefielen vor allem die Fragen, bei denen sie einen der Mitspieler am Tisch einbinden und foppen konnten. Als sich Simon und Jan, die sich schon seit ihrer Jugend kennen, für die Neuauflage zusammentaten, war also klar: Es wird eine Mobbing-Edition.

Simon und Jan sind beide auf das Friedrich-Spee-Gymnasium gegangen. Richtig kennengelernt haben sie sich aber erst am Pool im Türkei-Urlaub – ihre Eltern hatten durch Zufall dasselbe Hotel gebucht. Gemeinsam machten sie Musik, beide waren Rapper. Jetzt machen sie Spiele. „Immer, wenn Menschen interagieren, haben sie eine unvergessliche Zeit“, sagt Jan Waltereit. „Mit diesem Ansatz entwickeln wir unsere Spiele.“ Das machen sie derzeit noch neben ihren Vollzeit-Jobs. Doch irgendwann, sagen die beiden Gelderner, sei es durchaus realistisch, von „Harter Tobak“ leben zu können.

Der Großteil ihres Verkaufs läuft online, mittlerweile gibt es die Spiele aber auch deutschlandweit in 30 Läden, unter anderem bei Rewe in Geldern. „Wir waren ganz überrascht, wie gut der Handel das Spiel angenommen hat.“

Was sie noch mehr überrascht hat: Auch Pädagogen haben Interesse an dem Mobbing-Spiel, zum Beispiel für eine humorvolle Streitschlichtung. Die beiden stellen klar: „Wir sind ganz klar gegen Mobbing. Aber bei dem Spiel sind alle angreifbar, das macht es interessant.“ Darum hatten sie bereits über eine jugendfreie Version des Mobbing-Spiel nachgedacht, das derzeit für alle ab 16 Jahren empfohlen ist. Auch andere Editionen, die dann als Erweiterungen für das Originalspiel genutzt werden können, seien in der Entwicklung.

Die 5000 Euro Investition für das Spiel haben die beiden Gelderner sich über einen Bankkredit eingeholt. Geld verdienen sie mit „Harter Tobak“ bisher noch nicht. Derzeit fließe alles zurück in das Start-up und in die Entwicklung neuer Spiele.

Und dabei zeigen die Gelderner, dass sie auch anders können. So kommt mit „Erzählt euch mehr“ an Ostern ein neues Spiel aus der Harter-Tobak-Schmiede. Ernste Fragen wie „Was würdest du tun, wenn du ein Problem in der Welt lösen könntest?“ sollen dabei Anstöße für ein tiefes Gespräch sein – diesmal ganz ohne Beleidigungen.