Zu Gast bei Familie Roggenbuck in Geldern: So gelingt die Pflege daheim

Zu Gast bei Familie Roggenbuck in Geldern : So gelingt die Pflege daheim

Irmgard Roggenbuck pflegt ihre 95-jährige Schwiegermutter. Der Alltag erfordert viel Organisation, gibt ihr aber auch einiges zurück.

„So, jetzt siehst du gut aus“, sagt Irmgard Roggenbuck zu ihrer Schwiegermutter und streicht ihr das fedrige Haar zurecht. Die alte Dame schließt die Augen, antwortet mit einem wohligen „Ja, hmm, ja“ und setzt sich wieder aufs Sofa an ihren Lieblingsplatz. „Von dort hat sie den besten Blick in den Garten“, sagt Roggenbuck.

Sie pflegt ihre Schwiegermutter Hubertina Roggenbuck seit vier Jahren. Die 95-Jährige hat eine fortgeschrittene Demenz, hört wenig und trägt eine Brille mit gelben Gläsern, um besser sehen zu können. Dass die Familie die Pflege übernehmen würde, war von Anbeginn klar. Denn die Mutter ihres Mannes wollte in kein Heim. Ganz allein bestreitet sie den Pflegealltag allerdings nicht: Zweimal täglich kommt eine Kraft zur Medikamenteneinnahme vorbei, zweimal in der Woche ein Pflegedienst zum Duschen, jeden Mittag gibt es Essen auf Rädern und tagsüber teilt sich Irmgard Roggenbuck die Betreuung mit ihrem Schwager. Er geht morgens mit der Mutter spazieren und isst mit ihr gemeinsam zu Mittag. „Danach macht sie ein kleines Schläfchen und dann komme ich schon wieder zurück.“

Irmgard Roggenbuck arbeitet seit 41 Jahren im St. Clemens Hospital und hat seit 15 Jahren die Pflegeüberleitung. Dort hat sie sowohl Kontakt zu den Patienten, aber auch zu Pflegeheimen und berät bei der Beschaffung von Hilfsmitteln und deren Beantragung. „Natürlich bin ich auf der einen Seite vom Fach“, sagt Roggenbuck, dennoch will die 59-Jährige mehr Menschen dazu ermutigen, sich mit den Möglichkeiten der Angehörigenpflege zu befassen. „Zwischen Dauerbetreuung und Altersheim liegen viele Optionen“, sagt sie.

Der Tag für pflegende Angehörige, der in diesem Jahr zum ersten Mal in Geldern stattfindet, ist für sie eine Herzensangelegenheit. „Wir möchten die Angehörigen stärken und zeigen, dass Pflege Zuhause möglich ist, ohne sich selbst aufzugeben“, sagt sie. Den Spagat zwischen Familie, Beruf und Elternpflege hinzubekommen, sei nicht immer einfach, aber mit guter Organisation definitiv möglich.

Hubertina Roggenbuck kommt aus dem Wohnzimmer. „Wo ist denn das Taschentuch“, fragt sie ihre Schwiegertochter. Gemeinsam gehen die beiden auf Suche und Hubertina Roggenbuck kehrt mit einem frischen Taschentuch zum Sofa zurück. „Zu Beginn wollte sie die Krankheit nicht wahrhaben“, erinnert sich Irmgard Roggenbuck. Es sei ein schleichender Prozess gewesen. Sie habe Lebensmittel an unpassenden Orten versteckt, sei bereits mittags um vier Uhr zu Bett gegangen. „Das war für sie weniger schlimm als für uns“, sagt Roggenbuck. Und trotzdem sei es für sie noch einfacher gewesen als für ihren Mann.

Die Drei leben seit 34 Jahren gemeinsam in einem Haus. Richtig zusammengebracht hat Schwiegermutter und -tochter jedoch erst die Demenz. „Sie ist durch die Erkrankung wirklich liebevoll geworden“, sagt Irmgard Roggenbuck. Die Pflege empfindet sie nicht als Belastung. Sie habe eine Liste für die Abläufe, die gebe auch ihr Struktur. Wollen sie und ihr Mann in den Urlaub fahren, dann bringen sie Hubertina Roggenbuck in die Kurzzeitpflege – „aber nie länger als eine Woche“. Gerade bei Demenz seien feste Rituale sehr wichtig.

Um an alte Gewohnheiten anzuknüpfen, bringt sie ihre Schwiegermutter regelmäßig zum Friseur, zur Kosmetikerin und zur Fußpflege. Auch gemeinsames Einkaufen und ab und zu ein neues Kleidungsstück gehöre mit dazu. „Wenn ich ihr vor einem Ausflug eine Kette umlege und sage: ‚Heute bist du die Schönste’, dann freut sie sich sehr.“ Überhaupt wirkt Hubertina Roggenbuck noch sehr fit, sie läuft selbstständig und ohne Gehhilfe – geradezu flink – durch die Wohnung. Und dennoch gehört sie nicht zu denjenigen Dementen, die ziellos umherirren, das Haus verlassen und rastlos sind. Nur einmal, vor wenigen Monaten, habe sie ein neues Medikament verschrieben bekommen, und dieses überhaupt nicht vertragen. „Da saß sie vor Angst bibbernd vorm Kleiderschrank“, erinnert sich Irmgard Roggenbuck. Ihre Schwiegermutter hat den Krieg miterlebt und die Medikamente sorgten dafür, dass einige Erinnerungen wieder hochkamen.

In solchen Momenten ist Irmgard Roggenbuck für ihre Schwiegermutter da, setzt sich zu ihr und die beiden schauen gemeinsam hinaus in den Garten – das beruhigt. „Darf ich noch einen Keks“, fragt Hubertina Roggenbuck. „Natürlich, aber nimm einen ohne Schokolade“, antwortet ihre Schwiegertochter. Die alte Dame kickst wie ein junges Mädchen, greift in die Dose und nimmt brav einen Keks ohne Schokolade. „Danke“, sagt sie. Und das ist alles, was für ihre Schwiegertochter zählt.

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