Aktion in Geldern: Seidentücher für Totgeborene

Aktion in Geldern : Seidentücher für Totgeborene

150 Embryos werden jährlich in Kevelaer und Geldern beigesetzt. An der Liebfrauenschule in Geldern werden Seidentücher für die Beerdigungen gestaltet.

Konzentriert zeichnet Sabrina auf dem weißen Seidentuch die Umrisse von Blumen nach. Sie hat gerade erst damit begonnen. Wenn das Tuch fertig ist, werden aus den Umrissen weiße Lilien auf hellblauem Grund geworden sein. Doch es ist kein modisches Accessoire, das die 17-Jährige im Kunstunterricht der Liebfrauenschule Geldern, Berufskolleg des Bistums Münster, gestaltet. Das Tuch wird unter die Erde gelassen, in einem Sarg, in dem es die sterblichen Überreste fehl- oder totgeborener Kinder bedeckt.

Regelmäßig finden in Geldern und Kevelaer gemeinschaftliche Bestattungen dieser Kinder statt. Etwa 150 Embryos kommen in diesen beiden Städten jährlich tot zur Welt. "Alle drei Monate", berichtet Seelsorger Martin Naton, "werden sie in einem gemeinsamen Sarg bestattet, jeder sterbliche Überrest in einem eigenen Gefäß." Bis zu acht Elternpaare nehmen während dieser Zeremonien Abschied von ihren "Stillgeborenen", wie diese Kinder laut Naton auch bezeichnet werden.

Früher seien die Seidentücher auf der Geriatrie des St.-Clemens-Hospitals hergestellt worden von alten Menschen unter Anleitung von Ergotherapeuten. "Danach haben wir sie geschenkt bekommen oder gekauft."

Im vergangenen Jahr wurde der Seelsorger von der Liebfrauenschule gefragt, ob er in der Unterrichtsreihe "Tod und Sterben" nicht auch einen Vortrag halten wolle. Das tat er dann zum Thema "Tod und fehlgeborene Kinder". Die jungen Menschen seien sehr interessiert gewesen, erinnert sich Naton. Als sie von den Seidentüchern hörten, fragten sie: "Können wir das nicht machen?"

Ende 2017 startete das Kunstprojekt, die Schüler arbeiteten in Absprache mit den Lehrkräften. Vor einigen Tagen wurden die ersten Seidentücher in der Kapelle des St.-Clemens-Hospitals an die Krankenhaus-Seelsorger Naton und Schwester Marlies Mauer überreicht. "Der Vorrat reicht für etwa ein Jahr", stellt Naton erfreut fest. Von jedem Tuch, das verwendet wird, wird vor der Beisetzung übrigens ein Streifen abgeschnitten. Die Eltern des stillgeborenen Kindes dürfen, wenn sie möchten, ein Stück des Stoffes als Erinnerung mit nach Hause nehmen.

Das soll kein einmaliges Projekt bleiben, wie Schulseelsorger Andreas Mäteling betont: "Wir werden das Projekt jetzt jährlich durchführen. Ab sofort werden also alle Seidentücher, die für die Bestattung von fehl- und totgeborenen Kindern verwendet werden, von den Schülern des Berufskollegs Liebfrauenschule gestaltet. Birgit Veltjens-Nühlen als Lehrerin für Textiles Gestalten und ich als Schulseelsorger werden das als ,schulpastorales Dauerprojekt' betreuen", sagt er.

(RP)
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