Geldern: Schule: Keine Wahl für Behinderte

Geldern: Schule: Keine Wahl für Behinderte

Nur eine einzige Grundschule und die Sekundarschule wollen Inklusion umsetzen. Die Stadtverwaltung hat Verständnis; es fehle an Mitteln und Personal. Aber für behinderte Kinder heißt das: "Freie Schulwahl" haben sie nicht.

Nur die Albert-Schweitzer-Grundschule will "inklusiv" mit Kindern mit besonderem Förderbedarf arbeiten. Als einzige weiterführende Schule steht die Sekundarschule bereit. Alle anderen Schulen hätten "aktuell kein Interesse signalisiert, inklusive Schule zu werden", teilt die Stadtverwaltung mit.

Diese Sache birgt Zündstoff. Schon in der jüngsten Sitzung des Schulausschusses sorgte sie für Diskussionen. Ob das bedeute, meldete sich Walter Seefluth von der "Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft" (GEW) zu Wort, "dass ein behindertes Kind automatisch auf die Albert-Schweitzer-Grundschule kommt?" Und, dass es mit Gymnasialempfehlung nicht das Gymnasium besuchen könne? "Auch in Geldern", so Seefluth, sollten die Vorgaben der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen doch wohl umgesetzt werden.

"Im schulrechtlichen Sinne ist der Besuch der Sekundarschule auch der Besuch eines Gymnasiums", reagierte Bürgermeister Ulrich Janssen. Und inwieweit man verpflichtet sei, etwaige Vorgaben umzusetzen oder nicht, das müsse sich noch herausstellen.

Die großen Probleme mit der Inklusion hängen am Geld. Die ablehnende Haltung der Schulen sei "verständlich", fasst es die Stadtverwaltung in ihrer Analyse der Situation zusammen, "da es insbesondere bei der personellen Unterstützung mit sonderpädagogischem Personal mangelt". Nach dem entsprechenden Erlass des Landes Nordrhein-Westfalen würden inklusive Schulen zwar bei der Stellenzuwendung rechnerisch bessergestellt. Das aber reiche "für die konkrete Beschulung vor Ort nach Einschätzung der Verwaltung nicht aus".

Abgesehen vom veränderten Personalschlüssel soll die Stadt Geldern zur Förderung der schulischen Inklusion auch Geld bekommen. Für "Sachkosten" gibt's für das Schuljahr 2014/2015 einen "Belasungsausgleich" von 69 000 Euro vom Land Nordrhein-Westfalen. Davon sollen beispielsweise der Unterhalt von Schulgebäuden, Ausstattung oder Lernmittel bezahlt werden - auch der Bau einer Rampe für Rollstuhlfahrer oder die Anschaffung speziellen Lehrmaterials würde darunter fallen. Für "weitere Aufwendungen" fließen 19 900 Euro vom Land. Davon könnte beispielsweise "nicht lehrendes Personal" bezahlt werden.

"Diese pauschalen Zuschüsse reichen nach Einschätzung der Verwaltung nicht aus, um die inklusiven Vorgaben in Geldern zu finanzieren", fasst die Stadt dazu zusammen. Von 19 900 Euro beispielsweise könne man "etwas weniger als eine halbe Stelle" finanzieren, führte Schulamtsleiter Helmut Holla aus. Was für die Inklusion in Geldern realistischerweise kostendeckend wäre, will die Stadt gerade herausfinden: "Die Summen werden derzeit ermittelt. Wir sind im Prozess." Bis Mitte 2015 werden Daten gesammelt.

Die Gewerkschaft GEW will finanzielle Probleme aber nicht als Ausrede dafür gelten lassen, dass behinderte Kinder in Geldern benachteiligt werden könnten. Er halte das "Verhalten der Stadt Geldern für einen Bildungsskandal", teilte Walter Seefluth gestern mit. Die Stadt ignoriere die Rechte der betroffenen Familien und lasse "nicht nur die Eltern und Kinder, sondern auch die Lehrerinnen und Lehrer im Stich." Dabei sei die Umsetzung der Inklusion seit Jahren Thema, anscheinend "nur nicht in Geldern".

(RP)
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