Geldern: Schockgefrostete Landschaften

Geldern: Schockgefrostete Landschaften

Im Wasserturm am Gelderner Bahnhof zeigt Dirk Pleyer seine Malerei. Die Ausstellung ist eine Veranstaltung des Kunstvereins Gelderland und trägt den Titel "Es frischt auf". Die Vernissage findet am morgigen Sonntag statt.

Am Computer hatte Dirk Pleyer seine Ausstellung skizziert. Trotzdem wurde er von den Verhältnissen vor Ort überrascht. "Ich hielt die oberste Etage für die schwierigste", schildert der Künstler aus Dortmund seine Sicht auf den Gelderner Wasserturm. Doch als der 50-Jährige seine Bilder aufhängte, erwies sich das Stockwerk darunter als am kompliziertesten. Ab morgen sind Pleyers Bilder als Veranstaltung des Kunstvereins Gelderland unter dem Titel "Es frischt auf" im Turm zu sehen.

Das Werk des gebürtigen Recklinghauseners ist von großer Bandbreite. Im Gelderner Wasserturm gewährt er rund 80 mal Blicke auf seine Landschaftsmalereien. Ganz frisch und parallel zwischen 2016 und 2018 entstanden sind die Bilder aus der Reihe "Album". Ganz oben, im vierten Stock, befinden sich aus diesem Zyklus sechs große Formate, 140 mal 120 Zentimeter messend. In Öl und in Grün-Blau bieten sie neben den fest eingemauerten Glasrechtecken neue Fenster im "Aussichtsturm".

Album möchte Pleyer als Erinnerungsbuch verstanden wissen. "Es sind abstrakte Erinnerungen an Landschaften", sagt er. Er nennt es eine glückliche Fügung, dass die leichte Dramatik der Meeresbilder zu dem unverputzten Gemäuer passe.

In Stockwerk zwei sind sozusagen die "kleinen Geschwister" zu sehen. 54 Quadrate mit den Maßen 22 mal 22 Zentimeter hat Pleyer in sechs wiederum quadratischen Neunerblocks angeordnet, dabei exakt die Höhe der Fenster aufnehmend. Grau, Blau, Grün und Schwarz sind die Farben. Die Motive weisen Verwischungen und Tiefen auf. "So, als ob man mit einem Fotoapparat aus einem fahrenden Auto aufnimmt", beschreibt der Maler die Idee dahinter. Die "Album"-Bilder erinnern an Polaroids.

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Im für ihn "schwierigsten Raum", der dritten Etage mit ihrer Mittelsäule und den "U-Boot-Röhren", präsentierte Pleyer gerahmte Arbeiten, die etwa um 2010 entstanden sind. In Öl, Acryl und mit Sprühlack hat er "Landgrabungen" gefertigt. Die Bilder sind im wahrsten Sinne des Wortes vielschichtig. Pleyer verklebte Plakatrisse und Skizzenpapier, manchmal sind noch Zeichnungsspuren zu sehen. Die Bilder lassen an Grasbüschel, an Blätter und an Mohnblüten denken. Pleyer sieht sie in der Tradition der informellen Malerei, mit viel Bewegung und Physis.

Die erste Etage bietet dem Besucher so etwas wie eine Ouvertüre. In sechs verschiedenen Formaten, in Öl und den Farben Blau, Grau, und Schwarz, werden die Themen der Bilder weiter oben angerissen. "Schockgefrostete Bewegungsmomente", so charakterisiert Pleyer die von 2016 bis 2018 entstandenen Werke. Die Motive wirkten, als ob jemand auf die Pause-Taste gedrückt hätte. Manche düster-romantische Komponente hat er hineingebracht, angelehnt an den "Film noir" der 1940er Jahre.

Alles in allem bietet "Es frischt auf" viele Spannungsstufen zwischen abstrahierter Scheinräumlichkeit, neo-romantischer Gefühlsregung, klassisch aufgebauter Bildkonstruktion und informeller Gestik. Alles ist bewegt, alles sinnlich akzentuiert, alles exakt am Ungefähren verortet.

(RP)
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