Oper am Bahnhof Geldern: La Traviata zum Mitnehmen

Oper am Bahnhof Geldern : Ganz nah dran an „La Traviata“

Die Oper im kompakten „Espresso-Format“ bescherte mehr als 800 Geldernern einen lauen Sommerabend am Bahnhof.

An der Unterführung am Gelderner Bahnhof fand sich „Die vom wahren Wege Abgekommene“ (La Traviata) in einer Aufführung im „Espresso-Format“ wieder. Bürgermeister Sven Kaiser freute sich über den Zuspruch. Während im vergangenen Jahr 800 Besucher gezählt wurden, waren es diesmal deutlich mehr, so dass die Zuhörer zusammenrücken mussten.

Désirée Brodka nahm dem Publikum mit ihrer charmanten Moderation gleich zu Beginn die Angst vor „Italienischer Oper“ und meinte: „Es reicht völlig aus, wenn Sie ein paar Worte wie ‚Amore‘ – ‚Liebe‘ und ‚ja mai‘ – ‚niemals‘ verstehen.“ Mit Katharina Storck (Erster Violine) als Konzertmeisterin, dem Spanier Alvaro Navarro Diaz (Zweite Violine), Maria Zemlicka (Viola) und Dan Zemlicka (Cello) präsentierte sich ein bestens aufeinander abgestimmtes Quartett, das mit ausgezeichneter Balance, voller Charme, Eleganz und, wo erforderlich, lyrisch feinsinnig musizierte.

Carlos Moreno Pelizari (Tenor) als Alfredo Germont liebte, litt, raste und trauerte vor allem in den Szenen mit Violetta so inbrünstig, dass man nicht umhin kam, seine Leistung als absolut mitreißend anzuerkennen. Seine wohlgefällige Tenorstimme passte sich den vielfältigen Gemütslagen in geradezu idealer Weise an. Agris Hartmanis (Bariton) präsentierte einen tadellosen Part als Alfredos Vater und verhalf der Interpretation durch seine eingehende und besonders treffsichere Stimme zu einem überzeugenden Gesamtbild.

Im Mittelpunkt des Abends stand zweifelsfrei die Rolle der Edelkurtisane Violetta Valéry als „La Traviata“ mit der deutschen Sopranistin Désirée Brodka. Sie füllte die Rolle in allen Momenten aus, ohne dabei ins Steife oder Maskenhafte zu verfallen. Spiel und Gesang bildeten eine ausgeglichene, natürlich wirkende Einheit, die sich am beeindruckendsten in einem wunderbar klar artikulierten und in der Klangfärbung sehr variablen Parlando ausdrückte. Selbst in den Koloraturen behielt ihre Stimme einen auffällig weichen, sehr vibratoarmen Ton, der ihr ermöglichte, präzise und direkt auf die große Skala von Anforderungen zu reagieren, die Verdi in diese Rolle hinein komponiert hat.

Aus dem französischen Bestseller „Die Kameliendame“ von Alexandre Dumas über die Pariser „Halbwelt“ hatte Giuseppe Verdi 1853 eine italienische Oper komponiert und schuf mit Violetta Valéry einen neuen Mythos des Weiblichen: eine beseelte, sinnliche Frau von faszinierendem Zauber. Berühmte Sängerinnen wie Maria Callas, Renata Tebaldi oder Anna Netrebko, um nur einige zu nennen, verkörperten bereits diese Rolle. Die Aufführung wurde von der Stadt, der Sparkasse und dem Verein „Music go“ aus Kaarst initiiert, organisiert und gesponsert. Nach rund 80 Minuten italienischer Oper, charismatischen Akteuren und bester Stimmung wurden die Zuhörer mit dem Trinklied „Brindisi“ in die laue Sommernacht entlassen.

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