#Nippelstatthetze: Olli Waldhauer über Protest gegen Hetze auf Facebook

Olli Waldhauer aus Geldern: Dieser Mann provoziert Facebook mit nackten Brüsten

Der Fotograf Olli Waldhauer protestiert mit einer außergewöhnlichen Aktion gegen Hetze auf Facebook und gegen die Richtlinien des sozialen Netzwerks. Das Bild mit dem Hashtag #Nippelstatthetze ging in kürzester Zeit durch die Decke. Doch wer ist dieser Waldhauer eigentlich? Wir haben mit dem gebürtigen Gelderner gesprochen.

Wer mit Olli Waldhauer telefoniert, merkt sofort, dass er es mit einem Freigeist durch und durch zu tun hat. Was der 41-Jährige zu seiner Facebook-Protestaktion erzählt, ist spannend. Was er über seinen außergewöhnlichen Lebensweg berichtet, ist abenteuerlich. Der gebürtige Gelderner ist einer, der viel und schnell redet, gern schimpft und dabei sehr deutlich wird. Das merken wir gleich zu Beginn des Gesprächs.

Aber zunächst die Hintergründe: Der gebürtige Gelderner postete am vergangen Donnerstag (29. Oktober) ein Foto in dem sozialen Netzwerk. "Eine dieser Personen verstößt gegen die Regeln von Facebook", heißt es auf dem inzwischen massenhaft verbreiteten Bild. Daneben zu sehen: Eine barbusige Frau und ein junger Mann mit Seitenscheitel. Der hält ein Schild in den Händen, auf dem zu lesen ist: "Kauft nicht bei Kanaken!"

Das Foto bringt auf den Punkt, was viele seit langem an der Lösch-Politik von Facebook stört: Während Posts, die Nacktheit zeigen, rigide gelöscht werden, bleiben fremdenfeindliche Äußerungen häufig selbst dann stehen, wenn Nutzer sie bei Facebook melden.

Herr Waldhauer, wie waren die Reaktionen auf ihre Aktion?

Olli Waldhauer Die waren durchaus eher positiv. Der Teil der Anfeindungen ist eher gering. Heute Morgen hab' ich aber noch eine Nachricht bekommen, in der ich als 'dumme Judensau' bezeichnet wurde. Ist mir aber total egal, was so ein dummer Troll schreibt.

An verschiedener Stelle wurde Ihnen vorgeworfen, dass Sie das Foto vielmehr zu werblichen Zwecken auf Facebook gestellt hätten als wegen seiner politischen Botschaft. Wie stehen Sie zu solchen Vorwürfen?

Waldhauer Das ist einfach nur lächerlich und absurd. Ich bin durch und durch politisch. Damals hab ich schon in Geldern die erste Demo gegen Rechte angemeldet, da stehe ich bei der Stadt noch als Organisator drin! Wer sich meine Arbeiten anguckt, der sieht, dass sie zu 75 Prozent politisch sind. Über solche Vorwürfe lache ich nur.

Stimmt, auf ihrer Website finden sich zahlreiche Fotos auch aus Kriegsgebieten. Was war bisher Ihr schlimmstes Erlebnis, das Sie in Verbindung mit der Fotografie hatten?

Waldhauer Das Schlimmste? Hm. Die ersten Bilder habe ich damals mit 20 Jahren während des Jugoslawienkrieges gemacht. Da lagen Leichen auf den Gehwegen, überall. Ich bin von Geldern aus dahin gefahren, habe da humanitäre Hilfe geleistet, Babynahrung verteilt und so. Danach habe ich zehn Jahre lang nicht mehr fotografiert.

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Mit ihrem aktuellen Werk stehen sie nun überall in den Schlagzeilen. Sollte man mit einer weiteren Aktion rechnen?

Waldhauer Für mich ist das eine Form des Protestes. Wenn rechte Idioten ein Asylheim anzuzünden, ist das kein Protest, wenn Linke sich mit der Polizei prügeln, ist das auch kein Protest. Am Ende muss ein Protest zum Dialog führen. Leute müssen anfangen, sich damit auseinanderzusetzen. Es bedarf aber auch eines gewissen Mutes, zu protestieren. Bei dem Bild hat es funktioniert. Ein zweites ist in Planung.

Und woher nehmen Sie ihren Mut?

Waldhauer Ich habe die ISIS schwarze Flaggen setzen sehen. Ich habe im Nordirak mit Menschen gesprochen, die vier Tage lang, entschuldigen Sie die Wortwahl, ihre eigene Pisse trinken mussten. Ich bin auf Minenfeldern gelaufen. Ich war in Kobane. Ich mach' mir doch nicht in die Hosen wegen der Spackos die auf Facebook rummotzen.

Zwar wurde das Foto bereits vielfach geteilt und Waldhauer hat neben einigen negativen Kommentaren viel positives Feedback erhalten, jedoch musste sich der Fotograf einer bestimmten Kritik mehrfach stellen. Einige Facebook-Nutzer werfen dem 41-Jährigen vor, dass er für das Foto eine Frau ausgesucht habe, die körperlich zu perfekt sei, damit ein gängiges Schönheitsideal proklamiere.

"Anfangs hatte ich ein ganz anderes Bild geplant. Da hatte das Model aber drum gebeten, das nicht zu nehmen, weil man da ihren Bauchansatz gesehen hatte. Sie hatte die Befürchtung, dass körperliche Makel zu sehr von der eigentlichen Message ablenken würden. Daher haben wir uns für die 'perfektere' Version entschieden, um möglichst wenig Angrifffläche zu bieten. Trotzdem stehen bei einigen erstmal die körperlichen Merkmale im Fokus. Die Leute gehen echt erst auf die Brüste ein. Aber solange sie nachher auch den Rassismus sehen, ist das okay.", sagt Waldhauer.

Das Model, "Leila Lowfire", sprach ebenfalls mit unserer Redaktion über die Aktion: "Ich wusste direkt, dass die Menschen, sobald sie einen nackten Körper sehen, erst einmal nach Makeln suchen. Und ich wollte nicht, dass mein Körper bei dem Protest im Vordergrund steht, sondern die politische Mitteilung", erzählt Lowfire. Die 23-jährige Berlinerin hatte sich längere Zeit mit Waldhauers Arbeiten beschäftigt, bevor sie für seine Aktion zugesagt hatte. "Als ich gesehen habe, dass er viel mit Flüchtlingen gearbeitet hat und auch in Kriegsgebieten war, wusste ich, dass es wirklich um einen politischen Protest geht- und um nichts anderes", sagt Lowfire.

Waldhauer verrät: "Es ist ein zweites Bild in Planung". In der Fotografie unterscheide man immer zwischen einem Einzelbild und einer Serie. Das Hashtag #Nippelstatthetze biete sich für eine Serie an. "Und außerdem: Hetze gibt es nicht nur gegen Flüchtlinge und Ausländer. Es wird auch gegen Schwule oder Behinderte gehetzt. Hetze ist für mich viel mehr", sagt Waldhauer.

Das #Nippelstatthetze-Bild wurde von Facebook innerhalb weniger Minuten gelöscht, wie auch die Posts vieler Medienunternehmen, die das Foto im Rahmen ihrer Berichterstattung zeigten (auch der von RP ONLINE). Doch es wurde von so vielen Menschen geteilt, dass es nicht mehr aus dem Netz zu verbannen war. Auf ein Statement von Facebook dazu wartet Waldhauer bislang vergeblich.

(skr)
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