Herongen Niederdorf läutet per Hand

Herongen · Die beliebte Hochzeitskapelle in Herongen hat nur eine Glocke. Dafür ist die von 1848 und wird seit jeher mittels Strick in Schwung gebracht. Die Küsterin kennt die richtige Technik.

 Küsterin Margareta Dyx beim Läuten per Hand. Oft versetzt sie die Glocke fürHochzeitspaare in Schwingung.

Küsterin Margareta Dyx beim Läuten per Hand. Oft versetzt sie die Glocke fürHochzeitspaare in Schwingung.

Foto: Seybert, Gerhard

Ein Gleichgewicht finden zwischen Ziehen und Loslassen, das sei dann schon alles, erklärt Margareta Dyx, Küsterin der evangelischen Kirche in Niederdorf. Schon läutet die Glocke aus dem Jahr 1848 in gewohnter Weise. Ein Selbstversuch zeigt allerdings, dass es gar nicht so einfach ist, den Strick zu ziehen, ohne dass er sich in eine wild gewordene Schlange verwandelt.

Es muss also etwas dran sein, wenn das Landeskirchenamt in seinen "Richtlinien für das Glockenwesen der Rheinischen Kirche" aus dem Jahr 1955 schreibt, dass richtiges Läuten eine Kunst sei, die gekonnt sein will. "Es ist also Sorge dafür zu tragen, dass das Läuten nicht Menschen mit ungeübten Händen und ungeschulten Ohren überlassen bleibt." Neben der Beherrschung der Läutetechnik gehöre die rechte innere Haltung dazu. Immerhin sollen die Glocken "als ein aufgerichtetes Zeichen des Glaubens" verstanden werden.

In Niederdorf läuten sie regelmäßig fünf Minuten vor dem Gottesdienst. Natürlich auch vor Hochzeiten, denn die schmucke Kapelle wird gerne von Paaren zur kirchlichen Trauung ausgesucht. Dann läutet sie auch länger als fünf Minuten. Die Küsterin kann sich noch gut an die Braut erinnern, deren Frisur mehr Zeit als erwartet in Anspruch nahm. "Nach über 20 Minuten ist das Läuten schon körperlich anstrengend", sagt Dyx und zeigt die Schwielen an ihren Händen. Da hören die Besucher auch den Unterschied zum maschinellen Geläut. "Nach einer halben Stunde, wird es immer schwächer", sagt sie lachend. Darauf verzichten möchte sie keinesfalls, sie liebt das bewusste Läuten. Zu Weihnachten und anderen Festtagen legt sich die 55- Jährige ganz besonders ins Zeug.

Ursprünglich hatte die Kirche in Niederdorf sogar drei Glocken. Das war vor dem Ersten Weltkrieg, dem zwei Glocken zum Opfer fielen. Erst 1929 wurde eine Glocke ersetzt, am 19. Januar 1930 zum ersten Mal geläutet. Sie stammte von der Glockengießerei Johann Georg Pfeifer in Kaiserslautern, wog 230 Kilo und schlug im Ton "des‘‘. Noch bevor die Gemeinde ihre Absicht verwirklichen konnte, eine dritte Glocke anzuschaffen, wurde das Exemplar aus dem Jahr 1929 beschlagnahmt, wieder zu Kriegszwecken.

Die Glocke aus dem Jahr 1848 hat das alles überstanden. Gegossen wurde sie von Heinrich Schippang in Neuwied. Noch heute läutet sie und trägt die Inschrift: "Allein Gott in der Hoeh sei Ehr". Sie hängt in der Nähe des Hammers eines Uhrwerks, das zur Turmuhr gehört.

Die Stunde wurde früher durch die Glocke geschlagen. Heute ist sie aber nur noch zu hören, wenn die Küsterin am Strick zieht, oder ihre Vertretung. "Den Unterschied hören die regelmäßigen Kirchenbesucher sofort", sagt die Küsterin und lächelt. Es habe auch schon Überlegungen gegeben, die Glocke automatisch läuten zu lassen, sagt Dyx. Aber zu der alten Gründungskirche passe einfach das Geläut per Hand besser.

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