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Naturgartenplanerin aus Kerken schlägt Alarm für mehr heimisches Grün

Für mehr Grün in Garten und Stadt : Naturgartenplanerin schlägt Alarm

Sacha Sohn vom Hilshof in Kerken ist besorgt: Das Insektensterben geht weiter, weil immer mehr Nahrungsgrundlagen verschwinden. Jeder kann etwas dagegen tun, auch Balkonbesitzer, sagt die Ingenieurin.

Insekten sterben, Arten verschwinden, das ist nicht neu. Wie lautet Ihre Botschaft als Landschaftsgärtnerin?

Sacha Sohn Ich komme gerade von der Naturgarten Tagung in Heidelberg. Es war toll und erschreckend zugleich. Wenn wir jetzt nicht reagieren, dann wird das Artensterben weitergehen, weil Nahrungsgrundlagen und Nistmöglichkeiten fehlen. Die Botschaft ist: gut gemeint ist nicht immer gut gemacht.

Was bedeutet das konkret?

Sohn Nur einfach grün und bunt im Garten und in der Landschaft reicht nicht. Die heimischen Insekten sind auf wenige heimische Wildpflanzen spezialisiert. Da hilft eine Forsythie im Garten rein gar nichts. Da fliegen die Insekten hin, verbrauchen nur Energie und haben nichts davon. Die Pflanze hat weder Pollen noch Nektar. Sie ist für Insekten nutzlos. Ähnliches gilt für die Tuja-Hecke. Das ist ein toller Sichtschutz, mehr nicht. Kirschlorbeer ist die totale Katastrophe. Außer, dass sie ein bisschen Sauerstoff produziert, tut sie für die heimische Flora und Fauna gar nichts.

Was ist die Konsequenz? Muss alles raus?

Sohn Ja, wenn kein Platz ist für heimische Gehölze. Natürlich hat jeder so seine Lieblingspflanzen. Aber bei Neuanschaffungen sollte man sich für heimische Pflanzen entscheiden. Bei den Blühpflanzen sind das Königskerzen, Wiesensalbei, Färberkamille, Natternkopf, Engelwurz, Baldrian, Johanniskraut.

Wo bekommt man das?

Sohn Die Gartencenter sind nicht unbedingt darauf vorbereitet. Es gibt Versandgärtnereien, die darauf spezialisiert sind. Außerdem gibt es Naturgartentage, auch auf dem Hilshof in Winternam, bei denen Naturgartenvereine teilweise selbst gezogene Pflanzen anbieten.

Die Alternative zur Tuja-Hecke wäre was, wenn man was für die heimische Tierwelt Nützliches schaffen möchte?

Sohn Bei wenig Platz käme eine Totholz-Hecke in Frage. Zwischen zwei Pfählen wird Totholz gestapelt. Wer das Ganze ein bisschen schön gestalten möchte, lässt Kürbispflanzen oder eine Zaunrübe darüber ranken. Auch die Waldrebe ist von hier. Die Totholz-Hecke bietet Amphibien einen Unterschlupf und Nistmöglichkeiten.

Was ist, wenn ich mir Sorgen darum mache, was meine Nachbarn denken, wenn ich meinen Garten naturnah gestalte?

Sohn Wenn ich davon überzeugt bin, das Richtige zu tun, kann es mir egal sein, was die anderen denken. Außerdem kann mein eigenes Handeln die Nachbarn inspirieren. Wenn nach der Umgestaltung mehr Vögel da sind und meine Weißdornhecke superschön blüht, findet das auch Nachahmer.

Es hat also auch mit Lebensqualität zu tun?

Sohn Auf jeden Fall. Blühende Hecken und Blumen sehen schön aus und sind Labsal für die Seele, genauso wie singende Vögel. Der persönliche Wohlbefinden ist auch betroffen, wenn ich einen Schottervorgarten habe.

Inwiefern?

Sohn Ein Steinvorgarten nimmt im Sommer die Hitze auf, die Steine speichern die Wärme der Sonneneinstrahlung und geben sie auch an das Haus ab, was nicht immer sinnvoll ist, wenn man an die vergangenen heißen Sommer denkt. Pflanzen bieten eine Alternative Gestaltungsmöglichkeit.

Warum fällt es den Menschen so schwer, Pflanzen statt Steine in die Vorgärten zu setzen?

Sohn Zum einen hat das mit dem Vorurteil zu tun, dass viele meinen, ein Naturgarten sei nichts anderes, als den Garten einfach verwildern zu lassen. Das stimmt nicht. Es hat nichts mit Verwildern zu tun, sondern mit gestalten. Und das naturnahe Gestalten geht auch auf kleinstem Raum.

Auch auf dem Balkon?

Sohn Im Internet gibt es den Erfahrungsbericht „Wildermeter - Vom Leben auf einem Münchner Balkon“, der zeigt, dass es funktioniert und welche Insekten und Tiere angelockt werden, wenn man naturnah gärtnert und Nischen schafft. Solche „Trittinseln“ werden immer wichtiger, um Biotope miteinander zu verbinden. Die Vernetzung ist nötig für den genetischen Austausch. Der Schwalbenschwanz wird nur zu mir kommen, wenn ich Fenchel oder Anis für seine Raupen habe und im Umkreis auch das gleiche gemacht wurde. Er muss ja von irgendwo herkommen. Sich zu informieren und nicht irgendwas zu pflanzen, ist wichtig. Aber nicht nur in den Gärten kann viel passieren.

Wen sehen Sie noch in der Pflicht?

Sohn Auch bei den Kommunen muss ein Umdenken erfolgen. Sie sollten Vorreiter sein und könnten auf Straßenbegleitgrün Wildpflanzen aussäen. Die Gemeinde Weeze ist da ein gutes Beispiel.

Wer ist noch gefragt?

Sohn Auch Firmen können ihr Gelände naturnah gestalten, ebenso Kindergärten und Schulen. Die eventuellen Anschaffungskosten sind höher, aber die Pflegekosten sind geringer als bei exotischen Pflanzungen. Das naturnahe Gestalten ist nicht nur optisch schön, sondern auch nützlich. Und es ist höchste Zeit zu handeln.