Geldern: Mit dem VW-Bus nach Syrien

Geldern : Mit dem VW-Bus nach Syrien

Nesrin Omar wohnt in Walbeck. Die gebürtige Syrerin öffnete für das VHS-Projekt "Weltreise durchs Wohnzimmer" ihr Haus und unterhielt die Besucher mit spannenden Erzählungen aus ihrem Heimatland.

Mit dem kleinen VW-Bus in ihrer Hand lädt Nesrin Omar ihre Gäste ein zu einer Busreise nach Syrien. Dazu müssen sie nicht weit fahren, denn sie finden das Land inmitten des schön dekorierten Wohnzimmers der gebürtigen Syrerin.

Der Nachmittag ist Teil des bundesweiten Projekts "Weltreise durchs Wohnzimmer". Dabei öffnen Menschen mit ausländischen Wurzeln für eine "Reisegruppe" von zehn Personen für zwei Stunden ihre Tür. Für Geldern und Umgebung wird "Weltreise durchs Wohnzimmer" organisiert von der VHS Gelderland.

In ausgesprochen gutem Deutsch beginnt Nesrin Omar zu erzählen von ihrer Heimat vor dem Bürgerkrieg: "Für uns ist die Familie das Heiligste im Leben. Die Kinder bleiben bei ihren Eltern, bis sie heiraten, und die Großfamilie trifft sich einmal im Monat. Da wird gekocht und sich ausgetauscht." Mit einem Leuchten in den Augen beschreibt sie weiter: "Wir müssen großzügig zu unseren Gästen sein. So sind wir großgeworden. Und die syrische Küche ist richtig lecker." Die dürfen die Reisenden auch gleich mal probieren mit von Omar vorbereiteten typisch syrischen Snacks. Die Reiseleiterin eröffnet mit ihren Erzählungen einen ganz neuen Blick auf das Land, welches viele nur aus den erschütternden Berichten in den Medien kennen. So können es sich die Besucher lebhaft vorstellen: Das Land, in dem während der sechs Monate Sommer alle draußen auf dem Balkon schlafen, Frauen im Straßenverkehr immer Vorfahrt haben und mindestens 200 Gäste zu einer Hochzeit eingeladen werden.

Besonders schwärmt die sympathische Frau von dem Miteinander der Religionen: "Wir haben viele Religionen in Syrien. Die haben wirklich harmonisch nebeneinander gelebt. So stand neben jeder Moschee eine Kirche - ein schönes Symbol von Verständnis und Respekt. Das hat das Land ausgemacht. Alle Menschen lebten in Toleranz miteinander. Das machte die Stadt bunt. Diese guten Erinnerungen möchte ich in meinem Kopf behalten."

Die Geschichte von Nesrin Omar berührt genauso sehr wie das Land selbst. Als der IS in ihrer Heimatstadt Aleppo drohte, Frauen ohne Kopftuch zu erschießen, entschloss sie sich, Syrien zu verlassen. "Warum sollten die mein Leben bestimmen?", fragte sie sich. Seit drei Jahren und sieben Monaten wohnt Nesrin Omar nun in Deutschland. Ihr syrischer Hochschulabschluss als Computer-Programmiererin wurde von den Behörden nicht akzeptiert. "Ich war 35 Jahre alt, als ich nach Deutschland kam. Alles, was ich gearbeitet habe, haben die nicht akzeptiert. Da musste ich quasi von Null anfangen. Das hat mich viel Kraft gekostet." Von einem Lehrer in Niedersachsen wurde ihr dann glücklicherweise eine Ausbildung zur Sozialarbeiterin angeboten. "Ich habe wirklich nicht geschlafen, weil ich dieses Zertifikat wollte. Es war für mich die einzige Chance, in Deutschland Fuß zu fassen"

Heute arbeitet die "Reiseleiterin" als Sozialarbeiterin für Integration im Jugendamt der Stadt Geldern und hofft, ihre Heimat irgendwann wieder besuchen zu können. Die nächste Weltreise geht nach Schottland im Juni, ist jedoch bereits ausgebucht.

(jaro)