Lore Waskönig und Annette Reinders-Schmitz geben ihren Abschied.

Walbeck: Zwei haben Schule aus — für immer

Nach zusammen über 70 Jahren packen Lore Waskönig und Annette Reinders-Schmitz ihre Sachen in Walbeck.

Fröhliches Gewusel in der großen Pause an der Sankt Luzia Grundschule in Walbeck. „Guck mal, es regnet Bälle“, sagt Lore Waskönig zu ihrer Kollegin Annette Reinders-Schmitz. Tatsächlich ist einer der Fußbälle etwas vom Kurs abgekommen. Die beiden Lehrerinnen nehmen das gelassen. Es ist ein Stück Berufsalltag, aber auch schon ein Puzzlestück für ihre Erinnerungen. Denn beide werden aus den Ferien nicht mehr an die Schule zurückkehren. Müssen sie auch nicht. Zusammen haben sie mehr als 70 Jahre an der Walbecker Grundschule Kinder unterrichtet.

Dass ehemalige Schüler jetzt die Eltern von jetzigen Schülern sind, passiert den beiden Lehrerinnen mit Herz recht häufig. „Unser Rektor, Herr Pentzek, war mein Schüler in meinem allerersten Schuljahr an der Walbecker Schule“, erinnert sich Lore Waskönig. Auch die Schulsekretärin, Alexandra Arians, war in dieser Klasse. „Der Kreis schließt sich, dann ist es Zeit zu gehen“, sagt Lore Waskönig in ihrer trockenen Art. Aber so einfach ist das nicht. „Ich bin ja quasi festgewachsen, ich weiß gar nicht, wie ich weggehen soll.“ Und auch Annette Reinders-Schmitz beschleichen Zweifel, ob das so einfach wird, Adieu zu sagen. „Die Kinder werden fehlen“, sagt sie und blickt auf die bunt durcheinander laufende Menge. „Das Lebhafte“, bestätigt Lore Waskönig.

Für sie hat sich mit dem Beruf Grundschullehrerin tatsächlich ein Kindheitstraum erfüllt. „Mit sieben Jahren wusste ich, dass ich Lehrerin werden möchte“, sagt die 65-Jährige. Ein Erlebnis hat sie entscheidend geprägt. Ihr Großvater väterlicherseits war Volksschullehrer und bekam eines Tages einen riesigen Blumenstrauß geschenkt. „Das ist ein toller Beruf. Das machst du auch“, lautete ab da die Devise. Bei Annette Reinders-Schmitz war es etwas anders. „Ich war die allererste in der Familie, die Abitur machte“, erinnert sie sich. Damals wurde das Gymnasium in ihrer ehemaligen Heimatstadt Kamp-Lintfort neu aufgemacht.

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„Ein Bildungstraum“, sagt Annette Reinders-Schmitz. Mit 16, 17 Jahren gab sie jugoslawischen Gastarbeiterkindern Förderunterricht. „Es macht mir einfach Spaß, mit Kindern zu arbeiten“, stellte die 62-Jährige fest. Ihr ging es aber nie um reine Wissensvermittlung. „Dass sie die Augen aufhalten, das Schöne im Leben entdecken, Freude und Spaß am Lernen haben, über die Schule hinaus“, fasst sie zusammen, was ihr wichtig ist. Lore Waskönig nickt. Ihre Schüler in Richtung mündige Bürger lenken, das war ihr Anliegen. „Ich muss mich nicht mit etwas abfinden, ich darf fragen“, gab sie den Kindern mit auf den Lebensweg. Sie war 26 Jahre als sie an der Sankt Luzia Grundschule in Walbeck anfing. „Fast 40 Jahre“, sagt sie seufzend, aber ohne eine Spur von Reue. „Es war immer ein sehr guter Ort“, pflichtet ihr Annette Reinders-Schmitz bei. 33 Jahre war sie in Walbeck Lehrerin. Vielleicht war es die überschaubare Menge an Schülern, die einen immer zusammenrücken ließ, vielleicht die Dorfgemeinschaft, die es zu einem Ort machte, an dem beide gerne blieben.

Am Freitag geht unter anderem die Klasse 4b von der Grundschule. Es ist die Klasse von Lore Waskönig. Für sie alle beginnt ein neuer Lebensabschnitt, mit dem Unterschied, dass die beiden Lehrerinnen nie wieder zur Schule „müssen“. „Mehr Zeit zu haben, einfach für alles“, stellt sich Annette Reinders-Schmitz vor. „Mein Garten wird neu frisiert“, nennt Lore Waskönig ein mögliches Projekt, weit ab vom Schulalltag.

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